Die Katastrophe von Port Said

»Das war ein Krieg und er war geplant!«

Mehr als 70 Tote, hunderte zum Teil schwer verletzte Fans: Die  Ausschreitungen von Port Said schockierten die Welt. Bei der  schlimmsten Katastrophe in der Geschichte des ägyptischen Sports sind Menschen erschossen, erstochen und erstickt worden. Heute jährt sich die Katastrophe zum fünften Mal. 

Die Katastrophe von Port Said
Heft: #
183

HINWEIS: Dieser Artikel erschien einen Tag nach den Protesten im Jahr 2012 auf 11freunde.de. Wie geht es den Hinterbliebenen und Ultras von Port Said heute? Für die Titelgeschichte unserer aktuelle Ausgabe #183 haben wir sie getroffen und erzählen ihre Geschichte.

Magisch sei es gewesen. Das Gefühl der völligen Freiheit beim ersten Fußballspiel nach der Flucht von Ägyptens Diktator Hosni Mubarak. Davon hat Amr Fahmy, Sprecher der »Ultras Ahlawy«, im Interview mit 11FREUNDE berichtet: »Man konnte es auf den Gesichtern der Fans lesen: Hier stehen freie Ägypter, die keine Angst mehr haben müssen, dass jeden Moment eine Gummikugel in die Menge geschossen wird.« Das war im März 2011. Jetzt ist die Angst zurück.

Bei den schweren Ausschreitungen nach dem Spiel zwischen den ägyptischen Klubs Al-Masry und Al-Ahly, sollen nach offiziellen Angaben mindestens 70 Menschen gestorben und mehrere Hundert zum Teil schwer verletzt worden sein. Unter den Opfern sind vor allem Ultras des Traditionsvereins Al-Ahly. Menschen wie Amr Fahmy, dessen Ultragruppierung »Ultras Ahlawy« gemeinsam mit den »Ultras Devils« den Ton in der Kurve von Al-Ahly angibt.

Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? 

Bereits vor dem Anpfiff kommt es im Stadion zu ersten Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Fans von Al-Ahly und Gastgeber Al-Masry. Steine und Flaschen fliegen in den Auswärtsblock. Angeblicher Auslöser für diese erste Welle der Gewalt soll ein Banner sein, auf dem Al-Ahly-Fans ihren Kontrahenten fehlende Potenz unterstellen. Der Anpfiff der Partie verzögert sich deshalb um eine halbe Stunde. Anhänger von Al-Masry, deren Team überraschend mit 3:1 gewinnt, stürmen anschließend nach jedem Treffer den Rasen, mehrfach werden dabei auch Spieler von Al-Ahly attackiert. Bilder des ägyptischen Fernsehens zeigen vermummte Zuschauer, die Leuchtraketen in den Gästeblock feuern. 

Rainer Zobel sagt: »Es gab auch einige Male Tote.«

Schlimme Szenen, doch bis zu diesem Zeitpunkt, zumindest für ägyptische Verhältnisse, keineswegs unnormal. Rainer Zobel, zwischen 1997 und 2000 Trainer von Al-Ahly und bis 2006 als Übungsleiter in Ägypten tätig, sagt im Interview mit 11FREUNDE: »Es gab es auch damals schon Vorfälle, bei denen die Stadiontore eingedrückt oder Steine aufs Spielfeld geschmissen wurden. Es gab auch einige Male Tote.« 

Die Gewalt von Port Said eskaliert erst nach dem Schlusspfiff. 

Fernsehbilder zeigen, wie hunderte, schließlich tausende Zuschauer das Spielfeld stürmen und die Spieler von Al-Ahly bis in den Kabinentrakt verfolgen. Auf den Tribünen versuchen Gäste-Fans panisch die Ausgänge zu erreichen. Raketen und Steine fliegen, man sieht wüste Prügeleien und schließlich ein riesiges Menschenknäuel, das sich vor den Ausgängen hinter dem Tor drängt. Was genau in dem unübersichtlichen Gewühl geschieht, sieht man nicht.

Das etwas passiert, wird spätestens klar, als den Radiosender »Modern Korta« ein Anruf aus der Kabine von Al-Ahly erreicht. Am Telefon ist Verteidiger Ahmed Fathi, er schreit: »Wir sind gefangen in der Umkleide, alle Spieler wurden geschlagen!« Auf der Facebook-Seite der »Ultras Ahlawy« erscheint ein Eintrag: »Der erste Tote. Wir gehören zu Gott und zu ihm kehren wir zurück.«

Während sich die Spieler gemeinsam mit immer mehr Fans im Kabinentrakt verbarrikadieren, lässt sich das Schicksal derer, die noch im Stadioninneren sind, nur erahnen. Der »Guardian« zitiert schon einige Stunden nach dem Spiel den Al-Ahly-Fan Ahmed Ghaffar. Dessen Augenzeugenbericht liest sich wie ein Frontbericht: »Wir wurden mit Stöcken, Messern, Steinen, Glasscherben, Feuerwerk und allen möglichen Waffen angegriffen. Wir wollten uns ihnen entgegenstellen, aber es waren zu viele. Wir rannten die Treppen hinunter, zu den Ausgängen. Aber die Ausgänge waren versperrt, vor der Tür standen Soldaten und ließen uns nicht vorbei. Wir waren gefangen.« Die meisten Menschen, so steht es später in einem Bericht der ägyptischen Gesundheitsbehörde, sterben genau hier: Vor den verschlossenen Türen. Sie werden in der Panik totgetrampelt, ersticken in der Masse oder werden von den bewaffneten Angreifern tödlich verletzt. Zuschauer, die es nicht bis zu den Ausgängen geschafft haben, werden vom Mob über die Tribünen gejagt, einige sterben, weil sie sich vor lauter Angst über die Balustrade am Oberrang stürzen.

»Es liegen Hundert Verwundete in den Fluren!«

Im Kabinentrakt spielen sich furchtbare Szenen ab. Das Fernsehen zeigt die weinenden Fußballer, viele telefonieren, einige kümmern sich um verletzte Mitspieler oder Fans, die mit Schnittwunden oder Prellungen auf den Bänken kauern. Auf dem Boden liegt ein junger Mann, er atmet schwer und wird von Al-Ahlys Mannschaftsarzt notdürftig versorgt. Ahmed Nagi, der Torwarttrainer, gibt einem Reporter des ägyptischen Staatsfernsehens ein kurzes Interview: »Einer der Fans ist in der Kabine gestorben. Und es liegen Hundert Verwundete in den Fluren!« 
Auf der Facebook-Seite der »Ultras Ahlawy« erscheint der nächste Eintrag: »In der Umkleidekabine ist jemand gestorben.« 

Während die Krawalle im Stadion von Port Said weitergehen, findet im Cairo International Stadium das Spiel zwischen Al-Ahlys Stadtrivale Zamalek SC und Al-Ismailiya statt. In der Halbzeitpause teilt Zamaleks Trainer Hassan Shehata seinen Spielern mit, was in Port Said passiert ist. Die Mannschaft beschließt einstimmig, nicht mehr weiterspielen zu wollen, der Schiedsrichter bricht die Partie beim Stand von 2:2 vorzeitig ab. Fernsehbilder zeigen, wie wütende Zamalak-Anhänger anschließend einen Teil ihrer eigenen Tribüne anzünden.



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