Die Katastrophe von Port Said

»Das war ein Krieg und er war geplant!«

Mehr als 70 Tote, hunderte zum Teil schwer verletzte Fans: Die Ausschreitungen von Port Said schockieren die Welt. Bei der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte des ägyptischen Sports sind Menschen erschossen, erstochen und erstickt worden. Wer ist dafür verantwortlich? Die Katastrophe von Port Said

Magisch sei es gewesen. Das Gefühl der völligen Freiheit beim ersten Fußballspiel nach der Flucht von Ägyptens Diktator Hosni Mubarak. Davon hat Amr Fahmy, Sprecher der »Ultras Ahlawy«, im Interview mit 11FREUNDE berichtet: »Man konnte es auf den Gesichtern der Fans lesen: Hier stehen freie Ägypter, die keine Angst mehr haben müssen, dass jeden Moment eine Gummikugel in die Menge geschossen wird.« Das war im März 2011. Jetzt ist die Angst zurück.

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Bei den schweren Ausschreitungen nach dem Spiel zwischen den ägyptischen Klubs Al-Masry und Al-Ahly, sollen nach offiziellen Angaben mindestens 70 Menschen gestorben und mehrere Hundert zum Teil schwer verletzt worden sein. Unter den Opfern sind vor allem Ultras des Traditionsvereins Al-Ahly. Menschen wie Amr Fahmy, dessen Ultragruppierung »Ultras Ahlawy« gemeinsam mit den »Ultras Devils« den Ton in der Kurve von Al-Ahly angibt.

Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?

Bereits vor dem Anpfiff kommt es im Stadion zu ersten Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Fans von Al-Ahly und Gastgeber Al-Masry. Steine und Flaschen fliegen in den Auswärtsblock. Angeblicher Auslöser für diese erste Welle der Gewalt soll ein Banner sein, auf dem Al-Ahly-Fans ihren Kontrahenten fehlende Potenz unterstellen. Der Anpfiff der Partie verzögert sich deshalb um eine halbe Stunde. Anhänger von Al-Masry, deren Team überraschend mit 3:1 gewinnt, stürmen anschließend nach jedem Treffer den Rasen, mehrfach werden dabei auch Spieler von Al-Ahly attackiert. Bilder des ägyptischen Fernsehens zeigen vermummte Zuschauer, die Leuchtraketen in den Gästeblock feuern.

Rainer Zobel sagt: »Es gab auch einige Male Tote.«

Schlimme Szenen, doch bis zu diesem Zeitpunkt, zumindest für ägyptische Verhältnisse, keineswegs unnormal. Rainer Zobel, zwischen 1997 und 2000 Trainer von Al-Ahly und bis 2006 als Übungsleiter in Ägypten tätig, sagt im Interview mit 11FREUNDE: »Es gab es auch damals schon Vorfälle, bei denen die Stadiontore eingedrückt oder Steine aufs Spielfeld geschmissen wurden. Es gab auch einige Male Tote.«

Die Gewalt von Port Said eskaliert erst nach dem Schlusspfiff.

Fernsehbilder zeigen, wie hunderte, schließlich tausende Zuschauer das Spielfeld stürmen und die Spieler von Al-Ahly bis in den Kabinentrakt verfolgen. Auf den Tribünen versuchen Gäste-Fans panisch die Ausgänge zu erreichen. Raketen und Steine fliegen, man sieht wüste Prügeleien und schließlich ein riesiges Menschenknäuel, das sich vor den Ausgängen hinter dem Tor drängt. Was genau in dem unübersichtlichen Gewühl geschieht, sieht man nicht.

Das etwas passiert, wird spätestens klar, als den Radiosender »Modern Korta« ein Anruf aus der Kabine von Al-Ahly erreicht. Am Telefon ist Verteidiger Ahmed Fathi, er schreit: »Wir sind gefangen in der Umkleide, alle Spieler wurden geschlagen!« Auf der Facebook-Seite der »Ultras Ahlawy« erscheint ein Eintrag: »Der erste Tote. Wir gehören zu Gott und zu ihm kehren wir zurück.«

Während sich die Spieler gemeinsam mit immer mehr Fans im Kabinentrakt verbarrikadieren, lässt sich das Schicksal derer, die noch im Stadioninneren sind, nur erahnen. Der »Guardian« zitiert schon einige Stunden nach dem Spiel den Al-Ahly-Fan Ahmed Ghaffar. Dessen Augenzeugenbericht liest sich wie ein Frontbericht: »Wir wurden mit Stöcken, Messern, Steinen, Glasscherben, Feuerwerk und allen möglichen Waffen angegriffen. Wir wollten uns ihnen entgegenstellen, aber es waren zu viele. Wir rannten die Treppen hinunter, zu den Ausgängen. Aber die Ausgänge waren versperrt, vor der Tür standen Soldaten und ließen uns nicht vorbei. Wir waren gefangen.« Die meisten Menschen, so steht es später in einem Bericht der ägyptischen Gesundheitsbehörde, sterben genau hier: Vor den verschlossenen Türen. Sie werden in der Panik totgetrampelt, ersticken in der Masse oder werden von den bewaffneten Angreifern tödlich verletzt. Zuschauer, die es nicht bis zu den Ausgängen geschafft haben, werden vom Mob über die Tribünen gejagt, einige sterben, weil sie sich vor lauter Angst über die Balustrade am Oberrang stürzen.

»Es liegen Hundert Verwundete in den Fluren!«

Im Kabinentrakt spielen sich furchtbare Szenen ab. Das Fernsehen zeigt die weinenden Fußballer, viele telefonieren, einige kümmern sich um verletzte Mitspieler oder Fans, die mit Schnittwunden oder Prellungen auf den Bänken kauern. Auf dem Boden liegt ein junger Mann, er atmet schwer und wird von Al-Ahlys Mannschaftsarzt notdürftig versorgt. Ahmed Nagi, der Torwarttrainer, gibt einem Reporter des ägyptischen Staatsfernsehens ein kurzes Interview: »Einer der Fans ist in der Kabine gestorben. Und es liegen Hundert Verwundete in den Fluren!«
Auf der Facebook-Seite der »Ultras Ahlawy« erscheint der nächste Eintrag: »In der Umkleidekabine ist jemand gestorben.«

Während die Krawalle im Stadion von Port Said weitergehen, findet im Cairo International Stadium das Spiel zwischen Al-Ahlys Stadtrivale Zamalek SC und Al-Ismailiya statt. In der Halbzeitpause teilt Zamaleks Trainer Hassan Shehata seinen Spielern mit, was in Port Said passiert ist. Die Mannschaft beschließt einstimmig, nicht mehr weiterspielen zu wollen, der Schiedsrichter bricht die Partie beim Stand von 2:2 vorzeitig ab. Fernsehbilder zeigen, wie wütende Zamalak-Anhänger anschließend einen Teil ihrer eigenen Tribüne anzünden.

83 Tote? 76 Tote? 75 Tote?

In Port Said hat sich die Lage etwas beruhigt, wenn man so etwas in einer Ausnahmesituation wie dieser überhaupt sagen kann. Die ersten Agenturen und Nachrichtensender vermelden die Zahl der Opfer. 83 Tote, mehr als 1000 Verletzte. 78 Tote, knapp 1000 Verletzte. 76 Tote, 75 Tote – inzwischen soll es nach offiziellen Angaben 71 Todesopfer und mindestens 500 zum Teil schwer verletzte Fans, Fußballer und Sicherheitskräfte gegeben haben. Ein Verantwortlicher des El-Amiri-Krankenhauses von Port Said wird auf Spiegel-Online mit einer grausamen Aufzählung zitiert: »In meiner Klinik liegen elf Tote, in zwei anderen sind weitere 25, und im Stadion sind drei Menschen gestorben.« Ein furchtbares Blutbad. Unter Tränen spricht Mohammed Abu Trika, einer der Stars von Al-Ahly, in die Mikrophone: »Das ist wie Krieg! Ist das Leben etwa nur so wenig wert?«

Wer ist für diesen Krieg verantwortlich?

»Die Schuld hat einzig und allein die Polizei. Es waren Dutzende im Stadion, aber die sind plötzlich alle verschwunden oder haben gar nichts unternommen«, ruft Al-Ahly-Trainer Manuel José seinen portugiesischen Landsleuten vom Fernsehkanal SIC in die Kameras. Und Co-Trainer Oscar Elizondo sagt: »Es gab 3000 Polizisten und wohl niemand wurde verhaftet. Das Verhalten der Polizei war eine Schande!« Zwar soll es inzwischen mehr als 50 Festnahmen gegeben haben, aber das Verhalten der Sicherheitskräfte im Stadion lässt tatsächlich einige offene Fragen zurück. Warum wurde das Spielfeld und der Gästeblock nicht noch stärker gesichert, nachdem Fans und Spieler der Gäste von Al-Ahly bereits vor dem Spiel attackiert worden waren? Wie konnte es die Polizei zulassen, dass tausende zum Teil bewaffnete Zuschauer nach dem Spiel den Rasen stürmen konnten. Warum konnten die Angreifer überhaupt so viele Waffen mit ins Stadion schmuggeln?

Zumindest darauf kann Ägypten-Kenner Rainer Zobel eine Antwort geben. Er erinnert sich: »Manchmal versammelten sich 3000 Soldaten auf den Rängen und 1000 Polizisten standen in den Straßen rund ums Stadion. Doch die Checks an den Eingängen waren lächerlich. Da wurde man nicht mal abgetastet.« Das erklärt die Stöcke, Messer, Steine und Flaschen, nicht aber die Passivität der Einsatzkräfte. Der für das Spiel zuständige Militärvertreter Ahmed Gamal erklärt zwar in der Donnerstags-Ausgabe der Tageszeitung »Al-Tahrir«, es habe »einen guten Sicherheitsplan gegeben«, doch die TV-Bilder beweisen eher das Gegenteil. Regungslos lassen die Polizisten den rasenden Mob auf das Spielfeld rennen, in einer Szene hantiert ein Beamter gar mit seinem Mobiltelefon. Ein furchtbarer Verdacht: Haben die Polizisten das Unglück bewusst geschehen lassen? »Das war ein Krieg und er war geplant«, sagt Ehe Ali, der Mannschaftsarzt von Al-Ahly. In der BBC behauptet Al-Ahlys Teamoffizieller Hanan Zeini: »Solche Dinge passieren nicht einfach so, das war alles arrangiert!«

Wer waren die Mörder von Port Said?

Stunden nach den ersten Schreckensmeldungen nimmt Feldmarschall Hussein Tantawi, der starke Mann im ägyptischen Militärrat, Stellung zu den Vorwürfen: »Solche Ereignisse passieren überall auf der Welt. Wir werden die Verantwortlichen nicht davon kommen lassen.« Verantwortlich sei nicht das Militär, höchstens die für das Spiel zuständige Polizei. Und dann sagt er noch: »Das wird Ägypten nicht kleinkriegen.« Laut Nachrichtenagentur AFP wird der Chef der Sicherheitskräfte von Port Said nach dieser kurzen Stellungnahme entlassen.

Die Polizei hat versagt, die Militärregierung gibt jegliche Verantwortung ab. Wer aber waren die Angreifer, die Totschläger und Mörder von Port Said? Hasserfüllte Fußballfans, die ihrer Rivalität freien Lauf ließen und für ein Massaker sorgten? Daran gibt es zumindest Zweifel. Auf ihrer Facebook-Seite distanzieren sich die »Ultras Green Eagles«, eine Ultra-Gruppierung von Al-Masry, von den Gräueltaten. »Wir haben mit dieser Sache nichts zu tun«, heißt es da, außerdem sei man vor dem Spiel von dubiosen Gestalten gezwungen wurden, Karten für das Spiel gegen Al-Ahly abzugeben. Wael Qandeel, Chefredakteur der Zeitung »Al-Shorouk« schreibt am Morgen nach der Katastrophe, die Polizei von Port Said habe bereits vor dem Spiel einen Hinweis bekommen, dass eine Vielzahl von mit Handfeuerwaffen ausgestattete Ex-Sträflingen auf dem Weg ins Stadion sei. Und der Journalist Mohamed Beshir twittert: »Alle meine Freunde, die bei diesem Spiel waren, sind sich sicher, dass sie nicht von gegnerischen Fußballfans, sondern von irgendwelchen anderen Typen angegriffen worden sind.«

»Ein gezielter Angriff auf die Ultras«

Handfeuerwaffen? Tatsächlich bestätigt das ägyptische Gesundheitsministerium, dass einige der Al-Ahly-Anhänger durch Schussverletzungen in den Kopf getötet wurden. Was wiederum dafür spricht, dass organisierte Mörder auf die Fußball-Fans aus Kairo losgelassen worden sind. Hamdeen Sabahi, einer der einflussreichsten Oppositionspolitiker und Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Juni 2012, nimmt kein Blatt vor den Mund: »Das ist ein gezielter Angriff auf die Ultras von Al-Ahly, die in der Revolution vom 25. Januar so eine wichtige Rolle gespielt haben!«

Die Ultras von Al-Ahly. Die »Ultras Ahlawy« mit ihrem Sprecher Amr Fahmy. Im März 2011, nach der ägyptischen Revolution, bei der seine Gruppe eine entscheidende Rolle bei den Straßenkämpfen um die Macht gespielt hatte, sagte Fahmy im 11FREUNDE-Interview: »Wir sind in den Straßenkämpfen eher wie bei den Auseinandersetzungen im Stadion aufgetreten: geschlossen auf die Polizisten los, als sie ihre Knüppel auspackten. Das war ein Krieg, und wir haben ihn gewonnen.« Hat sich das aktuelle Regime, ein Militärrat, bestehend aus einer Vielzahl ehemaliger Mubarak-Gefolgsleute, an den Fußball-Fans gerächt? »Heute Abend«, zitierte Spiegel-Online den ägyptischen Journalisten Ayman Hamed noch in der gestrigen Nacht, »hat jemand Rache an der Revolution geübt.«

Mord- und Totschlag für das »Notstandsgesetz«?

War es Rache oder vielleicht sogar politisches Kalkül gepaart mit beispielsloser Skrupellosigkeit? Denn das ist ein weiterer Vorwurf: Das Regime, so behaupten Fans, Oppositionspolitiker und Journalisten unisono, suche nach triftigen Gründen, um das Notstandsgesetz wieder in Kraft treten zu lassen. Im Frühjahr 2011 war dieses Gesetz, das den Behörden die grundlose Festnahme von Aktivisten und Regimegegnern erlaubt, ein Grund für die aufkeimende blutige Revolution gewesen. »Der Militärrat profitiert von den Unruhen«, schreibt denn auch Spiegel-Online. Beweise gibt es dafür bislang nicht. Auch die Antwort von Feldmarschall Hussein Tantawi (»Die Ägypter wissen, wer dahinter steckt«) hinterlässt lediglich noch größere Fragezeichen.

In Port Said haben sich am Donnerstagmittag die ersten Demonstranten versammelt, bereits am gestrigen Abend hatten sich am Kairoer Hauptbahnhof tausende Fans von Al-Ahly und dem eigentlich verhassten Klub Zamalek getroffen, um gemeinsam die Toten zu betrauern und ihren Unmut gegen das Regime zu äußern. »Wir wollen den Kopf des Feldmarschalls«, rufen die Menschen auch in Port Said. Und sie wollen der Welt zeigen, dass die Fans von Al-Masry keine Schuld trifft: »Port Said ist unschuldig«, »Die Wahrheit«, brüllen die Leute. Auf der Internetpräsenz des englischen »Guardian« steht ein Satz von Al-Masry-Anhänger Mohamed Abdel Fattah: »Das ist eine einzige Verschwörung – wir würden unseren Brüdern aus Kairo so etwas niemals antun!« Für die kommenden Tage und Wochen erwarten ägyptische Beobachter weitere Demonstrationen, Oppositionsgruppen haben angekündigt, einen Generalstreik ausrufen zu wollen. Ägypten kommt nicht zur Ruhe.

Und Amr Fahmy ist bislang noch immer nicht zu erreichen.

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