Die Karriere des Scholli

»Für uns ist er wie ein Heiliger«

Mehmet Scholl war der Helmut Kohl des Fußballs, nur sympathischer. Menschen kamen zur Welt, da dribbelte er schon durch die Liga. Und als diese Menschen den Führerschein machten, dribbelte er immer noch. Jetzt nicht mehr. Leider. Ein Rückblick. Die Karriere des Scholli
Heft #70 09 / 2007
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Als der junge Scholl noch in der A-Jugend des Karlsruher SC kickte, bettelte er regelrecht darum, bei den Profis mittrainieren zu dürfen. Trainer Winfried Schäfer gab dem Flehen nach, jedoch ohne besondere Notiz von dem kleinen, schmächtigen Deutschtürken zu nehmen. Nachdem Mehmet sich ihm vorgestellt hatte, rief der Coach die Mannschaft zusammen und sagte: „Das ist der Ahmet, der trainiert jetzt bei uns mit“. Während Schäfer anfängliche Skepsis ob der Bundesligatauglichkeit des Leichtgewichtes hegte, hatte Scholl in KSC-Amateurtrainer Reiner Ulrich, gleichzeitig Co-Trainer des Profiteams, einen Vertrauten, Förderer und Fürsprecher, der ihm ein wichtiger Begleiter auf dem Weg in die Bundesliga wurde.

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Kurze Zeit später kannte nicht nur „Winnie“ Schäfer Scholls richtigen Namen, sondern ganz Fußballdeutschland. 1990, im Alter von 19 Jahren, feierte der ballgewandte Mittelfeldspieler sein Debüt in der Bundesliga. Schnell erspielte er sich beim KSC einen Stammplatz und machte mit seiner erfrischenden Spielweise die ganze Bundesliga auf sich aufmerksam. Die Topklubs Eintracht Frankfurt, Borussia Dortmund und Bayern München buhlten um den Nachwuchsstar. 1992 entschied sich Scholl letztendlich für einen Wechsel nach München, wozu nicht zuletzt ein Abendessen im Hause von Bayern-Manager Uli Hoeneß den Ausschlag gab. Dort wurde auch der Grundstein für das innige Verhältnis der beiden zueinander gelegt.

Nach dem Wechsel vom KSC zu den Bayern hatte Scholl jedoch große Startschwierigkeiten. Er wurde häufig nur ein- oder ausgewechselt und ließ seine Torgefahr vermissen. Teile der Presse stempelten ihn bereits als Fehleinkauf ab. Doch insbesondere Hoeneß hatte absolutes Vertrauen in die Fähigkeiten Scholls und stärkte ihm stets den Rücken. Und schon bald setzte Scholl sich durch.

Auch abseits des Platzes zeigte Scholli seine Qualitäten. In den Interviews präsentierte er sich ebenso wort- wie auf dem Spielfeld ballgewandt. Seine kesse Lippe machte ihn zu einem beliebten Gesprächspartner der Medien. Regelmäßig zierte er das Cover der „Bravo-Sport“ und avancierte zum absoluten Mädchenschwarm. Ohne dass es von ihm selbst beabsichtigt war, hatte er sein Image als frecher Jungspund verpasst bekommen.

„Die Wahrheit kann ich Dir nicht sagen, und der Rest ist ein Scheiß“


Dieser Ruf hing ihm lange an. Selbst als Scholl längst zum erwachsenen Mann gereift war, galt er in der Öffentlichkeit noch immer als Talent und jugendliches Teenie-Idol. „Besser ewiges Talent als gar kein Talent“, konterte Scholl noch. Doch im Laufe der Jahre nahm er sich in der Öffentlichkeit mehr und mehr zurück. ARD-Kommentator Waldemar Hartman erklärte er seine Zurückhaltung gegenüber ihm und der Journaille im Allgemeinen einst mit den Worten: „Die Wahrheit kann ich Dir nicht sagen, und der Rest ist ein Scheiß.“

Dieser stete Rückzug sei vermutlich ein wichtiger Grund gewesen, warum er 15 Jahre im Haifischbecken des FC Bayern München überlebt habe, meint Scholl selbst. Ohne Zweifel hat er sich in der Öffentlichkeit und auch bei den Bayern-Verantwortlichen schadlos gehalten. „Die Vertragsverhandlungen haben immer nur ein paar Minuten gedauert“, gibt Uli Hoeneß zu Protokoll, und Scholl habe dabei „nie eine Zitrone auszuquetschen versucht“, wie Aufsichtsratsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge anmerkt. Und gerührt fügt er hinzu: „Für uns ist er wie ein Heiliger.“ Andere Bayern-Größen wie Matthäus, Effenberg oder auch Ballack ist das nicht ansatzweise geglückt.

In seinen 15 Jahren beim FCB hat der gebürtige Karlsruher auf Vereinsebene alle erdenklichen Titel gewonnen. Neben zahlreichen Deutschen Meisterschaft und Pokalsiegen stechen dabei der den UEFA-Pokalsieg 1996 und der Champions League-Triumph 2001 hervor. Seine stärkste Phase hatte Scholl in der großen Bayern-Zeit von 1999 bis 2001, als die Bayern die erfolgreichste Mannschaft Europas stellten und er fester Bestandteil dieses Teams war.

Es war ein Auf und Ab

Doch Scholl durchlebte in all den Jahren auch schwierige Zeiten. Zahlreiche Verletzungen begeleiteten ihn während seiner gesamten Karriere. Im bitteren Champions-League-Drama gegen ManU war Scholl einer der Hauptdarsteller, als er den Ball nach einer unnachahmlichen Scholl-Einlage in der zweiten Halbzeit mit einer Heber von der Strafraumkante nur an den Innenpfosten setzte. Das 2:0 hätte wohl die Entscheidung zu Gunsten der Bayern bedeutet. Stattdessen starb Bayern in der Nachspielzeit den Sekundentod.

Im Finale zwei Jahre später gegen den FC Valencia wäre er fast aufs Neue zum tragischen Helden geworden, als er sich für den Verein beinahe aufopferte. Um im Endspiel dabei sein zu können, lief er trotz Kapselriss, Innenbandriss, Außenband- und Syndesmoseband-Teilabriss auf, was nur durch einen intensiven medizinischen Eingriff von Mannschaftsarzt Dr. Müller Wohlfahrt möglich gemacht worden war. In der ersten Halbzeit bekam Bayern beim Spielstand von 0:1 einen Elfmeter zugesprochen. Scholl trat an, doch durch unglückliche Umstände („Der Elfmeterpunkt lag in einer Kuhle, und der Schiedsrichter erlaubte mir nicht, den Ball ein klein wenig zu verlegen“) verschoss er den Strafstoß. Die Bayern triumphierten letztlich doch, und mit dem Gewinn der Champions League war Scholl 2001 auf dem sportlichen Höhepunkt seiner Karriere.

Doch das hohe gesundheitliche Risiko, das Scholl für sein Mitwirken im Finale eingegangen ist, sollte sich rächen. Nach dem Finale kam Scholl nie wieder richtig auf die Beine. So absolvierte er von da an nie mehr als 20 Bundesligaspiele pro Saison. Sein verletzungsanfälliger Körper ließ einfach nicht mehr zu. Durch seinen langsamen Abschied aus dem Bundesligafußball, ist beinah ein wenig in Vergessenheit geraten, welch ein herausragender Spieler Scholl insbesondere in seinen Glanzzeiten war.

Das Erstaunliche an Mehmet Scholl ist, dass er es ihm gelungen ist, die Sympathien nahezu aller deutscher Fußballfans auf sich zu vereinigen. Solch angesehene Spieler hat es im deutschen Fußball nur wenige gegeben, am ehesten noch Uwe Seeler oder Rudi Völler. Doch im Unterschied zu ihnen hat Scholl zum einen den Großteil seiner Karriere für den polarisierenden FC Bayern gespielt, und zum anderen hat er in der Nationalmannschaft – trotz des Titelgewinns bei der EURO 1996 in England – nur selten an seine Leistungen aus dem Verein anknüpfen können. An einer WM hat Scholl nie teilgenommen. Umso höher ist es zu bewerten, dass Mehmet Scholl in der Öffentlichkeit diese außergewöhnliche Hochachtung genießt.

Nach dem Ende seiner Karriere will sich Scholli nun eine Auszeit nehmen. Diese kann ein Jahr dauern oder auch länger. Wie lange, das weiß er selbst noch nicht. Es bleibt zu hoffen, dass er eines Tages in irgendeiner Funktion in den Fußball zurückkehren wird. Vielleicht gehörte er nicht zu den allergrößten Fußballern, die die Bundesliga hervorgebracht hat. Doch zweifelsohne ist Mehmet Scholl eine der größten Persönlichkeiten des deutschen Fußballs der letzten Jahrzehnte.

Also: Auf Wiedersehen, Scholli!

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