28.04.2013

Die hollywoodreife Saison der Western Sydney Wanderers

Die Indianer von Sydney

Es klingt nach Hollywood: Ein Verein wird neu gegründet, bastelt innerhalb weniger Monate an der Infrastruktur, holt ein paar aussortierte und vereinslose Spieler zusammen und hat ein halbes Jahr später die beste Mannschaft und die enthusiastischsten Fans des Landes. Nur Filmstoff? Nicht in Australien. Dort legten die Western Sydney Wanderers ein erstes Vereinsjahr hin, das es in sich hatte.

Text:
John Hennig
Bild:
Imago

Das Happy End blieb aus. Wie in einem dramaturgisch nicht allzu einfallslosen Sportfilm bleibt den Western Sydney Wanderers vorerst der absolute Triumph verwehrt. Der Verein war zuletzt die Geschichte des australischen Sports. Filmreif steuerte die Mannschaft im ersten Jahr ihres Bestehens von Erfolg zu Erfolg, wurde zu einer gewaltigen rot-schwarzen Bewegung. Doch im Grand Final um die australische Meisterschaft wurde die Mannschaft ohne viel Drama von den Central Coast Mariners besiegt, einer Mannschaft, seit Jahren zusammengewachsen und etabliert, die relativ unbemerkt durch die Saison zog, sich als zweitbestes Team für die Playoffs qualifizierte und dort all seine Erfahrung ausspielte.

Am Tag danach konzentriert sich trotzdem alles auf die Verlierer. Im Land von Rugby, Aussie Rules Football, Cricket und Golf haben zuletzt alle ein wenig vergessen, dass Fußball hier nur ein Nischendasein fristet. Die Western Sydney Wanderers, vor einem Jahr gegründet, stießen vor allem in den Vororten im Westen Sydneys sofort auf Gegenliebe. Viele Beobachter sagen, die Region habe schon länger auf eine A-League-Mannschaft gewartet. Schnell entwickelten sich die Fans nach europäischem Vorbild zur stimmungsvollsten aber auch gefürchtetsten Kurve Down Under. Bei Heimspielen wurden in den Halbzeitpausen einfach hundert statt wie in den anderen Städten ein paar Dutzend lokaler Kinder auf den Platz geschickt, auch zur Freude ganzer Familien, die einen weiteren Antrieb hatten, ins Stadion in Parramatta, 30 Kilometer westlich von Sydney, zu kommen. Am Ende strömten selbst zu den Auswärtsspielen tausende rot und schwarz gekleidete Anhänger, wo sich sonst eine wackere Busladung Fans in den Auswärtskurven einfindet.

Jerome Polenz sorgt als Pikachu für Furore

Mittendrin gab es kleine gelbe Farbtupfer. Der Deutsche Jerome Polenz, talentierter Nachwuchsspieler bei Werder Bremen, der den Durchbruch nicht schaffte und bei Alemannia Aachen und Union Berlin zunehmend sportlich ins Abseits geriet, hat sich zu einem der Anführer der noch jungen Wanderers-Bewegung gemacht. Zunächst lieferte er die Saison über seriöse Leistungen auf der Rechtsverteidiger-Position ab, wurde zum Vorsänger vor der Fankurve. Und dann, Anfang März, als selbst Premierministerin Julia Gillard dem Phänomen Wanderers einen Besuch abstattete, schuf Polenz eine Bewegung innerhalb der Bewegung. Auf dem Höhepunkt des – letztlich streitbaren – Harlem Shakes verpasste er sich auf dem Gruppenbild mit Premierministerin selbst ein Pikachu-Kostüm und kommentierte, er habe Gillard den Harlem Shake vorgeschlagen, doch sie habe dankend abgelehnt.

Es dauerte keine zwei Spiele und auf den Tribünen wurden im Wanderers-Block mehrere Pikachu-Kostüme gesichtet. Beim Halbfinale im heimischen Parramatta-Stadium, 30 Kilometer westlich von Sydney, waren es schon einige Dutzend. Polenz genießt das alles sehr. Als er im vorigen August nach Australien kam, erwartete ihn nicht viel. »Es gab ja keine Referenzen, gar nichts, aber manchmal muss man im Leben halt ein Risiko wagen«, sagt er. Polenz, das gibt er zu, hatte auch nicht viel zu verlieren. Bei Union Berlin kam er mit Trainer Uwe Neuhaus nie wirklich klar, war zwischenzeitlich suspendiert. Sein Vertrag wurde schließlich aufgelöst. Polenz, 26 Jahre alt, wollte raus, weg. Auch dank Thomas Broich und der Doku »Tom meets Zizou« entschied er sich für Australien. Doch in Sydney angekommen, gab es erst mal nicht viel, was an Profi-Fußball erinnerte: »Das war seltsam. Ein paar Monate zuvor gab es noch keinen einzigen Spieler, keine Umkleideräume, keinen Trainingsplatz«, erzählt er von seinem Start.

 
 
 
 
 
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