Die Holger Obermann Kolumne (1)

Wie bei James Bond

Holger Obermann war in über 30 Ländern als Fußballtrainer tätig. Im ersten Teil seiner Kolumne erzählt der 73-Jährige über seine Zeit als Profi in Amerika und wie Taiwanesen ihre Kommandozentralen tarnen. Die Holger Obermann Kolumne (1)
Heft#96 11/2009
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Dank des Fußballs zog ich bereits Anfang der sechziger Jahre zum ersten Mal in die große weite Welt. Noch zu meiner aktiven Karriere als Torhüter wechselte ich vom damaligen Oberligisten Concordia Hamburg nach Amerika. Per Schiff ging es mit meiner Frau über den großen Teich. Im gelobten Land hatte ich ein Angebot von SC Elizabeth New York angenommen und sollte dieser Mannschaft zum Aufstieg in die erste amerikanische Liga verhelfen. Damit war ich der erste deutsche Fußballprofi in den USA überhaupt, noch lange bevor Müller, Hölzenbein und Beckenbauer Richtung Amerika wechselten und weit bevor die Amerikaner professionelle Strukturen aufgebaut hatten.

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Zu Beginn war ich Halbprofi und arbeitete nebenbei als Volontär für den Fernsehsender ABC. Die dortige Liga war zu meiner Zeit geprägt von Einwanderern. Sämtliche Immigranten hatten ihre eigenen Teams: Tschechen, Ukrainer, Iren, Italiener und Deutsche standen sich bei den Spielen gegenüber – man kann sich vorstellen, dass da häufig die Fetzen flogen. Die alteingesessenen US-Amerikaner juckte das wenig und dementsprechend schlecht waren unsere Spiele besucht.

Später forcierte ich neben dem Sport mein journalistisches Engagement und arbeitete zudem bei Zeitungen in Florida und New York. Mein amerikanischer Traum dauerte bis 1965, ehe ich ein Angebot vom Hessischen Rundfunk annahm. In Frankfurt konnte ich zusätzlich meine Trainerlizenz beim DFB erwerben und wurde Jugendtrainer bei Kickers Offenbach und später bei Eintracht Frankfurt.

Eines Tages im Jahr 1975 fragte uns ein DFB-Funktionär bei einer Trainerfortbildung: »Meine Herren, wer von ihnen möchte nach Taiwan?« Taiwan? Meine Kollegen sahen sich an und schüttelten die Köpfe. Auf so ein Abenteuer in einem nach dem Bürgerkrieg autoritär geführten Land wollte sich niemand einlassen. Ich schon. Es sollte der Startschuss für meine Karriere als Fußball-Entwicklungshelfer werden.

Als ich in Taiwan ankam, musste ich feststellen, dass Fußball dort überhaupt nicht stattfand. Sportart Nummer Eins war mit Abstand Baseball. Warum das Spiel mit der Keule? Nun, die Amerikaner hatten als militärische Schutzmacht der Inselgruppe den Sport importiert, und jedes Kind in Taiwan kannte die Baseball-Regeln. Das Land wurde Juniorenweltmeister und schlug sogar den Lehrmeister USA. Natürlich eine große Sensation, was es dem Fußball aber schwierig machte sich zu etablieren. Bis der taiwanesische Präsident des Fußballverbandes dies ändern wollte – mit einem deutschen Trainer. Das war ich.

Ich suchte mir das Spielerpotential an den Schulen zusammen, natürlich talentierte Jungen, aber auch Mädchen. Später reiste sogar der deutsche Frauenmeister Bergisch-Gladbach nach Taiwan, um gegen die Nationalelf ein Länderspiel zu bestreiten und um ein bisschen Promotion für den Mädchenfußball zu machen. Meine Männer wurden mit der Zeit auch immer besser, doch die Vorrunde zur Olympia-Qualifikation 1976 durften wir nicht zu Ende spielen.

Hintergrund: Taiwan wurde zuvor von einem Team aus Hongkong »vertreten«. Auch das sollte sich nach dem Willen des Präsidenten ändern. Er wollte seine eigene Nationalelf aus Insulanern und Flüchtlingen vom Festland – ein Politikum. Denn Taiwan galt vor den Chinesen als abtrünnige Provinz, was natürlich großes Konfliktpotential mit sich brachte. China protestierte vor dem IOC gegen unsere Teilnahme an der Olympia-Qualifikation für Montreal 1976 und machte seinen Einfluss derart geltend, dass wir nicht mehr als eigenständige Nation antreten durften. Die Politik hatte den Sport in den Schatten gestellt. Bis heute heißt das Land noch offiziell »Chinese Taipeh«.

Zu dieser Zeit rechneten die Taiwanesen ständig mit einem Überfall Chinas, dadurch waren sie an ihrer Grenze entsprechend militärisch auf- und ausgerüstet. Wei Ju Chen, der oberste General für Sicherheit der taiwanesischen Armee, unterstützte mich damals sehr bei meinem Vorhaben, eine konkurrenzfähige Nationalmannschaft aufzubauen. Das Team lebte in einem großen Marine-Camp bei Kaohsiung im Süden des Landes, zu Trainingsspielen fuhren wir immer in Militärlastwagen, Busse gab es nicht.

Eines Tages durfte ich bei Nacht und Nebel auf die sagenumwobene Grenzinsel Quemoy fliegen – ein absolutes Privileg für einen Ausländer. China und Taiwan beschallen sich dort tagtäglich über große Lautsprecher mit politischer Propaganda. Denn die Insel liegt nur wenige Kilometer vor dem chinesischen Festland, gehört zu Taiwan, ist militärisches Sperrgebiet und birgt eine ganze Menge Geheimnisse. Nach der Landung nahm ich einen unterirdischen Aufzug und war alsbald in einer Kaserne unter Tage. Dort befand sich auch ein großes Kino für die Soldaten. »Und jetzt passen sie auf«, sagte ein Offizier, der mich unter die Erde begleitet hatte. Er drückte auf einen Knopf und im nächsten Moment glaubte ich mich in einem Spionagethriller wiederzufinden. Wände wurden eingezogen, ein kleiner Raum schwebte von der Decke herab, Apparate kamen zum Vorschein und am Ende stand ich in Mitten einer Kommandozentrale mit allen Extras. Wie bei James Bond!

Trotz der zwangsläufigen Politisierung der Gesellschaft durch diesen Konflikt war Politik niemals Thema innerhalb der Mannschaft. Die Taiwanesen sind ein ungeheuer ehrgeiziges und fleißiges Volk. Meine Spieler wollten jeden Tag dazulernen. Der Fußball half ihnen, die Bedrohung zu vergessen.

Nachdem ich merkte, dass der Fußballsport auf einem breiten Fundament stand, verließ ich die Insel, blieb ihr aber bis 1980 mit Kurzzeitprojekten verbunden und bildete noch über 400 Trainer aus. Obwohl Taiwan momentan nur den 161. Platz auf der FIFA-Rangliste belegt und so weit weg von einer WM-Qualifikation ist, wie Deutschland von einer Weltmeisterschaft im Baseball, hat sich der Fußball dennoch etablieren können.

Auch wenn meine Aufenthalte in Krisengebieten immer mit Gefahren verbunden waren, wie etwa als Trainer der Frauennationalmannschaft Afghanistans – wovon ich in einer späteren Kolumne noch erzählen werde – Angst um mein Leben hatte ich nie. Wird ein Fußball-Entwicklungshelfer von solchen Gefühlen übermannt, sollte er nicht durch die große weite Welt reisen, sondern lieber nach Hause gehen.

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