Oktober 2012
Aufreger der Monats: Deutschland - Schweden 4:4
Das wohl unglaublichste Fußballspiel des Jahres wäre auch ohne den ihm eigenen Knick in der Dramaturgie ein zumindest denkwürdiges Spiel gewesen. Als nämlich am 16. Oktober in Berlin das WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Schweden stattfand, sah man die ersten 60. Minuten eine derart herausragende deutsche Mannschaft, dass man den Boulevard bereits von der »besten deutschen Mannschaft aller Zeiten«schnappatmen hören konnte. Wie aus einem Guss kombinierten sich Götze, Reus & Co zu eine 4:0-Führung, um anschließend allerdings so sensationell einzubrechen, dass die Schweden den Rückstand noch aufholen konnten. Ungläubig blieb man zurück, erfasst davon, wie nah Hui und Pfui doch beieinander liegen können. Von der Übermannschaft in eine Trainerdiskussion in nur 30 Minuten - Eine Fußballspiel gewordene Stimmungsschwankung der deutschen Mannschaft.
Spieler des Monats: Michael Ballack
Da geht er hin, der Ex-Capitano. Am 2. Oktober hängte Michael Ballack offiziell die Treter an den Nagel und beendete damit eine Karriere, die den deutschen Fußball etwa ein Jahrzehnt lang geprägt hatte. Die ganz großen Erfolge blieben Ballack dabei verwehrt, neben einigen Meisterschaften sind es vor allem die zahlreichen Finalniederlagen und zuletzt das Geplänkel mit dem DFB, mit dem man ihn nun assoziiert. Bei einem Spieler mit seiner Klasse ist das ein bitterer Treppenwitz der Fußballgeschichte. Umso besser, dass Ballack trotzdem einen zufriedenen Eindruck macht. Farewell, Micha.
Video des Monats:
Endlich sagt's mal einer. Und mit »einer« meinen wir Bruno Labbadia. Und mit »'s« meinen wir seine Wutrede am 7. Oktober. Bei Leverkusen und dem HSV noch »Bruno, der Problemtrainer«, hat Labbadia beim VfB Stuttgart die Zügel mittlerweile fest in der Hand und eine absolut passable sportliche Bilanz. Bei einem kleinen Durchhänger im Herbst reagierte das Publikum dann aber dünnhäutig auf eine Auswechslung Labbadias, was diesen wiederum dünnhäutig auf das Publikum reagieren ließ. Zu unserer großen Freude vor laufenden Kameras....
Schlagzeile des Monats: »Magath in Wolsburg gefeuert«
Die »Harten Hunde« werden mehr und mehr zur bedrohten Tierart in der Bundesliga. Mit dem Rauswurf von Felix Magath in Wolfsburg am 25. Oktober ging der Liga einer der letzten großen Schleifer verloren, was sicherlich erleichtertes Aufatmen in der ein oder anderen Kabine zur Folge hatte. Ob »Qualix« nochmals die Bühne betritt, scheint fraglich. Zu unrund, um es mal diplomatisch auszudrücken, lief es bei seinen letzten Stationen und zu viel Porzellan hat Magath mit seinen durchaus fragwürdigen Arbeitsmethoden zerschlagen. Öffentich und auch in Wolfsburg. Magath selbst meldete sich vor Kurzem erst zu Wort und war sich weiterhin keines Verfehlens bewusst. Seine Arbeitsmethoden seien weiterhin erfolgreich. Mit dem drittteuersten Kader der Liga und nur zwei geschossenen Törchen auf dem letzten Platz zu stehen, lässt sich durchaus als Gegenbeleg verstehen.
November 2012
Aufreger des Monats: Klaus Allofs
Das war wirklich ein dickes Ding. Als nach dem Ende der Regentschaft von Alleinherrscher Felix Magath das Management des VW Wolfsb..., äh, des VfL Wolfsburg neu strukturiert werden musste, fiel die Wahl der Bosse auf Klaus Allofs vom Konkurrenten Werder Bremen. Nach etwa einer Woche Gerangel um das Bremer Urgestein tauschte Allofs kurzerhand die grünen Ws, im Gegenzug wechselte ein wenig Kleingeld aus der VW-Portokasse auf das klamme Konto der Bremer. Dass ein Manager, zudem noch ein derart integrer und im Verein verwurzelter wie Allofs, mitten in der Saison ohne mit der Wimper zu zucken zu einem Konkurrenten wechselt, hat schon ein Geschmäckle. Und auch Allofs selber wirkte in seinem tagelangen Fragen-Ausweich-Marathon eher ungelenk.
Spieler des Monats: Thomas Müller
Eben erst verlängerte Bayerns Sympathie- und Leistungsträger seinen Vertrag beim Rekordmeister bis 2017 - ohne Ausstiegsklausel. Die Münchner haben sich damit einen großen Gefallen getan, denn Müller vermittelt den oft unbeliebten Branchenprimus aus Bayern durch seine spaßvogelige Art auch bei den Anhängern vieler anderer Vereine. Vor allem aber ist der Mann mit den fußballeruntypisch dünnen Beinen sportlich auf direktem Weg in die Weltklasse. Im Laufe der Hinrunde schwang sich Müller beim souveränen Tabellenführer zum Topscorer auf. Neun Tore und neun Vorlagen sind eine ziemliche Wucht, die auch beim FCB nicht ohne weiteres zu ersetzen wäre.
Video des Monats:
Mit Toren verhält es sich wie mit den Tieren in George Orwells »Animal Farm«: Für die Ergebnistrainer unter uns sind sie alle gleich. Für die Fußballästheten aber sind manche Tore eben gleicher als andere. Das wohl gleichste, entschuldigung, das wohl geilste Tor des Jahres schoss sicherlich Zlatan Ibrahimovic bei seiner denkwürdigen One-Man-Show im Freundschaftsspiel gegen England. Da schoss der Schwede nicht nur all vier Tore zum 4:2-Sieg der Allsvenskan, sondern sorgte mit seinem Fantasie-Fallrückzieher aus fast 30 Metern für ein unglaubliches Highlight. Schön auch der Kommentar, oder besser: der Ausraster des englischen Kommentators Stan Collymore:
Schlagzeile des Monats: »Hitzfeld holt den Stinkefinger raus.«
Im WM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen lief es so gar nicht für Ottmar Hitzfeld und seine Schweizer. Nach dem mauen 1:1 ließ sich Hitzfeld zur Gossen-Geste Nummer 1 hinreißen und zeigte dem spanischen Schiri Fernandez Borbalan den Stinkefinger. Und das gleich zwei Mal. Wer das Bild vom stets höflich und beherrscht daherkommenden Meistertrainer, das Hitzfeld hierzulande hinterlassen hat, nicht verlieren möchte, der kann sich überlegen, ob er seiner Erklärung Glauben schenken mag. Er sei, so Hitzfeld, unglaublich wütend auf sich selbst gewesen und habe sich aus lauter Verärgerung den Mittelfinger selber gezeigt. Achso. Na klar.
Dezember 2012
Aufreger des Monats: 12:12
Wochenlang hatten die Fans in den deutschen Stadien gegen die Verabschiedung des Konzeptpapiers »Sicheres Stadionerlebnis« protestiert und die ersten 12:12 Minuten der Spiele geschwiegen. Genützt hat dies letztendlich wenig. Am 12. Dezember verabschiedete die DFL das umstrittene Sicherheitspapier, vor allem auch auf Drängen des ein oder anderen wahlkämpfenden Politikers. Dass ein tatsächliches Gewaltproblem in den deutschen Stadien schlicht nicht existent ist und an jenen, um die es letztlich ging, großzügig vorbeidebattiert wurde, hat die Scharfmacher der Scheindebatte von Anfang an nicht interessiert. Aber Hauptsache, man kann in der Öffentlichkeit den starken Mann spielen, der knallhart durchgreift. Was macht eigentlich die Aufklärung der NSU-Morde, Herr Friedrich?
Spieler des Monats: Lionel Messi
Groß war die Aufregung am 5. Dezember. Lionel Messi lag verletzt am Boden des Camp Nou und wer Messi kennt, der weiß, dass der kleine Argentinier nur dann liegenbleibt, wenn es wirklich, wirklich weh tut. Ein kollektiver Schockmoment, denn Messi ist der fraglos beste Fußballer der Welt und wird wohl der beste Fußballer der Geschichte werden, wenn er von schlimmen Verletzungen verschont bleibt. Zum Glück stellte sich die Verletzung nicht wie zunächst befürchtet als Kreuzbandriss, sondern nur als Bluterguss heraus und Messi konnte bald schon wieder auflaufen. Und den unglaublichen Rekord von bislang 90 Pflichtspieltoren im Kalenderjahr 2012 aufstellen. »Kein offizieller FIFA«-Rekord, wie es von den Erbsenzählern des Verbandes hieß. Ist aber egal. Wir knien vor so viel Klasse trotzdem demütig nieder.
Video des Monats:
Zum Fest der Liebe ein besonderes Schmankerl: Die gewagte Neuinterpretation des alten Weihnachts-Klassikers »Jingle Bells« durch Alexander Kolarov. Manchester Citys verteidigender Kleiderschrank singt dabei, wie er spielt: defensiv, humorlos, technisch unsauber und unangenehm. Der Text ist dabei gut verständlich, aber dennoch hat man das Gefühl, dass einem Kolarov mit jeder weiteren Zeile des eigentlich fröhlichen Weihnachtsliedes eine weitere Tracht Prügel androht:
Schlagzeile des Monats »Boris Vukcevic spricht«
Bill Shankly sagte einmal: »Es gibt Leute, die denken Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.« Längst sind Shanklys Worte zu einem geflügelten Wort geworden. Dass sie vielleicht witzig, aber auch absolut unzutreffend sind, merkt man immer dann, wenn es tatsächlich um Leben und Tod geht. Im September verunglückte Hoffenheims Boris Vukcevic auf dem Weg vom Training nach Hause schwer mit seinem Auto. Vukcevic ist Diabetiker, unterzuckerte am Steuer und raste in ein entgegenkommendes Fahrzeug - ein alptraumhaftes Szenario, das Vukcevic nur sehr knapp überlebte. Nach einigen Wochen im Koma erlangte Vukcevic das Bewusstsein wieder und begann im Dezember schließlich wieder zu sprechen. Noch ist er weit von einer kompletten Genesung entfernt, ein Hoffnungsschimmer ist seine wiedererlangte Kommunikationsfähigkeit aber allemal. Wir wünschen ihm alles Gute und vor allem einen weiterhin positiven Heilungsverlauf. Und widersprechen Bill Shankly energisch.