Matthäus Gladbach Elfmeter
Dieter Hoeneß Hirnverband
18.04.2008

Die großen Endspiele des DFB-Pokals

Als sie ihn aus der Stadt jagten

Viele erwarten am Samstag einen klaren Sieg des FC Bayern. Doch man muss nicht einmal die Phrase vom Pokal und seinen Gesetzen bemühen, um auf ein spannendes Finale hoffen zu können. Wir blicken zurück auf fünf dramatische Endspiele.

Text:
Lucas Vogelsang
Bild:
imago

VfB Stuttgart – Fortuna Düsseldorf 4:3 n.V.

16. November 1958, Auestadion Kassel

VfB-Keeper Günther Sawitzki trug bei Spielen stets eine voluminöse Mütze, mit der er seinen Pferdeschwanz vor Sepp Herberger verbarg, dem Extravaganzen bekanntlich missfielen. Sawitzkis Ausftritt an diesem Abend in Kassel dürfte den »Chef« jedoch erfreut haben: Sawitzki hielt wie ein Berserker und rettete das 1:0 durch Praxl in die Halbzeit.



Sieben Minuten nach Wiederanpfiff hatte er dann aber doch zweimal hinter sich greifen müssen. Hoffmannn und Wolfframm schienen die Partie mit einem Doppelschlag zugunsten der Fortuna gedreht zu haben, doch die Stuttgarter schafften die erneute Wende, in einem jetzt von allen taktischen Fesseln befreiten Pokalfight. 20 Minuten vor dem Ende stand es 3:2. Wütend drängten die Düsseldorfer auf den Ausgleich, ihre Angriffswellen brachen sich jedoch an dem Mann mit dem weichen Haar und den eisernen Fäusten.

Erst in der 80. Minute war es erneut Wolfframm, der für das verdiente 3:3 sorgte. Für die Schwaben war es zum Haare raufen. Es ging in die Verlängerung. Doch 90 Minuten Kampf hatten ihre Spuren hinterlassen. Der Stuttgarter Lothar Weise konnte nur noch über den Rasen humpeln. Es waren 113 Minuten gespielt, als er sich mit letzter Kraft in eine Flanke von Blessing warf und den Siegtreffer erzielte. »Für mich geht ein Jugendtraum in Erfüllung«, jubelte der Matchwinner. Den Platz auf den Schultern seiner Kameraden musste er sich jedoch mit Sawitzki teilen, dessen Leistung und Frisur ihrer Zeit damals weit voraus waren. Da schmunzelte sogar der Bundestrainer. Bloß DFB-Mann Hans Körfer überreichte den Pokal etwas schmallippig. Er war glühender Anhänger der Fortuna.

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VfB Stuttgart: Sawitzki, H. Eisele, Seibold, Hartl, R. Hoffmann, Schlienz, Waldner, Geiger, Weise, Blessing, Praxl.

Fortuna Düsseldorf: Klose, Vigna, Juskowiak, K. Hoffmann, Jäger, Mauritz, Steffen, Wolfframm, Jansen, Derwall, Wöske.

1:0 Praxl (36.)
1:1 K. Hoffmann (50.)
1:2 Wolfframm (52.)
2:2 Geiger (62. Minute)
3:2 Waldner (68., Handelfmeter)
3:3 Wolfframm (79.)
4:3 Weise (113.)

FC Bayern München – 1. FC Nürnberg 4:2

1. Mai 1982, Waldstadion Frankfurt am Main

Außenseiter Nürnberg führt zur Halbzeit durch späte Tore von Hintermaier und Dreßel bereits 2:0. In der Münchner Abwehr klafft ein riesiges Loch, im Kopf von Dieter Hoeneß auch. Die Bayern schwanken. Hoeneß auch. Seit einem Luftduell mit Alois Reinhardt spielt er mit Platzwunde und einem Turban. Die Blutung lässt sich nicht stillen. Sein Trainer Pal Czernai fleht: »Dieter, beiß die Zähne zusammen, wir brauchen dich!« Hoeneß lässt sich noch in der Kabine ohne Betäubung notdürftig zusammen flicken und wankt, besoffen von einem wunderbaren Cocktail aus Adrenalin und Endorphinen, zurück aufs Spielfeld.

Mit ihrem Mittelstürmer, der mittlerweile aussieht wie ein notverarzteter Daumen auf Beinen, drehen die Bayern das Spiel. Hoeneß bereitet nicht nur die Tore von Rummenigge und Kraus mit dem Kopf vor, sondern nickt in der 89. auch noch zum 4:2 ein. Die endgültige Entscheidung. Danach wirkt er zwar etwas benommen, stammelt etwas vom wichtigsten Sieg seiner Laufbahn, kann sich aber an seinen Namen erinnern.

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FC Bayern München: Müller, Weiner, Beierlorzer (25. Niedermayer), Augenthaler, Horsmann, Dremmler, Kraus, Breitner, Dürnberger, D. Hoeneß, Rummenigge.

1.FC Nürnberg: Kargus, Weyerich, Brunner (75. Brendel), Reinhardt, Stocker, Norbert Schlegel (79. Lieberwirth), Eder, Hintermaier, Heidenreich, Heck, Dreßel.

0:1 Hintermaier (31.)
0:2 Dreßel (44.)
1:2 Rummenigge (53.)
2:2 Kraus (65.)
3:2 Breitner (72., Foulelfmeter)
4:2 D. Hoeneß (89.)


FC Bayern München – Borussia Mönchengladbach 7:6 i.E., 1:1 n.V.

31. Mai 1984, Waldstadion Frankfurt am Main

Und schon wieder die Bayern. Auch 1984 standen die Münchner im Pokalendspiel, dieses Mal gegen Borussia Mönchengladbach, den ewigen Rivalen aus den 70ern. Wahrscheinlich wäre dieses Finale heute längst vergessen, wie so viele, die die Bayern bis auf die obligatorische Weißbierdusche eher emotionslos nach Hause brachten, wenn bei den Gladbachern nicht ein Junge aus Erlangen sein brisantes Abschiedsspiel gegeben hätte: Lothar Matthäus wird die Borussia verlassen und ausgerechnet nach München gehen. Die Tinte unter dem neuen Vertrag ist noch nicht einmal getrocknet und Matthäus steht im Frankfurter Waldstadion unter besonderer Beobachtung.

Nur sieht man nicht viel von dem Bald-Münchner. Jupp Heynckes lässt ihn als Rechtsverteidiger spielen, im Mittelfeld spielt dafür Winfried Schäfer. Es wirkt wie eine Strafe für den Verräter. Dürnberger und Nachtweih machen mit dem auf dieser Position völlig deplatzierten Matthäus 90 Minuten, was sie wollen. Matthäus wird vorgeführt und spielt auch offensiv mit der Tarnkappe der Verunsicherung. Für die wenigen Highlights sorgen andere: Frank Mill trifft nach einer halben Stunde für Gladbach. Bis sieben Minuten vor Schluss laufen die Bayern dem Rückstand hinterher, dann verlängert Dremmler die Leidenszeit des Matthäus. Lothar sieht aus, als ahnt er bereits, dass Heynckes an diesem Abend seine sadistische Ader an ihm ausleben würde. Es folgen dreißig Minuten Nichts und ein Elfmeterschießen.

Matthäus will nicht antreten. Doch Heynckes ist noch nicht fertig mit ihm. »Lothar, du schießt«, sagt er nur. Matthäus schüttelt den Kopf: »Heute schieß ich keinen.« Er fühlt, dass es nicht sein Tag ist, doch alles Bitten hilft nichts. Heynckes zwingt seinen ehemaligen Lieblingsschüler zur finalen Agonie: »Du schießt«, sagt er und fügt noch hinzu: »Welchen willst du?« Matthäus darf sich die Art der Hinrichtung immerhin aussuchen, nimmt den ersten und treibt den Ball über das Tor von Pfaff. Gladbach verliert das Finale und Matthäus wird als Judas aus der Stadt gejagt. Bis heute beteuert er: »Ich habe den Elfmeter gegen Bayern nicht absichtlich verschossen.« Die Gladbacher haben ihm trotzdem nie verziehen.

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FC Bayern München: Pfaff, Augenthaler, Martin, Grobe, Dremmler, Kraus (46. Mathy), Nachtweih, Dürnberger (59. D. Hoeneß), Lerby – M. Rummenigge, K.-H. Rummenigge

Borussia Mönchengladbach: Sude, Bruns, Borowka, Hannes, Herlovsen, Matthäus, Schäfer (77. Ringels), Frontzeck, Rahn (69. Criens), Mill, Lienen

1:0 Mill (33.)
1:1 Dremmler (83.)

Elfmeterschießen:

Matthäus verschießt (über das Tor)

1:0 Lerby
1:1 Herlovsen
2:1 Nachtweih
2:2 Borowka
3:2 Grobe
3:3 Bruns
Augenthaler verschießt (Sude hält)
3:4 Hannes
4:4 K.-H. Rummenigge
4:5 Criens
5:5 Dremmler
5:6 Frontzeck
6:6 Martin
Ringels verschießt (Pfosten)
7:6 M. Rummenigge


Bayer 05 Uerdingen - FC Bayern München 2 : 1

26. Mai 1985, Olympiastadion Berlin

Ein Jahr später beim ersten Pokalendspiel im Berliner Olympiastadion half den Bayern gegen begeisternd aufspielende Uerdinger nicht einmal eine frühe 1:0-Führung.

Schon eine Minute später erzielte Horst Feilzer mit einem Volleyschuss den Ausgleich. Doch beim Torjubel verlor er seinen Kaugummi. Und ohne den wollte er nicht weiter spielen. »Dann bekomme ich einen trockenen Hals«, sagte Feilzer. Nach kurzer Suche fand er ihn wieder, säuberte ihn und konnte weitermachen. Wolfgang Schäfer schoss das 2:1 Siegtor und selbst »Bild«-Kolumnist Max Merkel musste eingestehen: »Uerdingen hatte Bayern im Sack.«

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Bayer 05 Uerdingen: Vollack, Wöhrlin, Herget, Brinkmann, van de Loo, Feilzer (60. Loontiens), Wolfgang Funkel, Friedhelm Funkel, Buttgereit, Schäfer, Gudmundsson (82. Thomas).

FC Bayern München: Aumann, Dremmler, Augenthaler, Eder, Matthäus, Lerby, Pflügler, Willmer (71. Rummenigge), Wohlfarth (60. Beierlorzer), Hoeneß, Kögl.

0:1 Hoeneß (8. Minute)
1:1 Feilzer (9. Minute)
2:1 Schäfer (66. Minute)

Besondere Ereignisse: Rote Karte für Dremmler (48.)

1. FC Nürnberg – VfB Stuttgart 3:2 n.V.

26. Mai 2007, Olympiastadion Berlin

Hauptdarsteller in diesem Duell junge Meister gegen weisen Trainer hätten eigentlich die Torhüter sein sollen. Timo Hildebrand in seinem Abschiedsspiel und sein Nachfolger Rafael Schäfer. Jedenfalls bestand bei beiden die erhöhte Gefahr einer akuten Adrenalin-Vergiftung. Doch irgendwer, vielleicht sogar Hans Meyer, hatte das Drehbuch gestohlen und umgeschrieben. Tragische Helden wurden stattdessen Cacau und Marek Mintal. Erst durften beide noch jubeln, doch kurz darauf hatten sie bereits weinend das Spielfeld verlassen. Cacau war von Schiedsrichter Michael Weiner für eine Tätlichkeit gegen Wolf vom Platz geflogen und schluchzte untröstlich in sein Trikot. Und Mintal fiel einer Amokgrätsche Fernando Meiras zum Opfer.

Es gab also Prügel und Tränen. Das vielleicht beste Pokalendspiel der letzten Jahre wäre da fast zu einer melodramatischen Soap-Opera verkommen. Doch die verbliebenen Spieler besannen sich auf den Fußball, mit dem sie bis dahin die Liga farbgetupft hatten. Engelhardt sorgte für die erneute Führung der Franken, ehe Pardo kurz vor Schluss die Verlängerung erzwang. Jan Kristiansens Traumtor in der 109. Minute war schließlich der endgültige K.O. für den VfB. Zehn Stuttgarter fielen wie halbtot auf den Rasen, Cacau weinte immer noch oder schon wieder und Hans Meyer hatte nach 120 Minuten Wahnsinn nur noch eine Bitte: »Fragen Sie mich jetzt nicht, warum meine Mannschaft den Meister nicht an die Wand gespielt hat.« Dann lächelte er weise.

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VfB Stuttgart: Hildebrand, Osorio (68. Boka), Delpierre, Meira, Magnin, Pardo, Khedira, Hitzlsperger, Hilbert, da Silva (46. Gomez), Cacau.

1. FC Nürnberg: Schäfer, Reinhardt, Wolf, Nikl (73. Spiranovic), Pinola (115. Banovic), Galásek, Engelhardt, Kristiansen, Mintál (35. Polák), Sajenko, Schroth.

1:0 Cacau (20.)
1:1 Mintál (27.)
1:2 Engelhardt (47.)
2:2 Pardo (80., Foulelfmeter)
2:3 Kristiansen (109.)

Besondere Ereignisse: Rote Karte für Cacau (31., Tätlichkeit)

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