Die größten Schlitzohren der letzten 20 Jahre

Mit allen Abwassern gewaschen

Im Mittelalter riss man Betrügern die Ringe aus den Ohrläppchen, um sie als »Schlitzohren« kenntlich zu machen. Gleiches widerfährt Raul nicht. Und auch andere Schlitzohren der Bundesligageschichte kamen heil davon. Die größten Schlitzohren der letzten 20 Jahre

Sergej Kiriakow

Seine größte Zeit erlebte der russische Goalgetter unter Winnie Schäfer beim Karlsruher SC. Bereits in seinem dritten Spiel im KSC-Dress erzielte Kiriakow einen Hattrick beim 5:2-Sieg gegen Werder Bremen nach 0:2-Rückstand. Der rothaarige Russe geht als Prototyp eines Schlitzohrs durch. Mit verschlagenem Blick und geduckter Körperhaltung lauerte er auf die kleinste Unachtsamkeit seiner Gegenspieler, um dann zuzuschlagen. Ein Typ, dem man auf dem Platz niemals einen Gebrauchtwagen abgekauft hätte.

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Stéphane Chapuisat

Acht Jahre schnürte der flinke Schweizer für die Dortmunder Borussia die Stiefel. 106 Mal entwischte er seinen Bewachern auf dem Platz – damit ist »Chappi« nach Elber und Pizarro der erfolgreichste ausländische Bundesliga-Stürmer. BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld wusste, was er an seinem unberechenbaren Angreifer hatte und ließ ihn an der langen Leine. Der Knipser mit dem Babyface war stets da, wo’s brannte – was für ihn selbst nicht immer ganz ungefährlich war. Nach einem Spiel in München bekam er die Linke von Mehmet Scholl zu spüren, dem eingesprungenen Kung-Fu-Tritt von Oliver Kahn entging Chapuisat dagegen bei anderer Gelegenheit knapp.

Frank Mill

Mill galt als Meister des »Trash Talk«, zu deutsch: »Vollquasseln«. Den gegnerischen Abwehrspielern taten nach dem Spiel die Ohren mindestens so oft wie die Waden weh. »Franky« lernte das Einmaleins des Strafraumtricksens bei Rot-Weiss Essen, wo ihm in der Saison 1980/81 in 38 Spielen 40 Tore gelangen. Mill war auf dem Rasen ein Meister der Maskierung. Sich eben noch beiläufig nach dem Befinden der Gattin erkundigend, stahl er sich im nächsten Moment aus der Umklammerung des Manndeckers davon. Zur professionellen Verschleierungstaktik passt auch, dass der Mann, der über 200 Tore für Essen, Gladbach, Dortmund und Düsseldorf machte, Mitglied beim FC Bayern ist. Wie schon Ex-Mitspieler Norbert Dickel wusste: »Der Mill ist mit allen Abwassern gewaschen!« Nur einmal verließ Mill die charakteristische Chuzpe. Sein Pfostentreffer gegen die Bayern aus dem Jahre 1986 hat einen festen Platz im Kuriositätenkabinett der Bundesliga.

Wynton Rufer

In seiner 11FREUNDE-Kolumne gab Otto Rehhagels Lieblingsstürmer unumwunden zu, dass er sich als junger Spieler schon einmal zu einer verdeckten Tätlichkeit hinreißen lassen hatte. Der bibelfeste Neuseeländer war auf dem Platz nicht immer ein unbescholtenes Schäfchen. Gegen die beinharten Verteidiger seiner Zeit fand »Kiwi« ständig neue Mittel und Wege und mutierte je nach Situation zum Handballspieler oder Dauerquatscher – hauptsache die Pille war danach im Netz. In sechs Jahren bei Werder beförderte Rufer das Runde 59 Mal ins Eckige und steuerte auch zum größten Triumph, dem 2:0 gegen den AS Monaco im Endspiel des Europapokals der Pokalsieger, einen Treffer bei.

Giuseppe Reina

Vom Bezirksligakicker zum Bravo-Coverboy: Für »Billy« Reina vollzog sich der Aufstieg von Unnaer Ascheplätzen zum feinen Rasen der Bundesliga in rasantem Tempo. Erst mit 22 wechselte der Deutschitaliener vom Stadtteilklub Königsborner SV zum Zweitligisten Wattenscheid 09. In der Bezirksliga räumte Reina jedes Jahr locker die Torjägerkanone ab, hatte aber auch abseits des Platzes große Laufwege. Von Unna ging es über Wattenscheid und die Bielefelder Alm nach Dortmund. Für einen Mann, dessen Vorfahren aus dem Heimatland von Filippo Inzaghi kommen, gehört Schlitzohrigkeit gewissermaßen zur Grundausstattung. Gegen den VfB Stuttgart traf Reina während seiner Bielefelder Zeit fast von der Außenlinie per Tor des Monats ins Netz. Auch nach Ende der Karriere wurde »Billy« seinen Ruf nicht los. 2007 musste er sich in Unna wegen angeblichen Behördenbetrugs vor Gericht verantworten. Wie sich herausstellte, entbehrte die Anklage jeglicher Grundlage.

Roy Präger

Wer schlitzohrig sein will, braucht mindestens einen gesunden Aberglauben. Der gebürtige Brandenburger Präger vertraute auf die Magie eines Glückspfennigs, den er in seinen Schuh geklebt hatte. Die Münze muss ihn auch zu seinem schönsten Tor befähigt haben, einem Fallrückzieher gegen den SC Freiburg, der selbst Tribünengast und Sturmlegende Uwe Seeler verzückte. Äußerlich wirkte Präger mit seinem strohblonden Wirrhaar und dem obligatorischen Brilli wie eine Mischung aus Lausbub und Punker. Seine Profibilanz von 71 Toren in 372 Spielen ist aber eigentlich ein bisschen dürftig, um Aufnahme in die Riege der erfolgreichsten Schlitzohre zu finden.

Jörgen Pettersson

Fragt man Fans des 1. FC Kaiserslautern nach ihrer ersten Assoziation zu Jörgen Pettersson, wird man vor allem einen Begriff zu hören bekommen: »Schwalbenkönig«. Spätestens seit jener Aktion im Januar 2001, als sich der schwedische Stürmer beim Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg lieber fallen ließ als den Siegtreffer zu erzielen, ist sein Ruf in Deutschland zementiert. »Er war einen Meter von mir weg!«, schimpfte VfL-Keeper Reitmaier damals. Schiri Krug zeigte Pettersson wegen groben Unfugs die gelbe Karte, und auch bei seinen Mitspielern erntete der Schwede nur Kopfschütteln. Zu erfolgreichen Gladbacher Zeiten war Pettersson mit seiner listigen Spielweise besser angekommen und hatte für die Borussia 32 Tore erzielt.

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