Die größte Transfermesse der Welt

Basar in Babylon

Passt ein Spielerwechsel von Peru nach Polen oder von Brasilien nach Berlin-Köpenick? Die »Wyscout«-Messe versucht, angesichts der neuen globalen Unübersichtlichkeit für wenigstens etwas Halt zu sorgen. Unser Autor Christoph Biermann hat sich die weltweit größte Transfermesse für 11FREUNDE #141 angesehen.

Christiane von Enzberg
Heft: #
141

Gegenüber vom Eingang des bestbesuchten Museums in Barcelona lehnt Antoni Richard Alexandrakis an einem Bistrotisch und raucht schon wieder eine. Drüben stehen die Touristen an, um die schönsten Exponate aus der Vereinsgeschichte des FC Barcelona anzuschauen, aber den Spielervermittler aus Dänemark interessiert das nicht. Alexandrakis, den als massig zu beschreiben sicherlich nicht unhöflich ist, schnauft leise: »Es gibt viele Leute, die denken, dass man als Agent leicht Geld verdienen kann. Aber das ist sehr harte Arbeit.«

Zu seiner Arbeit gehört es, viel zu reden. Am Rauchertisch findet er dazu immer jemanden, denn Alexandrakis spricht sieben Sprachen: Portugiesisch, Englisch, Dänisch, Griechisch, Französisch, Italienisch, Spanisch. Sein Vater ist Grieche, seine Mutter stammt aus Uruguay, er ist in Brasilien geboren. Inzwischen ist er mit einer Dänin verheiratet und lebt in Kopenhagen. Man könnte den Eindruck bekommen, Alexandrakis versuche ganz allein, den globalisierten Fußball darzustellen.

Nachdem er aufgeraucht hat, geht er schnaufend in die verglaste Empfangshalle des Stadions Camp Nou, wo an diesem Julimorgen die ganze Fußballwelt auf 500 Quadratmetern zusammengekommen ist. In langen Reihen sind fast hundert Tische aufgestellt, an denen Vertreter von fast hundert Klubs aus 25 Ländern hinter Plastikschildern mit ihrem Vereinsemblem Platz genommen haben. Maccabi Haifa in der Nähe von Juventus Turin, Internacional aus Porto Alegre neben dem FC Liverpool, Zenit St. Petersburg hinter Werder Bremen. Jede halbe Stunde kommt zum Speeddating der nächste Spielervermittler, ein Vertreter eines anderen Klubs oder sonst ein Gschaftlhuber.

Antoni Richard Alexandrakis, 42, hat mal in der brasilianischen Botschaft gearbeitet: »Dann rief jemand an, der einen brasilianischen Spieler nach Dänemark transferieren wollte, damit fing alles an.« Jetzt sitzt der gelernte Rechtsanwalt am Tisch des FC Comercial, eines kleinen Traditionsklubs aus der Nähe von Sao Paulo. Dessen Spieler stehen alle bei der Agentur unter Vertrag, für die auch Alexandrakis arbeitet. Seine Unabhängigkeit hat er 2012 nach fast einem Vierteljahrhundert als Einzelkämpfer aufgegeben. Nun promotet er hier Spieler aus Dänemark, wozu er potentiell interessierten Klubs auf einem Clipboard die Kurzprofile von rund einem Dutzend Kickern zeigt, die mittelfristig den Verein wechseln könnten. Beim letzten Mal kam auf diese Weise der Wechsel eines Spielers von FC Nordsjælland zu Sporting Lissabon in Gang. Naja, um ehrlich zu sein: Letztlich spielte er dort in der zweiten Mannschaft.

Globales Fußballarchiv

Auch Nico Schäfer, Geschäftsführer von Union Berlin, und sein Chefscout Daniel Stenz sind nicht zum ersten Mal bei dieser Transfermesse. »Für uns ist das eine gute Gelegenheit, uns international zu präsentieren. Wir sind schließlich ein kleiner Player, der sich gerade in das weltweite Geschäft hineinwagt«, sagt Schäfer. Damit ihre Gesprächspartner eine Idee davon bekommen, mit was für einem Klub sie es eigentlich zu tun haben, haben die eifrigen Berliner eine englischsprachige Imagebroschüre mitgebracht. Im Punkrock-Design behauptet sie: »This is football.« Umgekehrt haben die beiden Berliner gelernt, dass der Fußballmarkt zwar global geworden sein mag, aber die Regeln nicht überall gleich sind. Im Ausland gibt es etwa Agenturen, die nur Transfers abwickeln und dafür mit Beratern zusammenarbeiten. »Das muss man lernen», sagt Schäfer, »aber durch Wyscout ist es gelungen, die großen Märkte näher zusammenzubringen.«

Wyscout aus Italien ist zu einem wichtigen Dienstleister im Transfergeschäft geworden und organisiert dieses Forum nun schon zum vierten Mal. Seinen Kunden bietet Wyscout vor allem ein globales Fußballarchiv. Wenn ein Klub auf einen von rund 70 000 Spielern aufmerksam wird, kann er sich dessen Partien bei Wyscout herunterladen, die Videos analysieren und so in kürzester Zeit zu einer Einschätzung kommen. Vorbei sind die Zeiten, als einer wie Antoni Richard Alexandrakis mit einer Reisetasche voller Videokassetten durch die Lande zog. Über 400 Klubs und 250 Spielerberater greifen auf den Dienst zurück. »Letztlich ist es ein ganz einfaches Produkt«, sagt Matteo Campodonico, der Wyscout mit vier Freunden gründete und 2009 den ersten ausländischen Kunden hatte. Rasant expandiert ist das Geschäft auch, weil ihr Service preisgünstig ist, schon für 150 Euro im Monat gibt es den Zugriff aus fünf Ligen.

So hat Wyscout die Globalisierung des Fußballs noch einmal beschleunigt. Nicht nur die großen Klubs, die sich ein weitgezogenes Netz aus Scouts leisten konnten, tummeln sich jetzt auf dem Weltmarkt, sondern auch die kleinen. Dass dieses Flirren der Möglichkeiten alle aber auch ganz verrückt macht, merkt man in Barcelona deutlich. Muss man sich nun um Brasilien kümmern oder um den skandinavischen Markt? Ist Polen für Dänen eine Option, und muss Union Berlin sich für Afrika interessieren? An den Tischen und auf den Gängen werden dazu wichtige Informationen gehandelt, Trends behauptet und Latrinenparolen verbreitet. Läuft wirklich ein Berater herum und bietet alle Spieler des Academica Coimbra an? »Such’ dir einen aus!«, soll er angeblich sagen. Ausverkaufsstimmung soll auch in Spanien sein, von wo viele Spieler gerne nach Deutschland wechseln würden, weil dort verlässlich und pünktlich bezahlt wird. Wegen der Wirtschaftskrise, unter der viele Länder leiden, ist auch im Fußball das Geld knapp. Das hat dazu geführt, dass die Kader kleiner werden und die Arbeitsplätze für Spieler weniger. Externe Investoren halten nun oft einen Teil der Rechte an Transfers, was die Wechsel äußerst kompliziert machen kann. Und wo früher 20 Millionen Euro Ablösesumme bezahlt wurden, sind jetzt noch vier oder fünf Millionen zu holen, wenn überhaupt.

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