18.02.2014

Die Geschichte von Zlatan Ibrahimovic

»Ich bin der Größte. Hinter Ali«

Seite 4/5: Das Spektakel des Weltfußballs
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imago

Zwar sind sich Experten einig, dass er am Ende nicht ganz an die Klasse von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo heranreicht. Doch im Gegensatz zu ihnen verfügt er über eine extravagante Aura, die ein Fußballer nicht erlernen kann: Er ist der kompromisslose Gladiator, der im Kampf Mann gegen Mann triumphiert. Daneben wirkt Messi wie eine naive Zaubermaus, und Ronaldo umweht trotz seiner Torquote ohnehin stets ein Hauch von andimöllerscher Wehleidigkeit. Zudem hat »Ibra« das Selbstbewusstsein, das ihn trotz astronomischer Transfer- und Gehaltssummen nie Druck verspüren lässt. Wenn ihn doch mal der Zweifel befällt, düst er einige Tage mit einem Affenzahn auf dem Schneemobil durch die eisigen Weiten Schwedens, bis der Kopf wieder frei ist. Und sollte es tatsächlich bei einem Klub nicht klappen, sind eben die anderen Schuld. Als Pep Guardiola ihn 2009 beim FC Barcelona zurück ins offensive Mittelfeld beorderte, schnauzte er den Trainer an: »Warum legst du dir einen Ferrari zu, wenn du ihn dann wie einen Fiat behandelst?«

»Ich brauche Action, ich brauche Speed.«

Im Weltfußball, wo die willigen Vollstrecker taktischer Systeme längst in der Überzahl sind, ist »Ibra« das pure Spektakel. In seiner Biografie schreibt er: »Ich brauche Action, ich brauche Speed.« Er brüstet sich damit, dass er eine Polizeistreife mit 300 Sachen im Porsche abhängte, als diese ihn wegen überhöhter Geschwindigkeit stoppen wollte. So nimmt es auch nicht Wunder, dass er sich im Rennen um einen Spitzenplatz im Weltsport ganz vorn sieht. »Ich bin der Größte – wie Ali.« Er überlegt kurz. »Geht das überhaupt? Zwei Größte? Na, gut: Ich bin der Größte – hinter Ali.«

Ibrahimovics aktuelle sportliche Bilanz ist eindrucksvoll. Seit dem Sommer hat er in 29 Spielen 23 Treffer erzielt, mit ihm befindet sich Paris St. Germain erstmals seit 1994 auf Meisterkurs. Zuvor führte er schon Ajax Amsterdam, Juventus Turin, Inter Mailand, den FC Barcelona und den AC Mailand zum nationalen Titel. Zwischen 2004 und 2011 schloss er jede Saison als nationaler Meister ab, sagenhafte acht Mal in Serie (inklusive der später aberkannten Titel von Juve). Erfolg, so heißt es landläufig, könne man nicht kaufen. Aber wer Ibrahimovic verpflichtet, dem gelingt es eben doch. Seine gegnerfressende Spielweise hat ihn sogar im französischen und schwedischen Wörterbuch verewigt. Das Verb »zlatanisieren« steht dafür, einen Kontrahenten unter reichlich Körpereinsatz, im Idealfall mit einer Prise Artistik, zu Staub zerfallen zu lassen. Und es steht auch für die Unfähigkeit, sich die eigene Niederlage bloß vorzustellen. »Wenn Ibra ein Trainingsspiel verliert, rastet er aus. Da kann man von Glück sagen, wenn man nicht in seinem Team spielt«, sagt Alexander Merkel, ein deutscher Nachwuchsspieler, der gemeinsam mit ihm beim AC Mailand spielte. »Auf dem Platz kann er ein richtiges Arschloch sein, aber das macht ihn eben auch zu diesem außergewöhnlichen Fußballer. Viele Gegenspieler bekommen schon Angst, wenn er nur auf sie zukommt.«

Mitspieler sehen neben ihm aus wie Messdiener

An einem Dienstag Ende Januar 2013, auf dem Zenit seiner Karriere, erscheint der Gott der Angst nun also den Menschen in einem Straßentunnel im Süden von Paris. In einem stillgelegten Teil, den sein Sponsor eigens zu einer Art Batman-Laboratorium hat umbauen lassen, soll er einen neuen Fußballschuh präsentieren. Als dieser Hüne mit dem Astralkörper, der von seiner Entourage ehrfürchtig »the tall guy« genannt wird, unter ohrenbetäubenden Bassdrum-Schlägen die Bühne betritt, um den Schuh in die Kameras zu halten, steht sein Mannschaftskollege Gregory van der Wiel neben ihm und wirkt wie ein Messdiener, der den Weihrauch in der Sakristei vergessen hat. In den Gesichtern der anwesenden Pressevertreter spiegelt sich eine Faszination wider, als wäre Elvis auferstanden. Sie zücken ihre Fotohandys, um später einmal beweisen zu können, dass sie ihn gesehen haben – IHN!

Spätestens seit seinem Fallrückziehertor im Länderspiel gegen England im November 2012 ist Ibrahimovic endgültig der »King of Football«. Aus 25 Metern Entfernung und zweieinhalb Metern Höhe den Kasten zu treffen, rückwärts und blind – das war in seinem Wahnwitz näher am Stratosphärensprung des Extremsportlers Felix Baumgärtner einen Monat zuvor als an allen Toren, die 2012 irgendwo auf der Welt erzielt wurden. Andere hätten sich allein beim Gedanken an eine solche Aktion den Hals gebrochen. Der Fallrückzieher war das Destillat aller »Ibra«-Tore zuvor – eine Einzelleistung in Reinkultur, ohne vorangegangene Tiki-Taka-Kaskade, außerhalb des Matchplans, von keiner Videoanalyse prophezeit. Eine Feier des individuellen Könnens, ein Hervortreten des Einzelsportlers aus einer Mannschaftssportart. Ein Geniestreich, mit dem Ibrahimovic sich selbst die Krone aufsetzte, die seit der Abdankung des ebenso sinistren Königs Zinedine Zidane im Jahre 2006 vakant war. Und es passt ins Bild, dass Ibrahimovic nur eine Woche zuvor im Ligaspiel gegen den AS St. Etienne sein anderes Gesicht gezeigt hatte, als er Keeper Stéphane Ruffier mit einem beherzten Karatetritt ins Reich der Träume schickte und deshalb für zwei Spiele vom Ligabetrieb ausgeschlossen wurde.

 
 
 
 
 
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