Die Geschichte einer Liebe

Tante Hertha und ich

In die zweite Bundesliga abzusteigen, gilt bei Hertha BSC als Super-GAU. Dabei kommt es auf die Spielklasse gar nicht an. Die Geschichte einer unerschütterlichen Liebe zum blau-weißen Haupstadtverein. Die Geschichte einer Liebe
Heft#104 07/2010
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Am 13. August 1961, als Hertha in West-Berlin eingemauert wurde, war ich noch nicht geboren. Für meinen Vater, einen von Lokalpatriotismus nur so strotzenden Franken, gab es derweil etwas zu feiern: Der Club aus Nürnberg gewann die Deutsche Meisterschaft durch ein 3:0 im Endspiel gegen Borussia Dortmund. Die Geschichten über die glorreichen Zeiten des fränkischen Fußballs erzählte er mir immer wieder, sehr ausführlich und zu jeder Gelegenheit – gerne auch ungefragt.

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Von ihm lernte ich, dass es im Fußball nicht nur um die Liebe zum eigenen Verein geht, sondern vor allem gegen die anderen. Wurde ein Nürnberger Spieler gefoult, forderte er oft schon bei kleineren Vergehen einen Platzverweis, umgekehrt sollte sich die Memme nicht so haben und schnell wieder aufstehen – ein Mann mit dem Selbstverständnis eines Intellektuellen, der samstags ab 18 Uhr vor der Sportschau saß und mit Ausdrücken wie »Scheiß-Bayern«, »Saupreußen« oder »Der Schiri ist ein Arschloch« nur so um sich warf. Hertha BSC war für ihn ein Betrügerverein: Bilanzfälschungen, Zwangsabstieg, Bundesligaskandal und – da in Berlin und somit in der »Zone« beheimatet – mit größter Wahrscheinlichkeit vom Osten unterlaufen, um über den Umweg Fußball die kommunistische Weltrevolution bis hinein ins heilige Frankenland zu exportieren.

Meine Mutter fand Fußball ziemlich bescheuert, weil sie als Frau angeblich die Abseitsregel sowieso nicht verstehen konnte. Allerdings kam sie vom Regen in die Traufe, als sie 1976 mit mir nach West-Berlin zog, an den einzigen Ort, an dem sie sich vor den Nachstellungen meines Vaters sicher fühlte. Ihr zweiter Mann – mein Stiefvater Elmar – war nämlich ein noch viel größerer Fußballnarr als ihr erster. Unsere Samstage gestalteten sich von nun an folgendermaßen: Ab 15.10 Uhr Radio-Live-Übertragung der Bundesligaspiele, 18 Uhr Sportschau, dazwischen Essensaufnahme und gegen 22 Uhr das Aktuelle Sportstudio. Selbst die Urlaubsplanung war oft schwierig. »Mensch, so ein Mist, die Sommerferien liegen dieses Jahr aber blöd. Da hat ja die neue Saison schon angefangen.«

Ein Spitzenspiel: Die Betriebself der BVG gegen die BSR

Elmars Vater Egon, für mich immer Onkel Egon, war ein waschechter Herthaner, der kein Heimspiel verpasste. Er erzählte schöne Geschichten, etwa wie er erst am nächsten Tag erfahren hatte, dass Hertha 1931 Deutscher Meister geworden war, weil sie zu Hause noch kein Radio hatten. Pünktlich zur Bundesligagründung im Jahre 1963 war Hertha dann Meister der Stadtliga geworden, hatte Tasmania 1900 und Tennis Borussia abgehängt und durfte als Berliner Vertreter im Oberhaus mitspielen.
Jedes Wochenende ging mein Onkel Egon ins Stadion, und hätte er nicht im Zweiten Weltkrieg ein Bein verloren und wäre nicht so schlecht »zu Fuß«, er würde auch heute mit seinen fast 90 Jahren immer noch mitkommen. Er war nicht so ein cholerischer Sportschau-Glotzer wie mein Vater, sondern ein echter Fußballstratege.

Jeden Montag kaufte er sich gleich morgens die »Fußballwoche«, die Stammpostille aller Berliner Fußballinteressierten, deren Käuferkreis sich neben Hertha-Fans vor allem aus Vereinsmitgliedern unterklassiger Klubs und notorischen Tabellenarithmetikern wie Egon rekrutiert. Die komplette Woche saß er über das ausführliche Spielberichts- und Tabellenmaterial gebeugt, rechnete Punkte zusammen und stellte schon mal seine Mannschaft für das nächste Spiel auf. Egon verfolgte den Berliner Fußball bis in die unterste Liga. Selbst die Rubrik »Sport im Betrieb« war für ihn ein echtes Highlight: »Stellt euch vor, morgen gibt es ein wahres Spitzenspiel: die Betriebsmannschaft der BVG spielt gegen die BSR!«

»Ha Ho He, Hertha BSC!« – der Zug wackelte und vibrierte.


Als wir den Spätsommer 1977 in unserer Laube auf Eiswerder verbrachten, sagte meine Mutter: »Egon, ich glaub’, die Claudia langweilt sich. Nimm sie doch mal mit ins Stadion!« Das große Abenteuer begann am U-Bahnhof Zoologischer Garten. Der Zug füllte sich mit blau-weißen Fans und es wurde immer lauter: »Ha Ho He, Hertha BSC!« – der Zug wackelte und vibrierte. Am U-Bahnhof Olympiastadion angekommen, schwammen wir in der Masse Richtung Stadion. In der Straßenunterführung waren die Schlachtrufe ohrenbetäubend, solche akustischen Phänomene kannte ich bis dahin noch nicht. Weiter ging es durch ein kleines Waldstück, und dann lugte um die Ecke schon das Olympiastadion. Das weite Rund, die Größe des Platzes und die olympischen Ringe überwältigten mich, das kleine Mädchen aus der Provinz. Ein Besuch auf dem Mond hätte nicht aufregender sein können.
Es folgte ein schier endloser Gänsemarsch in Richtung Einlassbereich. Onkel Egon hielt mich fest an der Hand und mahnte: »Claudia, schön hier bleiben, nicht wegrennen.«

Mir wäre im Traum nicht eingefallen, mich auch nur ein paar Zentimeter von ihm zu entfernen, denn das hier war eine völlig andere Situation als im Schwimmbad, wo man sich zu einem Bademeister flüchten konnte. Damals in den siebziger Jahren hatten die meisten Besucher ein Sitzkissen dabei, denn es gab im Stadion noch keine Plastikschalensitze, sondern man saß direkt auf den Steintreppen. Um eine drohende Blasenentzündung zu vermeiden, bekam auch ich eins. Es wurde mit einer Schnur zusammengebunden und ließ sich wie eine kleine Handtasche tragen. Mein Kissen war nicht blau-weiß, sondern dunkelgrün und mit »Pril-Blümchen« bedruckt. Ein echtes Kleinod meiner Kindheit, das ich damals mit der rechten Hand umklammerte und mich mit der linken an Egon festhielt, bis wir im Stadion waren. Weiter ging es durch das Gedränge hinein.

Kaum waren wir an unserem Platz angekommen und hatten die Sitzkissen aufgeschnürt, sprangen auch schon alle wieder auf. Das Lied »Blau-weiße Hertha, du bist unser Sportverein« schallte aus den Lautsprechern. Um mich herum wurde fröhlich mitgesungen. Auch Egon bewegte zart die Lippen. Die Fahnen flatterten und etliche Fanschals wurden geschwungen. Der Stadionsprecher verkündete die Mannschaftsaufstellung und alle schrien die Namen mit. Ich war schwer beeindruckt. Im Stadion hatten sich die Massen dann doch ganz gut verteilt, es mussten etwa 30.000 Zuschauer da gewesen sein – bei einer Kapazität von damals 86.000 –, doch um mich herum war es ziemlich voll.

Spielbeginn. Die ausschließlich männlichen Erwachsenen kommentierten jede Situation lautstark: »Ran da! Gib doch mal ab! Mein Gott, is’ der blöd! Attacke!!! Hau ihn um, der kann nüscht.« Egon debattierte derweil angeregt mit seinem Nachbarn: »Er hätte lieber den Diefenbach von Anfang an bringen sollen. Ich würde jetzt endlich einen zusätzlichen Stürmer einwechseln. Warum stellt er nicht das Mittelfeld um?« In der 43. Minute endlich das Tor für Hertha. Karl-Heinz Granitza traf gegen die Frankfurter Eintracht. Alle sprangen auf und lagen sich in den Armen, ich wurde von Fremden förmlich erdrückt. In der Halbzeit entsprechend gute Stimmung: »Na Claudi, noch ein Eis und ‘ne Limo?«

Da musste ich nicht zweimal gefragt werden – Fußball begann mir immer besser zu gefallen. Die zweite Halbzeit verlief ähnlich wie die erste. Dieter Nüssing besiegelte den Sieg für die Hertha. Mit leichten Bauchschmerzen ging es zurück in die Laubenkolonie. Dank des Sieges bekam ich auf dem Heimweg noch die eine oder andere Süßigkeit und Limonade (sonst gab’s bei uns immer nur »Berliner Perle« aus dem Wasserhahn). Abends lag ich glücklich im Bett. In meinen Ohren hallte das »Ha Ho He« noch lange nach.


Nach diesem Erlebnis musste ich nicht mehr gefragt werden, ob ich mitkommen wollte. Ich begann, ein paar Kinder aus der Kolonie zu mobilisieren, und es bildete sich bald eine kleine Gruppe, bestehend aus meinen Freunden und den älteren Herren um Egon, die sich samstags auf den Weg ins Stadion machte. Egon und seine Freunde analysierten die Spiele, wahrend wir Kinder durch das Olympiastadion tobten. Dort konnten wir lautstark das riesige Gelände erobern. Wir entwickelten Spiele wie in entgegengesetzten Richtungen durchs Rondell zu rennen. Los ging’s am Block K. Wer als erster dort wieder angekommen war, hatte gewonnen. Und noch etwas lernten wir: Gewann Hertha, war fast alles möglich. Ich platzierte Fragen wie »Darf ich morgen Tatort gucken?« oder »Darf ich nächste Woche bei Sylvia schlafen?« bewusst auf den späten Samstagnachmittag. Verlor Hertha, hieß es, sich in sein Schicksal fügen und auf den nächsten Sieg warten. Bei einem Unentschieden kam es auf die Resultate der Konkurrenz und den Tabellenstand an. So lernte ich nebenbei auch ein bisschen rechnen.

Halbfinale im UEFA-Cup 1979 gegen Belgrad


Mein Lieblingsspieler war, wie für viele Berliner Gören, Erich »Ete« Beer, auch bekannt als »Berliner Beer«. Er spielte zum Zeitpunkt meiner Geburt noch für den 1. FC Nürnberg, ging aber später nach West-Berlin, wo er sich zur Hertha-Legende entwickelte. Mit ihm wurde der Verein in der Saison 1974/75 Vizemeister, 1970/71 und 1977/78 sprang immerhin der 3. Platz heraus. Zum Ende meines ersten Fußballjahrzehnts versank Hertha im Mittelmaß der Bundesliga. Noch gab es jedoch Lichtblicke: 1977 und 1979 wurde das Finale im DFB-Pokal erreicht und auch international gab es einen großen Auftritt: das Halbfinale im UEFA-Cup 1979 gegen Roter Stern Belgrad, bei dem uns nur diese blöde Auswärtstorregel stoppen konnte. Leider wurde ich von meiner Mutter für zu jung befunden, um bei diesem denkwürdigen Unter-der-Woche-Flutlichtspiel dabei sein zu können.

Große Highlights waren natürlich auch die Berliner Derbys gegen Tennis Borussia. Wie leicht ging uns doch der eingängige und kesse Reim »TeBe, TeBe, die Scheiße von der Spree!« über die Lippen! Im Mai 1980 versetzte der Einsturz der Kongresshalle, besser bekannt als »Schwangere Auster«, die Stadt in helle Aufregung.

Nur zehn Tage später stürzte Hertha ab. Die Saison war nervenaufreibend gewesen. Bis zum letzten Spieltag hatten wir gehofft, gerechnet, gezittert und ab und an sogar gebetet. Wir mussten schreckliche Niederlagen wie eine 0:6-Klatsche gegen den HSV und eine 0:4-Packung gegen Fortuna Düsseldorf –einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf – wegstecken. Im letzten Spiel gegen Stuttgart kämpfte die Mannschaft wacker und eroberte in diesen 90 Minuten einmal mehr mein Herz, umsonst jedoch, da es nach Spielende zerbrach, es fehlten zwei Tore, um die punktgleichen Uerdinger noch vom 15. Tabellenplatz zu verdrängen. Egon schwieg, und ich weinte bitterlich.

In der folgenden Sommerpause fand die EM in Italien statt, und ich wurde bald zunehmend in die analytischen Gespräche der Erwachsenen mit einbezogen. So ging ich mit erheblich mehr Fachwissen in die neue Saison, da mir taktische Spielzüge nicht länger fremd waren. Egon genoss mein erwachtes Interesse an der Fußball-Wissenschaft und erklärte mir erfreut alle wichtigen Begriffe wie Manndeckung und Raumdeckung, Vorwärts- und Rückwärtsbewegung, Konter, Libero und natürlich die Abseitsregel (mit erhobenem Zeigefinger): »Entscheidend ist der Moment der Ballabgabe!«

Solcherart Wissen ist äußerst wichtig, um ein anhaltendes Interesse am Fußball zu entwickeln. Es ermöglicht herrliche Diskussionen um eventuelle Fehlentscheidungen, die für nie enden wollenden Gesprächsstoff sorgen. Hinzu kommt die Analyse der Einkaufspolitik und der Verletzungssorgen anderer, aber vor allem des eigenen Vereins.

Für Außenstehende ist es oft nicht nachvollziehbar, wie sich sonst scheinbar einander fremde Personen stundenlang über ein- und dasselbe Thema unterhalten können. Für die Beteiligten ist es dagegen eine Art der Kommunikation, die sich jedes Mal wieder in unverbindliche Leere auflöst, denn daran, welchen Verein oder welchen Spieler man bevorzugt, ändern diese Smalltalks nichts.

2. Liga: Hertha-Heimspiele waren von nun an Regentage


In der ersten Zweitliga-Saison verpasste Hertha den Wiederaufstieg ähnlich knapp wie zuvor der Abstieg besiegelt worden war. Doch ein Jahr später klappte es. Nach einer ansehnlichen Spielzeit landete Hertha in der Saison 1981/82 auf dem zweiten Platz und durfte sich wieder auf die »ganz großen Vereine« freuen. Der Sommer war gerettet. Allerdings sollten schon bald wieder dunkle Wolken am blau-weißen Firmament aufziehen und schwere Zeiten für Egon und mich anbrechen, stellte sich doch schnell heraus, dass die Mannschaft in keiner Weise mehr bundesligatauglich war. Nach einem entsetzlichen Jahr rutschte Hertha als Tabellenschlusslicht wieder eine Klasse tiefer. Grau in grau ging es weiter. Hertha-Heimspiele waren von nun an Regentage. Naturwissenschaftlich nicht zu erklären, aber durch meine Erinnerung belegt.

Wenn es mal nicht in Strömen regnete, nieselte es oder war bitterkalt und windig. Wir waren nicht nur dem schlechten Spiel auf dem Platz, sondern auch dem Wetter schutzlos ausgeliefert, das Stadion hatte noch keine Überdachung. Das freundlich blinzelnde Marmoroval aus meinen Kindheitstagen hatte sich in ein Menschen verschlingendes Monster aus der Nazizeit zurückverwandelt. In diesem grauen Koloss verloren sich im Schnitt jetzt nur noch 4000 Zuschauer, und was die Sache noch schlimmer machte, war der Umstand, dass gerade die Unsympathischsten aller Fans weiterhin kamen. Unser kleiner inoffizieller Fanklub begann, sich ein wenig aufzulösen. Egon musste mich mit gutem Zureden ins Stadion betteln: »Komm, wird schon wieder besser werden. In guten wie in schlechten Zeiten!« Auch meine Mutter mischte sich ein: »Du kannst ihn doch jetzt nicht alleine gehen lassen.« Also marschierte ich weiter mit ins Stadion.

Mittlerweile war ich nach Kreuzberg umgezogen und verbrachte dort mehr und mehr Zeit in den besetzten Häusern unserer Straße. Ich toupierte mir die Haare und färbte sie bunt, war also eine kleine Punkerin. Berührungsängste zur Hertha entwickelte ich wegen dieses Wandels erstmal nicht, eher war dies umgekehrt der Fall.

Sammelbecken der rechten Szene West-Berlins


Bereits in den 60er Jahren hatten sich die »Hertha-Frösche« gegründet. Diese Fans organisierten neben den obligatorischen Besuchen der Heimspiele regelmäßige gemeinsame Fahrten zu Auswärtsspielen. Eine Welt, in der sich Freundschaften wie zum Karlsruher SC und Feindschaften wie zu Schalke 04 ausbilden konnten – vor allem als beide Mannschaften in der 2. Liga aufeinander trafen, kam es immer wieder zu heftigen Schlägereien. Ihren Namen erhielten die ›Frösche‹ von einem Sportjournalisten, nachdem sie bei einem Spiel im Winter 90 Minuten lang in der Ostkurve herumgehüpft waren, um sich warm zu halten. In den achtziger Jahren orientierten sie sich zunehmend an den Hooligans der englischen Profiliga und entwickelten sich zu einem Sammelbecken der rechten Szene West-Berlins.

Die U-Bahn-Fahrt zum Stadion wurde zum Spießrutenlauf. Wir wurden mit bösen Blicken konfrontiert, ich wurde so manches Mal als »Zecke« beschimpft. Bomberjacken und Glatzköpfe hatten die mir vertrauten langen Mähnen und Schlaghosen als bestimmende Mode abgelöst. Im Stadion hörte man hauptsächlich lautes rechtsradikales Gegröle, die spielerische Seite wurde so gut wie nicht mehr beachtet. Egon maß dieser Entwicklung kaum Bedeutung zu, und die Vereinsoberen nahmen sowieso eine indifferente Haltung zu den Randale-Fans ein. In dieser Zeit waren zahlende Zuschauer wichtiger als Bild- und Fernsehrechte, und so hütete man sich davor, sich diese paar Hohlköpfe durch Stellungnahmen gegen Gewalt und Rassismus, die heute längst zum guten Ton eines Profiklubs gehören, zu vergraulen.


Was mich zusätzlich ärgerte, war, dass der Verein auch seine sportliche Talfahrt mit stoischer Gelassenheit hinzunehmen schien. Monate zog mich allein die Illusion, es könne ja nicht mehr schlechter werden, ins Stadion. Einer meiner Negativ-Höhepunkte war 1985 ein extrem langweiliges 1:1 bei Nieselregen gegen einen so genannten VfR Bürstadt mit knapp 2000 Zuschauern. 1986 verabschiedete sich die »alte Dame« dann folgerichtig aus dem Profifußball und stieg mit ihrem alten Bekannten Tennis Borussia in die Amateurliga ab. Die Spiele fanden nun nicht mehr im Olympiastadion statt, sondern im deutlich kleineren Poststadion im Niemandsland zwischen Moabit und Wedding. Dass ich dort überhaupt zweimal aufkreuzte, verdankte sich lediglich einer kurzen Affäre mit einem dem Bier zugeneigten Rockabilly. Er hatte eine Stelle ausfindig gemacht, an der der Stacheldraht kaputt war, sodass man leicht über den Zaun steigen konnte.

Glatzen und Männer in Gestapo-Uniformen

Ohne sonderlich viel Notiz von den uns umgebenden Nazihorden zu nehmen, veranstaltete er mit einem Kumpel im Poststadion einen privaten Sonntagsfrühschoppen – eine Palette Hansa-Buchsen wurde als erstes über den Zaun geschoben. Obwohl ich den Humor der beiden schätzte, hat sich die Dumpfheit dieser Veranstaltung insgesamt in meine Erinnerung gebrannt: Neben den gewohnten Glatzen nahm ich nun auch Männer in Gestapo-Uniformen wahr, der Schlager »Marmor, Stein und Eisen bricht« wurde von der Mehrheit der Singenden mit einem kräftigen »Sieg heil!« beschlossen – nur eine Minderheit von Kompromisslern ergänzte dazu im selben Rhythmus ein zartes »Schul-Theiss! Schul-Theiss! Schul-Theiss!«
Das war’s dann aber. Fortan schlug ich mir lieber die Nachte im »Linientreu« um die Ohren, besuchte Konzerte im Loft oder im Metropol, interessierte mich für Jungs, Mode und Politik.

Egon tigerte mit seinen älteren Herren weiterhin ins Poststadion. Er hatte viele Freunde bei Vereinen wie den Reinickendorfer Füchsen, SC Gatow oder TSV Rudow, die nun Herthas Gegner waren. Im Grunde war er ganz zufrieden, da sich alles viel mehr an der Basis abspielte. Und er hielt mich immer auf dem Laufenden. Ich tröstete ihn, als Hertha nach der ersten Oberliga-Saison noch eine Ehrenrunde drehen musste.

Die Mannschaft hatte zwar die 3. Liga dominiert, musste aber noch ein Relegationsspiel um den Aufstieg gegen den BVL Remscheid absolvieren. Ein Unentschieden hätte gereicht, doch tatsächlich wurde eine 1:0-Führung am Ende noch mit 1:3 verspielt. Egon regte sich damals fürchterlich über diese Relegationsspielregel auf: »Die alte Dame hat einfach nichts in der 3. Liga zu suchen, das ist Wettbewerbsverzerrung!« Ein Jahr später sollte es dann klappen. Hertha gewann das Relegationsspiel souverän mit 4:1 gegen Preußen Münster.

75.000 Zuschauern beim Zweitliga-Aufstiegsgipfel


Ich besuchte lange Zeit kein einziges Spiel mehr, blätterte aber gerne in der Berliner »Fußballwoche«, wenn ich bei Egon zu Besuch war. Und bis heute schlage ich immer als erstes den Sportteil einer Zeitung auf, um Berichte über Hertha zu suchen. Die Liebe zu meinem Verein konnte ich allerdings nur sehr wenigen meiner Freunde vermitteln. Zumeist stieß ich auf großes Unverständnis: »Ihh, was hast du denn mit diesen Faschos am Hut?« Erst nachdem 1996 Jürgen Röber die blau-weiße Gurkentruppe übernahm, entdeckte ich das Abenteuer Olympiastadion wieder, zumal mein Sohn nun selbst im stadiontauglichen Alter war. Ganz fest hielt ich seine kleine Hand gedrückt und freute mich über sein Staunen. Ich begeisterte ihn für den Fußball, so wie schon Egon als kleiner Junge von seinem Vater und ich von Egon begeistert worden war. Mit dem Wiederaufstieg 1997 kam dann auch der sportliche Erfolg als Garant für geteilte Glückseligkeit zurück. Die Atmosphäre stimmte wieder, man denke an das mit 75.000 Zuschauern ausverkaufte Olympiastadion beim Zweitliga-Aufstiegsgipfel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Und natürlich strahlte bei Heimspielen jetzt wieder die Sonne. Frank Zander, die lebende Inkarnation einer knorken Currywurstbude, schaffte es, aus dem ausgedorrten »We are sailing« den Hertha-Hit »Nur nach Hause gehen wir nicht« zu formen. Optisch brachte er zugleich wieder die Matte mit ins Spiel.

Oft habe ich mich gefragt, was es mit meiner Zuneigung zu Tante Hertha auf sich hat, warum ich ihr immer irgendwie die Stange gehalten habe, trotz all der verfilzten Chefsesselfurzer, der zeitweise deutlich erkennbaren Neonazi-Strukturen und des harmloser wirkenden, aber umso weiter verbreiteten Lokalpatriotismus. Von außen betrachtet ist Fußball eine saublöde Angelegenheit: Die Spieler erledigen mehr oder weniger leidenschaftlich ihren Job, und ein Großteil der Fans legt Ideale wie Ehre, Treue oder Erfolgsgehabe in die Waagschale. All dies teile ich wirklich nicht. Und dennoch steht mir die alte Tante so nah wie eine leibhaftige Person, wie eine wirkliche Tante, die sich manches Mal daneben benommen, aber auch ihre guten Seiten hat.

Zu meiner Rechtfertigung kann ich höchstens anführen, dass der Vereinsfußball mit dem ganzen Drumherum einen hohen Unterhaltungswert hat. Ein Fußballspiel hat das Potenzial von einem guten Rockkonzert: Es wird gesungen, geschrien, gelacht und gebangt. Manchmal. Oft ist es aber auch einfach nur langweilig. Dann aber entrückt man in eine Welt wunderbarer Monotonie. Beide Varianten sind sehr intensiv. Und das Prickelnde ist, dass man vorher nie weiß, was kommt.

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Entnommen dem Buch:
»War jewesen – West-Berlin 1961 - 1989«

(Parthas, 469 Seiten, 24 Euro)

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