Die Geschichte des Fangesangs

Schalalalalalalala!

Wer behauptet, das Singen im Stadion sei so alt wie der Fußball, der irrt. Im Grunde begann alles erst 1963 in Liverpool. Heute ist der Fangesang der vielleicht letzte authentische Rülpser in einer immer sterileren Fußballwelt. Die Geschichte des Fangesangs
Heft #71 10 / 2007
Heft: #
71

Novemberfußball in Deutschland, das ist Flutlicht, klamme Kälte und manchmal auch Nebel, der langsam über die Tribünen hinweg in die Stadionschüssel wabert. Auch in die Alte Försterei zu Berlin zogen an einem Abend Ende 2002 dicke herbstliche Dunstwolken, so dass das Zweitligaspiel zwischen Union und Eintracht Frankfurt zur Farce geriet. Auf den Rängen rumorte es. Kein Gesang, kein Klatschen oder Pfeifen war zu hören. Überall diskutierte man die Frage, ob und wann der Schiedsrichter dem undurchsichtigen Treiben ein Ende setzen würde. Dann passierte es, in die fast unheimliche Stille des Blocks H hinein begann eine kehlige Stimme zu fordern: »Wir woll’n die Mannschaft seh’n, wir woll’n die Mannschaft seh’n, wir woll’n, wir woll’n die Mannschaft seh’n!«

[ad]

Der Rufer hatte die Lacher auf seiner Seite und blieb nicht lange allein. Allein und verloren ist nur der, der sich auf das Thema Fangesänge einlässt. Kaum ein Genre bietet mehr Facetten, Betrachtungswinkel, Fallstricke und Potenzial. Schnell umschlingt den Wissensdurstigen eine Hydra. Aber gibt es eine Essenz, auf die all die Kalauer, Klassiker und Sottisen am Ende zurückgeführt werden können? Kurz gesagt: Warum singst du, wenn du im Stadion bist? Zunächst stochert der Suchende in einem Nebel, der noch dichter ist als in der Alten Försterei, und wohl auch dichter als der im Stadion an der Anfield Road in Liverpool an jenem Samstag vor 40 Jahren. Doch weil der Schiedsrichter meinte, vom Anstoßpunkt aus beide Tore erkennen zu können, wurde auch dieses Spiel nicht abgepfiffen. Niemand im Stadion hatte wirklich einen Überblick, bis sich nach einem Angriff der Heimmannschaft langsam ein Raunen durch die Reihen fortpflanzte. Der Kop, die berühmte Hintertortribüne der Liverpooler, jubelte jedoch erst aus voller Kehle, als die eigene Mannschaft zurückgelaufen kam und der gegnerische Stürmer den Ball in den Mittelkreis trug. Der harte Kern der Liverpool-Fans wollte sich freilich nicht mit der bloßen Führung zufrieden geben und begann aus mehreren zehntausend Kehlen in den Nebel hinein zu skandieren: »Who scored the goal, who scored the goal?« Kurz darauf entfaltete sich vor den Zuschauern ein kleines Stück Magie, als es durch die weiße Wand dumpf zurückschallte: »Hateley scored the goal, Hateley scored the goal.«

Die Popkultur begann den Fußball zu unterwandern

»Aber auch damit waren wir nicht zufrieden«, erinnert sich Rogan Taylor an diesen Spieltag der Saison 1967/68. »Natürlich wollten wir auch wissen, ob Tony Hateley mit dem Fuß oder dem Kopf getroffen hatte. Und wir erfuhren es auf die gleiche Weise.« Rogan Taylor ist eine Institution im englischen Fußball. Gemeinsam mit ein paar Mitstreitern hat er nach dem Feuer von Bradford und der Heysel-Katastrophe im Jahr 1985 die unabhängige Football Supporters Association (FSA) gegründet, um den Fans eine Stimme zu geben. Seine Doktorarbeit hat er irgendwann einmal über primitive Religionen und Schamanismus geschrieben. Seit 46 Jahren geht er zum FC Liverpool.





Taylor hat die Evolution der Fangesänge aus der ersten Reihe erlebt: »Natürlich ist die Stimmung heute nicht so wie in den 60ern. Wie soll das auch gehen in den Sitzplatzstadien, in denen Leute nebeneinander hocken, die oft nicht zusammen passen und sich vielleicht noch nicht einmal besonders gut leiden können?« Wenn früher der Anwalt seine Tochter von der Privatschule abholte und dann auf einmal neben dem fluchenden Dockarbeiter mit dem Tourette-Syndrom und den drei Bäuchen stand, dann ging er einfach ein paar Meter weiter. Heute wird das Unterhaltungsprogramm von den Gralshütern des Lord Taylor Reports und den Marketingchefs der Klubs bestimmt. Jedermann hat zu sitzen, allein schon das ist nicht gut für den Sangesfreund. »Selbst in der Kirche steht man zum Singen auf, hebt den Kopf und weitet die Lungen«, befindet Taylor, dessen Namensgleichheit mit dem Verfasser des für die reinen englischen Sitzplatzstadien verantwortlichen Reports rein zufällig ist.

Gern denkt er an die chaotische Energie der frühen 60er Jahre zurück. Damals trat die Liverpooler Popgruppe The Beatles ihren Siegeszug um die Welt an und Bill Shanklys Arbeit begann an der Anfield Road Früchte zu tragen. Erstmals wurde eine WM im Fernsehen übertragen, und aus Chile wurden die rhythmischen »Bra-sil«-Rufe in die englischen Wohnstuben gefunkt. Das zeigte Wirkung. In den Stadien der Insel waren bis dahin alle Gesänge mit dem Anpfiff schlagartig abgeebbt und hatten ein akustisches Vakuum hinterlassen, das Pfiffe, Flüche und Applaus nicht wirklich ausfüllen konnten. Doch die Animation aus Südamerika und parallel der internationale Erfolg der Beatles wehte einen frischen Wind über den Mersey, die Popkultur begann den Fußball zu unterwandern. »Love me do« und »She loves you« schallte es aus dem Kop. Schließlich nahmen die Liverpudlians 1963 »You’ll never walk alone« für sich in Beschlag und machten die Musicalschnulze, die bis in die frühen 60er Jahre hinein bestenfalls auf Beerdigungen gespielt worden war, zur Fußballhymne schlechthin.

Den Kop von damals vergleicht Taylor mit einem riesigen, Furcht einflößenden Monster, das langsam seine Muskeln spielen ließ. Wie in Dantes »Göttlicher Komödie« waberten konzentrische Wellen um ein Epizentrum aus reiner Energie. Wer dort stehen wollte, musste verdammt fit, motiviert, trinksicher und vor allem pünktlich sein. Mindestens eine Stunde vor Anpfiff hatte sich einzufinden, wer im Herzen des Kops stehen und sich mit dem harten Kern langsam einsingen wollte. Und dieses Herz gab den Rhythmus für ganz Fußball-England vor und schrieb eigene Psalme in die Bibel der Fangesänge.

»Tommy Smith, show us your arse!«

1977, zwei Tage, nachdem Borussia Mönchengladbach im europäischen Cupfinale von Rom geschlagen worden war, stand an der Anfield Road ein Abschiedsspiel für Tommy Smith auf der Agenda. Im Rausch des europäischen Triumphs erlebte das Stadion Szenen, die es so nicht wieder geben sollte. »Tommy Smith, show us your arse!«, forderte der Kop plötzlich unisono den freien Blick auf das Gesäß des Jubilars. Auch die anderen Spieler mussten nacheinander blank ziehen und den Vollmond zeigen. Dann – in einer ruhigen Sekunde – forderte ein Verwegener: »Anny Road: all sit down«, und der gesamte Block an der Anfield Road setzte sich geschlossen. Auch die Direktorenbox blieb am Ende nicht verschont und musste sich auf das Kommando des vieltausendstimmigen Zeremonienmeisters erheben. Jahre nach dieser trotzkistischen Mini-Revolution hat Rogan Taylor einmal den damaligen Klubchef Peter Robinson gefragt, was er eigentlich über den Kop wisse. »Die singen ganz gut«, lautete die schlichte Antwort.

Doch auch der Kop, das chaotische und doch so harmonische Mosaik, hat mit der Umstellung auf die »All Seaters« Federn lassen müssen. Von der einstigen Spontanität ist nicht viel übrig gebelieben. Trotzdem glaubt der Psychologieprofessor Clifford Stott noch an den Intellekt der Masse. Stotts Spezialgebiet ist die Erforschung großer Menschenmengen, und Fußball gehört zu seinen Steckenpferden. Neben der FA und der UEFA haben auch die Organisatoren der EM 2004 schon auf seinen wissenschaftlichen Beistand gesetzt. Im akademischen Umfeld trifft er dagegen häufig auf Vorurteile. »Fußball und seine Lieder, das soll ja angeblich der Rückzugsraum für die proletarischen Massen und ein Überbleibsel unserer archaischen Vergangenheit sein. Das langweilt mich und ist zudem historischer Unsinn«, sagt Stott. »Vergleichbare Menschenansammlungen kennen wir eigentlich erst seit der industriellen Revolution. Das hat nichts mit Urinstinkten zu tun.«

Stott hält große Stücke auf den Humor und den Sprachwitz der Supporter. Wenn er ins Stadion geht, richtet er seinen Blick fast ausschließlich auf die Massen und ihre Interaktion – sei es mit der Polizei, den Spielern oder den gegnerischen Fans. Er glaubt nicht an die Theorie, dass ein Großteil der Fangesänge unter Laborbedingungen kreiert wird. »Natürlich gibt es das: Okay, nächste Woche spielen wir gegen XYZ, wie können wir die am besten durch den Kakao ziehen?« Doch das seien Ausnahmen, zumal solche präparierten Arien in den heutigen Stadien von kleinen Gruppen schwer durchsetzbar sind. Vielmehr glaubt Stott, dass der Fanblock eine Art kollektiver solidarischer Identität und Intelligenz entstehen lässt, in der sich der einzelne verlieren oder durch Wortwitz promovieren kann. Eine Gemeinschaft entsteht durch Abgrenzung. Fangesänge schaffen klare Fronten, und Fronten schaffen ein Wir und ein Die und damit Heimat. Von Trivialität will Stott nichts hören. »Das Handeln der Masse ist rational und verdient mehr Unvoreingenommenheit und wissenschaftliche Aufmerksamkeit.«

Inzwischen wird das auch in Deutschland so gesehen, zum Beispiel von Reinhard Kopiez, der dem Phänomen gleich ein ganzes Buch widmete (»Fußball-Fangesänge – eine FANomenologie«, erschienen im Verlag Königshausen & Neumann). Als das Werk 1998 erschien, betraten der Musikpädagoge und sein Co-Autor Guido Brink weitgehend unbekanntes Terrain, heute wird Kopiez »sogar von einem katholischen Jugendmagazin« zum Thema interviewt. Das liegt zum einen sicher daran, dass Fußball spätestens seit der WM 2006 Folklore geworden ist, andererseits ist es ein Indiz dafür, dass sich in den deutschen Stadien mittlerweile eine lebendige Sangeskultur entwickelt hat. Dabei beschränkten sich die Publikumsäußerungen hierzulande zu einer Zeit, als in Liverpool schon ganze Strophen geträllert wurden, noch auf einzelne Anfeuerungsrufe, Torjubel und dezentes Klatschen. »Noch in den späten 70ern gab es nur Sprechchöre à la ›Hi, ha, ho, Eintracht ist k.o.‹, erinnert sich Offenbach-Fan Volker Goll, der lange Macher des Fanzines »Erwin« war und heute in der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) arbeitet. Der Übergang zum strukturierten Singen fällt für Goll zusammen »mit dem Aufkommen der Ultra-Bewegung«. Plötzlich gab es einen Vorsänger, der den Ton angab und das Repertoire kontrollierte. Mittlerweile ist die Macht dieser Chant-Leader dermaßen groß, dass viele im Fanblock schon wieder genervt sind, weil der Mann mit dem Megafon alles dominiert und eine spontane Reaktion auf das Spielgeschehen nicht mehr möglich ist. Aber das ist ein Kapitel für sich.

Hinter den Engländern müssen sich die deutschen Fans heute jedenfalls nicht mehr verstecken, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass in den hiesigen Stadien etwas bewahrt wurde, das für das Singen essentiell ist: die Stehplätze. »Von den Sitzplätzen aus wirst du einen koordinierten Gesang nicht hinkriegen«, weiß Volker Goll. Anhänger in Stadien mit einem hohen Sitzplatzanteil wie München oder Hamburg können im wahrsten Sinne des Wortes (k)ein Lied davon singen. Ein anderes Problem der modernen Zeiten setzt den singenden Fans dagegen fast überall zu. »Die Einspielungen aus den Stadionlautsprechern können sämtliche Aktivitäten ersterben lassen«, sagt Reinhard Kopiez. In der Tat ist die ohrenbetäubende Dauerbeschallung aus Werbejingles und einem musikalischen Einheitsbrei von DJ Ötzi bis Hermes House Band hochgradig kontraproduktiv, ein seriöses Einsingen vor dem Spiel kaum noch möglich. Wohl dem, der da nicht in einem der neuen Fußballtempel, sondern in einem in die Jahre gekommenen Stadion zuhause ist wie Volker Goll: »Das Glück bei uns in Offenbach ist, dass an manchen Stellen die Lautsprecheranlage nicht mehr richtig funktioniert.«

Fußballgesänge sind nichts für politisch Korrekte


Warum aber singen Fans überhaupt? Kopiez und Brink unterscheiden in ihrem Buch vier Motive: die Anfeuerung der eigenen Mannschaft, die Huldigung einzelner Spieler und des Vereins, eine Ventilfunktion zur Kompensation emotionaler Anspannung sowie die Schmähung und Verhöhnung des Gegners. Letzteres kann sich auch auf den Spielleiter beziehen, wie im dadaistischen Klassiker »Schiedsrichter Telefon, deine Alte wartet schon«. Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe wurden mit dem Spruch »Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht – Gaudino hat’s, Gaudino hat’s« geschlagen, zu einer Zeit, als gegen den damaligen Frankfurter Maurizio Gaudino wegen Autoschiebereien ermittelt wurde. Überhaupt sind Fangesänge nichts für politisch Korrekte und zarte Seelen. So wird in Old Trafford »Always look on the bright side of life«, der spöttische Chant der ManU-Fans in Richtung eines unterlegenen Gegners, gerne mit der Antwort »Always look on the runway for ice« gekontert, die auf den Flugzeugabsturz der »Busby Babes« 1958 in München anspielt. Harmloser, aber ein bisschen unappetitlich ist der Gesang »Was ist grün und stinkt nach Fisch?« in Richtung des SV Werder Bremen. Die Zeile ist freilich so betagt, dass Bremer Anhänger in Bezug auf ihn eine gewisse Schlagfertigkeit entwickelt haben und Kontrahenten gerne mit der Replik »Deine Mutter« ins Wort fallen.

Wer übrigens glaubt, frenetische Anfeuerungsrufe und fantasievolle Gesänge seien geeignet, das eigene Team dem Sieg näher zu bringen, der irrt. »Der Einfluss der Zuschauer wird überschätzt«, sagt der Münsteraner Sportwissenschaftler Bernd Strauß, der sogar ein Traktat mit dem provokanten Untertitel »Wenn Fans ihre Mannschaft zur Niederlage klatschen« veröffentlicht hat. Hilfreich, so hätten Studien gezeigt, seien Anfeuerungen höchstens da, wo konditionelle Fähigkeiten gefragt sind. Bei allem, was mit der Koordination des Körpers zu tun hat, sei die Anwesenheit des Mobs dagegen eher störend. Warum aber glauben dann 81 Prozent der Bundesligaprofis, von der Unterstützung der Fans zu profitieren? Warum gibt es überhaupt einen Heimvorteil? Die Antwort von Strauß ist ein bisschen ernüchternd: »Das Wesentliche ist der Glaube daran, dass es einen Heimvorteil gibt.« Ein klassischer Placebo-Effekt also, oder die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Was nichts daran ändert, dass Bernd Strauß ein Liebhaber der Fankultur im allgemeinen und der Gesänge im Besonderen ist: »Fangesänge tragen enorm zur Attraktivität des Geschehens bei, auch wenn sie sportlich irrelevant sind. Sie stiften Identifikation und sind ein Alleinstellungsmerkmal für die Anhänger, um sich von anderen abzugrenzen.«

Mittlerweile wird das Thema von allen möglichen Ecken aus erforscht. Musikwissenschaftler, Sportwissenschaftler, Anthropologen versuchen sich daran, und sogar ein Linguist. Der aus Gladbeck stammende Schalke-Fan René Schiering arbeitet an der Universität Leipzig und hat sich der Fangesänge aus sprachwissenschaftlicher Sicht angenommen. Dazu kehrte er in die alte Heimat zurück und stellte sich für einen groß angelegten Feldversuch eine Saison lang mit einem Tonbandgerät in die Schalker Fankurve. Eine Hoffnung, nämlich bei der Geburtsstunde eines Klassikers wie »Steht auf, wenn ihr Schalker seid«, dabei zu sein und somit etwas über die Ritualisierung der Gesänge herausfinden zu können, erfüllte sich leider nicht. Stattdessen kam Schiering einem anderen Phänomen auf die Spur: Obwohl unter jungen Leuten im Ruhrgebiet in den letzten Jahren eine Renaissance der lokalen Mundart zu beobachten ist, verweigern sich ausgerechnet die vermeintlich proletarischen Schalker Anhänger diesem Trend. »Vielleicht liegt es daran, dass sie sich in einer öffentlichen Situation befinden, und dass im Ruhrgebiet, anders als etwa in Süddeutschland, keine dialektale Gesangstradition existiert«, vermutete der Linguist. Man sieht, es gibt noch viel zu erforschen.

Weitgehend ermittelt ist dagegen, welches Liedgut die Leute in der Kurve bevorzugen. Einfach muss es sein und tunlichst in einer Endlosschleife zu singen. Das Repertoire ist überwiegend konservativ, textliche Aneignungen von aktueller Popmusik sind selten. Als vor einigen Jahren Werder Bremen seine Fühler nach dem Bielefelder Patrick Owomoyela ausstreckte, adaptierten die Bielefelder Fans einen Song der Gruppe »Fettes Brot« und dichteten »Lasst die Finger von Owomoyela« – doch solche aktuellen Bezüge bleiben die Ausnahme. »Stattdessen singen die Fans die Unterhaltungsmusik aus dem Keller ihrer Eltern«, sagt Reinhard Kopiez. Viele Lieder werden mittlerweile so stark mit dem Fußball assoziiert, dass man Mühe hat, die Originale zu benennen. Dass »Zieht den Bayern die Lederhosen aus« auf dem Beatles-Klassiker »Yellow Submarine« beruht, erinnert man noch. Ebenso, dass »Olé, hier kommt der BVB« und »Steht auf, wenn ihr Schalker seid« Coverversionen des Pet-Shop-Boys-Hits »Go West« sind (der wiederum eine Interpretation eines Songs der Village People ist).

»Und ihr wollt Deutscher Meister sein?«

Dann aber wird es schwieriger. »Cottbus, Cottbus, 2. Liga, wie ist das schön, euch nie mehr zu seh‘n«? Richtig, die Titelmelodie der TV-Serie »Flipper«. »Bruno Labbadia, oh-oh-ho-ho-ho«? Der Italo-Disco-Smasher »Vamos à la playa«. Doch wer weiß schon, dass »Und ihr wollt Deutscher Meister sein?« eine Adaption des Gospels »Over in the Gloryland« darstellt, und dass der so genannte Soccer-Rhythmus mit dem Finale »Deutschland!« oder »Sieg!« seinen Ursprung im Song »Hold Tight« der Gruppe »Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich« aus dem Jahr 1966 hat?





Als gesicherte Erkenntnis gilt, dass die Fans sich nicht vorschreiben lassen, was sie zu singen haben. Versuche von offizieller Seite, den Anhängern einen Chant quasi von oben zu verordnen, sind in der Regel zum Scheitern verurteilt. Die Tribünen sind da ein im besten Sinne anarchistisches Refugium. Gegenbeispiele gibt es wenige, eines allerdings ging um die Welt. Als während der EM 1996 der Stadion-DJ Steve Kemsley beim Spiel England gegen Schottland das Stück »Three Lions« mit der markanten Refrainzeile »Football’s coming home« einspielte, war dies die Geburtsstunde eines inzwischen europaweit verbreiteten Stadion-Evergreens.

Eines muss man den Briten lassen: Sie sind für viele Klassiker des Genres verantwortlich. Einer der berühmtesten stiftete gar den Titel für ein Buch über Fangesänge, »Two Andy Gorams«. Als nämlich bei der Torhüterlegende der Glasgow Rangers Schizophrenie diagnostiziert wurde, sangen schottische Fans es zur gleichen Melodie wie »Es gibt nur ein‘n Rudi Völler«: »Two Andy Gorams, there’s only two Andy Gorams.« Nicht immer leicht hatte es auch der Stürmer Bobby Zamora aus Brighton, über den die eigenen Anhänger zahlreiche Chants zur Weise des Dean-Martin-Gassenhauers »Amore« dichteten. Keineswegs alle davon waren schmeichelhaft, wie das folgende Beispiel demonstriert, das wohl illustrieren soll, dass Mr. Zamoras Chancenverwertung suboptimal war: »When you are in row Z and the ball hits your head – it’s Zamora.« Dass die Brighton-Fans den fehlbaren Angreifer dennoch liebten, zeigt diese Modifikation: »When the ball hits the net and the women get wet – it’s Zamora«. Alles eine Frage der Tagesform.

Natürlich sind nicht alle Gesänge lustig (und lustig gemeint). In der DDR-Oberliga entliehen sich unterschiedliche Fangruppen den Song »Lady in Black« von Uriah Heep und sangen darauf den bitteren Text: »1000 Meter im Quadrat, Minenfeld und Stacheldraht! Wisst ihr, wo ich wohne? Ich wohne in der Zone!« Dass das Lied in manchen ostdeutschen Stadien noch heute intoniert wird, sagt einiges über den Stand der Wiedervereinigung aus.
Schottlands »Tartan Army« gilt als eines der fairsten und kreativsten Fanlager. »Wir frittieren euch die Pizza«, schmetterten sie unlängst gegen Italien, in Anspielung auf die urgewaltige Kollision zweier fußballerischer und kulinarischer Extreme. Doch von den positiven Schwingungen der Länderspiele ist in der Liga wenig zu spüren. Im Gegenteil, die schottische Premier League SPL hat seit Saisonbeginn das Singen zumindest teilweise verboten. Lieder mit religiösem oder politischem Hintergrund sind nun tabu. Starker Tobak und ein weiterer Nackenschlag von Seiten der politisch Überkorrekten, die ja auch Zigaretten aus dem Stadion verbannt haben, mag der Außenstehende denken. Doch die neuen Regeln sind Teil einer nationalen Initiative zur Ausrottung des so genannten Sektierertums. Katholiken und Protestanten, Republikaner und Unionisten können sich nun einmal nicht riechen, und die Fußballstadien sind zu Arenen für die verbale Austragung des Konflikts verkommen. Vor allem das so genannte Old-Firm-Derby zwischen Celtic und den Rangers wird regelmäßig zum Brennpunkt. Die Songtexte haben es in sich, gerne wird in Blut gebadet oder der Papst als Nazi verunglimpft.

»In den Stadien passiert meistens nichts«, weiß Richard Benjamin von der Kampagne »Nil By Mouth«, die sich der Ausrottung des Fanatismus verschrieben hat. »Diese Lieder werden aber auch durch das Fernsehen übertragen. Die Leute hören sie, gehen nach draußen und schlagen auf den nächstbesten ein, der das falsche Trikot trägt. Die Provokation der gegnerischen Fans ist immer Teil des Fußballs gewesen, doch wenn sie die Religion zum Gegenstand macht, gehört das in dieselbe Kategorie wie Rassismus und muss auch genau so geahndet werden.« Als Strafe für den Fan, der versehentlich die falsche Seite im Gesangsbuch aufgeschlagen hat, drohen bis zu zehn Jahre Hausverbot in allen schottischen Stadien sowie bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft.

Was aus der Distanz wie unverhältnismäßiger Aktionismus wirkt, ist vor Ort trauriges Alltagsgeschäft. Durch Schottland verläuft ein tiefer Riss. Vor jedem Spiel stocken die Krankenhäuser ihre Belegschaft auf. »Selbst in den Notaufnahmen besingen verletzte Rangers-Fans die grün gekleideten Ärzte noch als Fenians (militante irische Nationalisten, Anm.d.Red.) und beschimpfen Celtic-Fans die Schwestern wegen ihrer blauen Arbeitskleidung«, weiß Benjamin. Welche Symbolkraft die Songs haben, zeigte vor einigen Jahren der tragische Fall des 16-jährigen Thomas McFadden, der von zwei Rangers-Fans erstochen wurde. Zuvor hatten sie sich ein Gesangsduell geliefert. Augenzeugen berichteten im Prozess, wie McFadden schwankend und mit vier Messerstichen im Oberkörper die Celtic-Hymne »Fields of Athenry« sang, bevor er wenig später auf dem OP-Tisch starb.

Alles, was zu dumm ist, um gesprochen zu werden, wird gesungen

In Serbien hingegen wünscht man sich mitunter den Stummfilm oder zumindest Fernsehen ohne Ton zurück. Wenn etwa Roter Stern Belgrad ein Heimspiel bestreitet, gerät das regelmäßig zur Freakshow der übelsten Ressentiments. Von rassistischen Entgleisungen über kollektive Hitlergrüße bis hin zur Verherrlichung serbischer Kriegsverbrechen in Srebrenica (»Ein Messer, ein Stacheldraht – Srebrenica!«) ist alles zu haben. So gilt das Match gegen Dynamo Zagreb im Mai 1990 für viele Historiker als ein Auslöser des Balkankrieges, obwohl es nach nur zehn Minuten ein Ende fand, weil nationalistische Fangesänge eine Stadionschlacht epischen Ausmaßes angestachelt hatten. Zwei Jahre später kam es im spannungsgeladenen Stadtderby gegen Partisan Belgrad zu einer bizarren Machtdemonstration serbischer Milizen, die durch Zurschaustellung kroatischer Ortsnamen die beiden verfeindeten Fanlager in Hassgesängen gegen den Nachbarn vereinten. Die Kroaten wiederum lassen sich auch nicht lumpen. So wird von den Anhängern der kroatischen Nationalelf noch heute gesungen: »Oh, du Mutter Kroatiens, du sollst nicht trauern. Alle Falken werden für dich ihr Leben geben.« Wie sagte doch einst Voltaire? Alles, was zu dumm ist, um gesprochen zu werden, wird gesungen.

Bei manchen Spielen ist es vielleicht tatsächlich besser, wenn sie nicht stattfinden, so bei einem Freundschaftsspiel des FC Millwall, das durchaus Potenzial für die Geschichtsbücher gehabt hätte. Kurz nach den Londoner Terrorattacken auf Busse und U-Bahnen hatte der Klub – ohnehin nicht gerade das kosmopolitische Gravitationszentrum des englischen Fußballs – eigentlich einen Kick gegen die Nationalelf des Iran auf dem Zettel gehabt. Das Spiel fand nie statt, weil die Sicherheitsbedenken zu groß waren. Etwas schade, wie man mit Blick auf all das verschwendete Hirnschmalz konstatieren muss. Mit großer Inbrunst hatten die Millwall-Fans bereits markige Sprüche für die Iraner gebüffelt und dabei echte Perlen geboren. »You’re next and you know you are« sollte einer der Songs sein und die Iraner elegant auf ihre Position auf der Schwarzen Liste des Pentagons hinweisen. Oder, als Reminiszenz an einen alten Gazza-Klassiker und adressiert an die verschleierten iranischen Damen: »Get your face out for the lads«.

In Londoner Stadien schätzt man den herzhaften Humor und kennt keine Selbstzweifel. Vielleicht ist der AFC Wimbledon eine der wenigen Ausnahmen. Der Klub hat seine inoffizielle Fanhymne vom Vorgänger FC Wimbledon übernommen, der vom Eigentümer ja bekanntlich nach Milton Keynes verschleppt worden ist. Im »Champagner Song« geht es deftig zur Sache, er ist eine Reaktion auf die Lästermäuler der Gästetribüne, die sich über die Fußballfans aus dem feinen Hauptstadtbezirk lustig gemacht hatten. »Wir trinken Champagner und schniefen Koks, und wir haben hier echte Ladies. Ihr habt Scheißjobs, macht’s mit euren Hunden und eure Frau geht auf den Strich.« Im englischen Original war der Song mal ganz lustig, vor allem, als es in besseren Tagen gegen Liverpool oder Newcastle ging. Nun aber muss sich der neu gegründete Klub erst wieder die Divisionen hocharbeiten. Und wenn in einem Spiel gegen Fisher Athletic 323 zahlende Zuschauer gezählt werden und in der Gegenkurve nur zwei alte Männer stehen, fehlt der Champagnernummer der Pfiff. Obendrein verschreckt der Text die eigenen Anhänger, junge Familien zum Beispiel oder ältere Herrschaften. Nicht wenige Fans würden deshalb lieber ganz auf ihn verzichten oder ihn erst dann aus der Mottenkiste holen, wenn es irgendwann wieder gegen größere Kaliber geht.

Auch bei den Nachbarn an der White Hart Lane haben sich Zweifel über das eigene Liedgut eingeschlichen. Als 1936 die Mosley-Faschisten durch die Straßen marschierten und auch in Tottenham »Get rid of the yids« blökten, da begannen die Spurs-Fans damit, sich mit ihren Gesängen neben ihre jüdischen Nachbarn zu stellen. »Yid Army« heißt seitdem ihr Schlachtruf. Was einmal ein rührender Akt der Solidarität und Identitätsstiftung war, ist heute für Viele zu einem Ärgernis geworden. Dauerkartenbesitzer Mark Perryman macht sich so seine Gedanken: »Wenn ich selbst, wie die übergroße Mehrheit der Spurs-Fans, kein Jude bin, darf ich auch diesen Begriff nicht verwenden, der schlichtweg abschätzig ist.« Das eigentliche Problem aber ist die Reaktion der gegnerischen Fans. »Gas a Jew, Jew, Jew – Put him in the oven cook him through«, singt man bei Chelsea, und hier soll ganz bewusst auf eine Übersetzung verzichtet werden.

»Unser Liedgut beruht auf Artefakten der imperialen Vergangenheit«

Wenngleich Mark Perryman den »Yid-Army«-Sprechchören lieber früher als später ein Ende setzen würde, so weiß er doch um die reinigende Kraft eines ordentlichen Stadiongesangs. Im Dienste dessen hat er auch als Koordinator der »London England Fans« viel um die Ohren. An das Deutschland-Spiel im August denkt er nicht gerne zurück: »Ihr habt nicht nur gewonnen, sondern auch mehr Lärm gemacht. Aber wenn man in Wembley den gesamten zweiten Rang mit 18 000 Scampi-Essern besetzt, die zehn Minuten vor der Halbzeit gehen, zehn Minuten nach Anpfiff wiederkommen und nicht einen einzigen Song singen, dann ist da nicht viel zu machen. Euer ›Heimspiel in Wembley‹ hat es ganz gut getroffen.« Perryman ist einer von den Engländern, die nicht gleich Pusteln am Hals kriegen, wenn sie über Deutschland sprechen, im Gegenteil. »Wir Engländer machen zwar immer viel Lärm, uns fehlt aber das kreative Moment aus der Klubkultur, das die Gesänge in den Ligen so einzigartig macht. Was sollen wir singen? God save the queen? Britania rules the Waves? Unser Liedgut beruht auf Artefakten der imperialen Vergangenheit.«

Die Engländer sind allerdings nicht die einzigen, die dieses Problem haben. Wie man überhaupt sagen muss, dass das Tribünensingen auf Klubebene besser funktio-niert als im Nationalmannschaftskontext. Für einen Experten wie Reinhard Kopiez war deshalb auch die WM 2006 eine Enttäuschung: »Da ist wenig hängen geblieben. Es sind aber auch zu heterogene Gruppen, die da zusammensitzen.« Tatsächlich hat nur ein einziger Chant den Weg von der Weltmeisterschaft in die Bundesliga gefunden, und das ist der Song »Seven Nation Army« der Rockband »White Stripes«. Ins Turnier gebracht wurde das Stück von den italienischen Fans, zuerst gesungen wurde es aber in der Serie A von den Anhängern des AS Rom. Jetzt ist es auch in jedem zweiten deutschen Stadion zu hören.

Solche Übernahmen gibt es inzwischen häufig, was den Liedern nicht immer zuträglich ist. »You’ll never walk alone« wird mittlerweile überall und so oft gespielt, dass der Schmachtfetzen dabei ist, sein Charisma zu verlieren. Ein aktuelles Beispiel aus der Bundesliga ist der Song »So geh’n die...« zur Melodie von (pardon!) »Zehn kleine Negerlein«, den die Fans des VfL Bochum für sich reklamieren. Erstmals gesungen worden sein soll das interaktive Stück nach dem Sieg des VfL gegen Schalke zum Ende der letzten Saison. »So geh’n die Schalker, die Schalker, die geh’n so...« sang man darauf im Ruhrstadion in gedämpfter Stimmlage und gebückter Haltung, um dann bei der Zeile »So geh’n die Bochumer!« in ein forsches Timbre zu wechseln und ausgelassen zu hüpfen. Mitt-lerweile feiern aber auch Bielefelder oder Bremer so ihre Siege.

Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass der Chant nicht zum »Fangesang des Jahres« gewählt worden ist. Die Auszeichnung wird von der »Deutschen Akademie für Fußballkultur« vergeben, geurteilt hat eine elfköpfige Expertenjury aus Journalisten, Fanforschern und Aktivisten. »Witzig, spritzig, kämpferisch und mit Pathos« sollten die Songs sein, sagt Christoph Zitzmann von der in Nürnberg ansässigen Akademie. Gewonnen hat das »Schlumpflied« der Anhänger von Mainz 05, die sich nun über 500 Liter Freibier freuen können, »damit alle, die mit Inbrunst gesungen haben, auch davon profitieren.« Die Vorauswahl traf die Akademie in Zusammenarbeit mit der Website fangesaenge.de, einem kostenlosen Portal für Liebhaber des Genres. Einer der Betreiber ist Sascha Kurth, der auch die Sängerfibel »Lieder aus der Kurve« mitverfasst hat. »Wir sind die einzige unkommerzielle Site in Europa, von Fans für Fans«, sagt Kurth nicht ohne Stolz. Der 30-Jährige weiß viel, wenn nicht alles über die Fangesänge hierzulande. Die Besten in Deutschland seien über die Jahre gesehen die Frankfurter, meint er, »da ist man sich in der Szene auch weitgehend einig«. Ein Geheimtipp sei der Mob aus älteren Münchner Ultras, der bei den Spielen der Bayern-Amateure den Ton angibt: »Die sind gesangstechnisch unglaublich und singen 90 Minuten durch. Ich habe 130 Gesänge gezählt, davon 85 verschiedene. Das muss Weltrekord sein.«

Einige davon finden sich auch auf fangesaenge.de, wie dort überhaupt ein riesiger Fundus zum Download bereit steht, die ganze Palette der Emotionen. Vom martialischen Pathos der Cannstatter Jungs aus Stuttgart (»Unsere Farben sind weiß und rot, steh’n zusammen bis in den Tod«) bis zum Sarkasmus der leidgeprüften Anhänger des 1. FC Köln: »Jetzt steigen wir wieder auf, dann steigen wir wieder ab, dann wir wieder auf, und dann steigen wir wieder ab. Das finden wir lustig, weil wir bescheuert sind.« Manches, was in der Kurve zum Besten gegeben wird, ist aber auch einfach nur gaga. So wollte einst ein irritierter Zuschauer im Stadion des LR Ahlen folgenden Text gehört haben: »Wir singen Trikot aus Marmor, Trikot aus Marmor…« Knapper Kommentar in einem Fanforum: »Die hatten wohl ein Bier zu viel.«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!