Die Geschichte der West-Ham-Hool-Band Cockney Rejects

Oi!

1978 brachte die Fanszene von West Ham United ihr eigenes Musikgenre hervor, einen ver­tonten Schlag in die Fresse: den Oi!-Punk. Dies ist die blutige Geschichte der Cockney Rejects, der härtesten Jungs von allen.

Janette Beckman

Am 22. Mai 1980 traten vier rotzige Teenager aus dem berüchtigten Londoner East End in der Musiksendung »Top of the Pops« auf. Sie gaben eine rüde Version des Walzers »I’m For­ever Blowing Bubbles« zum Besten – natürlich zu Vollplayback. Neun Tage später schaffte das Stück den Sprung in die Top 40. Es war bereits der zweite Charterfolg der Gruppe, die sich Cockney Rejects nannte. Für ein paar Wochen sah es so aus, als hätte nicht nur die Band damit den kommerziellen Durchbruch geschafft, sondern auch das Genre, das sie mitbegründet hatte und das man bald »Street Punk« oder, nach einem anderen Stück der Rejects, »Oi!« nannte. Stattdessen war dieser Fernsehauftritt der Anfang vom Ende für die Cockney Rejects und markierte zugleich den Beginn einer Kette von Ereignissen, die den Ruf von »Oi!« komplett ruinieren sollten. Nicht alles davon hatte mit Fußball zu tun, aber vieles.

Nur ein Lied (natürlich »You’ll Never Walk Alone«) ist so eng verbunden mit einem bestimmten Verein wie »I’m Forever Blowing Bubbles«, denn schon seit den zwanziger Jahren wird es im Upton Park von West Ham United mit Hingabe gesungen. Das allein hätte den Auftritt der vier Cockney-Burschen nun noch nicht problematisch gemacht, denn das Stück war allgemein populär und schon von vielen Leuten interpretiert worden, selbst von der Schauspielerin Doris Day. Doch die Rejects ließen keinen Zweifel daran, warum sie diesen Song coverten. Ihre Version begann mit »West Ham«-Rufen, der gerade mal 16-jährige Sänger Jeff »Stinky Turner« Geggus trug bei der Aufzeichnung ein Trikot des Klubs und nach dem Refrain schrie er: »Come on, you Irons!« Gemeint war der traditionelle Spitzname des Vereins, dessen Geschichte auf eine Eisenhütte zurückgeht.

Stahlkappe und Eisenstangen, um die Tribünen der Heimfans zu stürmen

»Als ich jung war, dachte ich, Punkrock wäre dafür da, West Ham auf die Titelseiten der Zeitungen zu bringen«, sagte dieser Stinky Turner vor ein paar Jahren dem »Guardian« über jenen Tag im Fernsehstudio und stellte es so dar, als habe allein schon die Tatsache, dass er ein West-Ham-Trikot trug, die Fans anderer Vereine provoziert: »Danach wollte sich jeder mit uns anlegen, da konnten wir natürlich keinen Rückzieher machen.« Dass sich bald alle mit den Cockney Rejects anlegten, hatte allerdings eher damit zu tun, dass Stinky Turner und seine Bandkollegen nicht gerade das waren, was man heute unter normalen Fans versteht.

Die B-Seite der »I’m Forever Blowing Bubbles«-Single zum Beispiel trug den Titel »West Side Boys« und handelte von den harten Jungs, die im Upton Park auf der Westtribüne standen. Jungs, die ganz offenkundig nicht nur im Stadion waren, um Fußball zu sehen, denn sie trugen, wie es im Text hieß, Doc-Martens-Schuhe mit Stahlkappe und hatten Eisenstangen, um bei Chelsea, Liverpool, Arsenal oder Tottenham die Tribünen der Heimfans zu stürmen: »We can take the Shed or take the Kop / Highbury and Park Lane run in fear / When the West Side Boys appear.« Kaum war diese Platte auf dem Markt, da nahmen die Rejects das berühmt-berüchtigte »War on the Terraces« auf, das den »Krieg auf den Stehrängen« besang und – wie Turner selbst in seiner Autobiografie sagt – die Tatsache feierte, dass eine neue Generation von Hooligans in die Stadien drängte: »So you look up at the terrace / And a smile it breaks your face / Because soon the younger generation / Will be there to take your place.«

Cass Pennant war Manager der »Rejects«

All das war nicht bloß Geprahle. Turner und sein älterer Bruder Mick Geggus, Gitarrist der Cockney Rejects, gingen keiner Schlägerei aus dem Wege, weder im Pub noch im Stadion, und Bassist Vince Riordan war der Neffe eines Drogenhändlers und bezahlten Killers aus dem East End. Zum Gefolge der Band gehörten viele Mitglieder von West Hams verrufener Hooligantruppe ICF (Inter City Firm), darunter der Gründer Andy Swallow und ihr Anführer Cass Pennant, der die »Rejects« später sogar als Manager betreute.

Eben weil das äußerst proletarische Image der Gruppe überhaupt kein Image war, interessierte sich die Musikindustrie schon sehr früh für die Cockney Rejects und ihren simplen, aber eingängigen Punkrock, den man auch und gerade besoffen mitgrölen konnte. Schon nach der ersten Single wurden sie von EMI unter Vertrag genommen, dem damals größten Label der Welt. Der schnelle Erfolg der Band ließ um sie herum eine kleine Szene entstehen. Einige Roadies der Rejects, die sich aus dem Upton Park kannten, gründeten Ende 1979 die Band The 4-Skins (trotz des Namens waren nicht alle Mitglieder Skinheads). Etwa zur selben Zeit kamen The Business zusammen, die zwar südlich der Themse wohnten, aber ebenfalls beinharte West-Ham-Fans waren. Nimmt man jetzt noch die zu dieser Zeit schon länger existierenden Cock Sparrer hinzu, die auch allesamt als Anhänger der »Irons« galten, so kann man sagen, dass mit Ausnahme der Angelic Upstarts – die aus der Nähe von Sunderland kamen – praktisch die komplette erste Welle der Street-Punk- oder Oi!-Bands ihren Ursprung im Umfeld von West Ham United hatte. Anders gesagt: Beim Übergang der Siebziger zu den Achtzigern brachte dieser Londoner Fußballklub mit einem Mal sein eigenes Musikgenre hervor.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!