Die geheime Welt der Uefa-Match-Agents

»Sie brauchen einen Schiri? Hier haben Sie einen!«

Ein Schiedsrichter hat unter fremden Namen das Testspiel zwischen Werder Bremen und AZ Alkmaar gepfiffen. Lustige Randnotiz oder ein Riesenskandal? Und wer ist eigentlich dafür verantwortlich? Klar ist, der Schiri-Beschiss ist kein Einzelfall. Die geheime Welt der Uefa-Match-Agentsimago

»Sie wollen einen Schiedsrichter für ein Testspiel? Sie brauchen sich nur in der Hotellobby umzudrehen, schon haben Sie einen Schiedsrichter!« UEFA-Match-Agent Ilengiz Gürel steht im türkischen Belek und regt sich über Beschuldigungen aus Deutschland auf. Eigentlich wollte er nur einem Kollegen einen Gefallen tun, nun heißt es, er habe einen Hochstapler organisiert. Manche spekulieren gar, er sei Teil einer großangelegten Spielmanipulation. Grund genug, einmal Dampf abzulassen.

Im beschaulichen Belek ist man so viel Aufregung ohnehin nicht gewohnt. Zwar herrscht in dem türkischen Ferienparadies während der Winterpause Hochbetrieb – viele Profiklubs schlagen ihr Trainingslager an der türkischen Riviera auf – mit Journalisten, die einen Wettskandal wittern, hatte man jedoch nicht allzu häufig das Vergnügen.

Der Hochstapler Latschesar Ionow

Stein des Anstoßes ist der bulgarische Schiedsrichter Latschesar Ionow, der am vergangenen Mittwoch in Belek das Testspiel zwischen Werder Bremen und AZ Alkmaar leitete. Soweit nicht ungewöhnlich, wäre Ionow nicht vom bulgarischen Verband vor etwa einem Jahr gesperrt worden, weil er ohne Schiedsrichterlizenz Spiele in Venezuela und Argentinien gepfiffen hatte. In Belek gab er sich deswegen kurzerhand als sein Landsmann und Kollege Raitscho Raitschew aus und konnte sich auf diese Weise auf den Platz schummeln. Einen Schiedsrichterausweis wollte keiner sehen und so konnten der bulgarische Hochstapler und seine Komplizen an der Linie die Partie zwischen den beiden Profiklubs unbehelligt leiten.

Aufgefallen war zunächst lediglich die lange Nachspielzeit – Ionow ließ in der ersten Hälfte sechs Minuten nachspielen, in der zweiten Hälfte gar neun. Am Ende stand es 2:1 für Werder Bremen und die lange Nachspielzeit, sowie verdächtig viele Freistöße an der Bremer Strafraumkante lenkten die Aufmerksamkeit der Funktionäre beider Teams auf die scheinbar Unparteiischen. Als sich nach dem Spiel schließlich noch der richtige Raitscho Raitschew aus Bulgarien meldete und verwundert zu Protokoll gab, dass er verletzt sei, demzufolge auch keine Partie in Belek leiten könne, war die Verwirrung perfekt. Plötzlich roch es in Belek nicht mehr nur noch nach warmen Büffet, sondern stark nach Spielmanipulation, denn auch auf Testspiele kann bekanntlich gewettet werden.

Das Jobprofil eines UEFA-Match-Agent ist vielseitig

»Ich habe das Spiel nicht organisiert – einem Kollegen fehlten noch Schiedsrichter für fünf Testspiele, ich habe ihm welche vermittelt, mehr nicht. Ich kannte nicht einmal deren Namen«, sagt Ilengiz Gürel zu den Vorwürfe gegen ihn und ergänzt: »Sie wollten einen Schiri, sie haben einen Schiri bekommen. Zu kontrollieren, ob der Schiri ein Hochstapler ist, ist nicht meine Aufgabe – ich habe das Spiel nicht organisiert.« Das war nämlich die Aufgabe seines Kollegen Atalay Mutlu, ebenfalls UEFA-Match-Agent. Er war es, der das Testspiel zwischen AZ Alkmaar und Werder Bremen im Auftrag der Niederländer organisierte. Auch er weist sämtliche Vorwürfe von sich.

Der Job eines UEFA-Match-Agent besteht lediglich darin, Trainingslager zu organisieren und Teams wie den AZ Alkmaar während des Aufenthalts in Antalya bestmöglich zu bespaßen. Die Allheilmittel: Testspiele, Freizeitaktivitäten, perfekte Rahmenbedingungen. Alles muss natürlich schnell gehen, da werden Spiele schon mal spontan in der Hotellobby ausgemacht. Kein Wunder, denn in Belek trifft man dieser Tage überall auf Spieler, Betreuer, Funktionäre und eben Schiedsrichter. Denn die reisen ihrerseits den Klubs einfach hinterher.
»Besonders in osteuropäischen Ländern mit langer Winterpause versuchen die Schiris zu trainieren und wertvolle Spielpraxis zu ergattern. Da kommen Testspiele zwischen europäischen Profiklubs gerade recht«, weiß Atalay Mutlu. 

Und als ihm für die Partie Alkmaar gegen Werder am Ende nur noch ein Schiedsrichter fehlte, fragte er kurzerhand bei Gürel nach, der Kontakt zum Verband der bulgarischen Schiedsrichter hatte. Ein Hand wäscht eben die andere: »Das war schon immer so«, erklärt Mutlu auf Nachfrage von 11FREUNDE. »Dass ein falscher Schiedsrichter auf dem Platz steht, ist zum ersten Mal passiert. Den Namen des Schiedsrichters erfahre ich meistens erst eine Stunde vor dem Anpfiff.« Es ist ein Einlick in den hektischen Alltag, der den Wanderzirkus in Trainingslagerhochburgen wie Belek tagtäglich beschäftigt: »Einen Schiedsrichterausweis habe ich mir noch nie zeigen lassen. Dafür ist viel zu wenig Zeit«, stellt Mutlu klar.

»Vielleicht sollten wir uns Zukunft besser darauf achten«

Man könnte die ganze Posse als lustige Randnotiz aus der Parallelwelt Trainingslager abtun, wenn die Türkei neben dem Wettskandal in der Süperlig nicht auch schon einmal als Austragungsort für ein verschobenes Testspiel gedient hätte. Denn vor einem knappen Jahr organisierte eine dubiose thailändische Agentur ein Test-Länderspiel zwischen Estland und Bulgarien. Das Spiel endete 2:2, alle Treffer fielen durch Elfmeter. Später gab der vorbestrafte Wettbetrüger Raj Perumal vor einem estnischen Gericht zu, dass das Spiel verschoben war. Der Schiedsrichter des Test-Länderspiels war damals ein Ungar, der nicht auf der Liste der FIFA-Schiedsrichter stand. Wahrscheinlich war auch hier zu wenig Zeit, einen Blick auf den Schiedsrichterausweis zu werfen.

Doch die Szene scheint aus diesem Fauxpas gelernt zu haben:»Keiner kontrolliert den Schiedsrichterpass«, kommentierte Match-Agent Mutlu den Fall. »Aber vielleicht sollten wir in Zukunft darauf besser achten.« Ob diesem guten Vorsatz der freiwilligen Selbstkontrolle in Zukunft auch wirklich Folge geleistet wird, steht allerdings noch in den Sternen. Heutzutage muss eben alles sehr schnell gehen.

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