13.07.2013

Die Fußballrevolutionäre George Eastham und Jean-Marc Bosman

Arbeiterkämpfer

Seite 3/4: Eastham zog weg und vertrieb Kork
Text:
Uli Hesse
Bild:
Imago

Easthams Vertrag mit Newcastle lief im Sommer 1960 aus. Einige Monate vorher informierte der Spieler den Klub darüber, dass er nicht mehr für United spielen wollte, und bat darum, zu einem anderen Verein wechseln zu dürfen. Newcastle lehnte ab, schließlich wollte man einen guten Spieler nicht verlieren. Für Eastham gab es in dieser Situation zwei Möglichkeiten: Er konnte sich beugen und seinen Vertrag in Newcastle verlängern – oder den Beruf wechseln. Zur Verblüffung der Fußballwelt wählte Eastham die zweite Möglichkeit. Im Juni 1960 packte er seine Sachen, zog in den Süden und vertrieb Kork. »Damit verdiente ich mehr als mit dem Fußball«, sagt er. Sechs Monate wartete Newcastle darauf, dass Eastham einlenken würde, aber er tat es nicht. Im November – als gerade der Film »Spartacus« die Kinokassen klingeln ließ, in dem Kirk Douglas einen Sklavenaufstand anführt – gab der Klub schließlich auf und erlaubte Eastham, für eine Ablösesumme von 47 500 Pfund zu Arsenal zu wechseln.

Aber damit hatte die Geschichte erst begonnen. Easthams Beispiel machte der Spielergewerkschaft PFA Mut und gab ihr eine Waffe an die Hand. Den Winter hindurch verlangte die PFA die Abschaffung der Gehaltsobergrenze und drohte mit einem Generalstreik aller Profis. Im Januar 1961 gab die Liga nach und hob die Beschränkung auf. Augenblicklich erhöhte Fulham das Gehalt seines Stars Jimmy Haynes von 20 auf 100 Pfund. Beflügelt von diesen Erfolgen machte sich die Gewerkschaft daran, nun auch den Rest des Systems anzugreifen. Das aber ging nur vor Gericht, und dazu wiederum brauchte man einen Kläger, der nachweisen konnte, dass das »Retain and Transfer«-System einer Erpressung gleichkam. Der einzige Mann, der das tun konnte, hatte inzwischen alles, was er wollte – er spielte bei Arsenal und bekam mehr Geld. Und dennoch erklärte sich George Eastham bereit, einen Musterprozess anzustrengen. Er verklagte Newcastle United, weil ihn der Klub bei der Ausübung seines Berufes behindert hatte.

»Das sucht seinesgleichen«

Im Sommer 1963, ein Jahr vor Bosmans Geburt, sprach der Hohe Gerichtshof sein Urteil. Richter Richard Wilberforce gab Eastham Recht. Er verurteilte die »Retain«-Praxis als unangemessen restriktiv. Damit waren nun zwei Pfeiler des englischen Systems gestürzt, die Gehaltsobergrenzen und die Bindung des Spielers an einen bestimmten Klub. Aber da waren ja noch die Transferzahlungen, die selbst dann gefordert wurden, wenn ein Vertrag ausgelaufen war. Richter Wilberforce (ein Ururenkel des Mannes, der die Sklaverei per Gesetz verbieten ließ) hatte sich während der Verhandlung kritisch zu ihnen geäußert: »Das sucht seinesgleichen«, sagte er. »Und zwar nicht nur außerhalb der Welt des Sports, sondern auch innerhalb.« Doch da es bei dem Prozess nicht in erster Linie um Ablöseforderungen gegangen war, überlebten die Transfersummen George Easthams Aufstand. Und zwar um viele Generationen von Spielern – bis der sportliche Abstieg eines hoffnungsvollen belgischen Talents begann.

 
 
 
 
 
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