Die Fußballkarriere des Jürgen Pahl

Döner vom Uefa-Cup-Sieger

Jürgen Pahl floh 1976 aus der DDR und wurde anschließend 16 Monate gesperrt. Er gewann mit Eintracht Frankfurt den UEFA-Cup, gründete die Spielergewerkschaft und brach mit dem Fußballgeschäft. Heute lebt er in Paraguay und fängt mal wieder ganz neu an

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Republikflucht und Gesellschaftskritik

Eigentlich wollte er damals nur für ein halbes Jahr aussteigen, um sich zu erholen. 1998 war das, nachdem der ehemalige Torwart von Eintracht Frankfurt von seinem Betrieb für Fensterbau endgültig die Nase voll hatte. Burnout würde man heute sagen. »Damals habe ich mich auch ein wenig mit okkulten Dingen beschäftigt, da lief der Tod immer neben mir her«, sagt Pahl, während ein »Zzzsch« unter seinen wuchtigen Händen aus der Bierbüchse entweicht. Ein Brasilianer nahm ihn mit nach Paraguay. Dort gefiel es ihm auf Anhieb so gut, dass er seine Zelte in Deutschland ganz abbrach. Ein neues Leben anfangen, wieder mal.

»Ich bin ein Pioniertyp, ein Conquistador, wie man hier sagt«, sagt Pahl. In Villarica, zweieinhalb Autostunden von der Hauptstadt Asuncion betrieb er zunächst ein Lokal, später eine Pension, die er nach einigen Jahren verkaufte. Er leitete eine Fußballschule und wurde als Trainer des Amateurvereins Deportivo Independencia viermal Meister der Mennoniten-Liga, wo vornehmlich deutschstämmige Paraguayer spielen. Torwart und Trainer, Fensterbauer und Gastwirt, Jürgen Pahl war schon vieles in seinem Leben, nur Obstbauer war er nie. Die heute noch auf Wikipedia verbreitete Legende entstand, nachdem ihn ein Journalist besucht und für ein Foto zwischen Obstbäume gestellt hatte.

Vor der WM 2006 entpuppte Pahl sich in einem bemerkenswerten Aufsatz für die »Taz« als Fundamentalkritiker an seinem einstigen Berufsstand und der Gesellschaft allgemein. »Der Macher und Materialist ist gefragt, schlau, skrupellos ohne Visionen, außer sein Konto betreffend«, schrieb Pahl. Ihm falle es schwer, in einer solchen »miefigen, verlogenen Gesellschaft« zu leben. Sechs Jahre später gibt er unter einer halbvertrockneten paraguayischen Palme zu: »Das hat mir im Nachhinein sehr geschadet.« Viele daheim hielten den Aussteiger in Südamerika nun für einen spinnerten Sonderling. Der 56-Jährige holt aus seinem spartanischen Häuschen ein abgewetztes Fotoalbum. Die Bilder zeigen ihn als fröhliches Mitglied jener miefigen, verlogenen Fußballgesellschaft, zu der auch er früher gehörte. »Was soll’s, alles kommt, wie es kommt«, sagt er beim Durchblättern.

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