Die Funktionalisierung des Fußballfans

Im Fleischwurstring

Das Publikum ist der 12. Mann. Doch dieser Mann droht zum Komparsen zu verkommen, befürchtet unser Kolumnist Klaus Hansen. Imago
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„Die Zuschauer sind unser 12. Mann.“
(Joachim Löw, Trainer)


Bei einem Basketball- oder Tennisspiel, einem Box-Kampf oder 100 m-Lauf ist man viel mehr Zuschauer als bei einem Fußballspiel, das heißt man fühlt sich eher wie im Theater, man ist Betrachter, nicht Beteiligter. Das ist beim Fußballspiel anders. Die Stadionbesucher sind in jeder Phase des Spiels einbezogen und selbst aktiv. Systematisch betrachtet, pflegen die Fußballer auf dem Feld und die Zuschauer auf den Rängen ein dreifaches Zusammenspiel.

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Da ist, erstens, das komplementäre Zusammenspiel. So wie die Mannschaft auf dem Feld ihr Bestes gibt, so geben die Zuschauer auf den Rängen ihr Bestes. Die eigene Mannschaft wird angespornt, die gegnerische Mannschaft erniedrigt und der Schiedsrichter bei Bedarf eingeschüchtert. Die Ermutigung der Eigenen und die Entmutigung der Anderen ist das einzige Ziel. Nicht selten entpuppt sich dabei der 12. Mann als faschistoide Hetzmeute, die den Gegner gnadenlos niedermacht und jedes Quäntchen Fairness vermissen lässt.

Da ist, zweitens, das mimetische Zusammenspiel: Die Zuschauer sind mit dem Spielgeschehen so eng verbunden, dass, wenn ein Spieler ins Schwarze trifft, das Tor auch von ihren Füßen ausgegangen ist, denn auch ihre Muskeln haben gezuckt – und dabei einen Tritt in die Wade des Vordermannes gelandet, der jedoch keineswegs pikiert ist, sondern sich lachend umdreht: Geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Das mimetische Zusammenspiel beim Fußball ist ungleich intensiver und direkter als bei allen anderen Zuschauersportarten. Die Seele unseres 12. Mannes, so könnte man sagen, ist die Mimesis. Wir kennen es doch von uns selbst. Wir gehen dazwischen, wenn der Gegner zu stark wird, der Stehplatznachbar bekommt es zu spüren. Wir nehmen die Körpertäuschungen unseres Rechtsaußen vorweg und verleihen dem angeschnittenen Ball mit unseren langen Hälsen, verdrehten Köpfen und grimassierenden Gesichtern noch den letzten Drall, so dass er unhaltbar oben links einschlägt.

Schließlich, drittens, das stellvertretende oder kompensatorische Zusammenspiel: Das mitfiebernde Publikum tut Dinge, die der Spieler nicht tun darf, obwohl er es gerne möchte. Ein gefoulter Fußballer darf sich weder revanchieren noch verbal „ausflippen“. Er muss die Faust in der nicht vorhandenen Tasche seiner kurzen Hose ballen und ordentlich weiterspielen, will er nicht des Feldes verwiesen werden. Seine emotionalen Reaktionen, gewissermaßen die Drecksarbeit, übernimmt stellvertretend die Zuschauerschaft auf den Rängen: im Brüllen und Fluchen, im Scheiße sagen und Einwegfeuerzeuge aufs Spielfeld werfen.

Dass der 12. Mann sich als ein einziger Mann, als identitäres Kollektivsubjekt wahrnehmen und begreifen kann, dafür sorgt die amphitheatrale Architektur des Stadions. Die Arena formt die Massen zu einem geschlossenen Fleischwurstring, der etwas sonderbar Homogenes und alle individuellen Unterschiede Auslöschendes hat. Als Johann Wolfgang Goethe am 16. September 1787 zum erstenmal ein Amphitheater sah, es war die Arena von Verona, notierte er hellsichtig, was dieses große Oval mit den Massen von Menschen anrichtet: „Wenn das Volk sich so beisammen sah, musste es über sich selbst staunen, denn da es sonst nur gewohnt, sich durcheinanderlaufen zu sehen, sich in einem Gewühle ohne Ordnung und sonderliche Zucht zu finden, so sieht das vielköpfige, vielsinnige, schwankende, hin und her irrende Tier sich zu einem edlen Körper vereinigt, zu einer Einheit bestimmt, in eine Masse verbunden und befestigt, als eine Gestalt, von einem Geiste belebt.“ Das Amphitheater formt die Massen zu einer übermächtigen Gestalt, die sich am Anblick ihrer selbst berauscht und das in La-Ola-Wellen und anderen Inszenierungen der Selbstverzückung zum Ausdruck bringt.

Im Kölner Stadion heißt die Gastwirtschaft in der Nordtribüne „12. Mann“. Der 12. Mann scheint auch eine wirtschaftlich interessante Größe zu sein. Der zahlende Stadionbesucher wird zwar für den Etat der Vereine immer unbedeutender. Seine in dieser Hinsicht festzustellende ökonomische Marginalisierung geht einher mit seiner Funktionalisierung für die Bedarfe der Unterhaltungsindustrie. Stadionbesucher werden nicht mehr als zahlende Gäste, sondern als mitmachende Statisten gebraucht, die sich den Weisungen der Megaphon-bewehrten Einpeitscher und Vorsänger des „AK Stimmung“ („Arbeitskreis Stimmung“, den gibt es in Leverkusens „BayArena“ wirklich!) fügen und jene stimmungsvolle, „authentische“ Gänsehautatmosphäre besorgen, die das Fernsehen mit Vorliebe überträgt. Zur guten Fernsehqualität der Ware Fußball gehört der optisch und akustisch „überspringende Funke“, vom 12. Mann oben auf den Rängen zu den 11 Männern unten auf dem Rasen. Das meiste Geld kommt vom Fernsehen, also muss man den Fußballsport fernsehkompatibel machen. So ist die Zukunft des 12. Mannes absehbar: Er wird nichts als ein Komparse sein, der noch Geld mitbringt, um seine TV-Rolle spielen zu dürfen.

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