18.10.2013

Die Fieberträume der 11FREUNDE-Redakteure

Rettung für Winnie Schäfer

Seite 2/3: Winnie Schäfer und die Paletten
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imago

Während meiner Studentenzeit arbeitete ich im Lager eines Zeitschriftenverlags. Es war ein toller Job. Da ich sehr oft, sehr allein in einem riesigen, kalten Kellerraum verweilen musste, blieb neben den klassischen Tätigkeiten – Paletten umherfahren, Dinge von A nach B räumen, muffige LKW-Fahrer aufheitern – auch Zeit für Entspannung. Ich nutzte die Zeit oft zum Lesen. Doch nach einer etwas zu kurzen Nacht in der heimischen WG, hielt mein eiserner Arbeitswille dem schlichten Trieb meines Körpers nicht mehr Stand. Ich mummelte mich auf eine riesige Palette, deckte mich mit alten Zeitschriften zu und schlummerte den Schlaf des Gezechten. Was dann passierte, stellt mich bis heute vor ein psychologisches Rätsel, es war eine Begegnung der dritten Art:Ich hörte plötzlich einen schrilles Klingeln, das ich nach kurzer Verwirrung als Alarmsirene des Aufzugs ausmachen konnte. Ich sprang auf, rannte zum Aufzug, öffnete die verkeilte Tür und vor mir stand: Winnie Schäfer. Der Wundertrainer sah schlecht aus. Ausgemergelt von seinen Engangments in diversen Fußball-Schwellenländern, dürr, das einst wallende Haar wirkte splissig. Zudem murmelte der gute, alte Winnie unaufhörlich die Worte: »WM 2002, Goldene Generation und unzähmbare Löwen.«

Vor dem Frühstück: Das Wunder vom Wildpark

Dieser Anblick weckte sofort meinen Beschützerinstinkt. Ich führte den zittrigen Mann zu einem Stuhl, kramte ein angebrochenes Trinkepäckchen (Stute) aus meinem Rucksack und sagte die verheißungsvollen Worte: »Winnie, so kann es nicht weitergehen. Ich mach dich wieder fit.« In den folgenden Wochen wohnte Winnie Schäfer in meinem Zeitschriftenlager. Wir beide absolvierten ein striktes Resozialisierungsprogramm: Vor dem Frühstück gab es Nachhilfe in Fußballhistorie. Stück für Stück paukte ich mit dem paralysierten Schäfer seine Vita durch: die Meisterschaft 1970, der Uefa-Cup-Sieg von 1979, das Wunder vom Wildpark.

Vor dem Mittagessen stand Fitness auf dem Programm: Wir stemmten Zeitschriftenstapel, schoben Paletten, absolvierten knüppelharte Treppenläufe, die selbst knochenharten Trainerlegenden wir Ernst Happel oder Branko Zebec ein anerkennendes Nicken abgerungen hätten. Vor dem Abendessen stand dann abschließend der ultimative Sozialtest: das Bier am Büdchen. Wird Schäfer den rauen Ton der deutschen Bevölkerung überhaupt noch vertragen? Am ersten Tag fauchte eine Verkäuferin auf seine freundliche Frage (»Was kosten diese zwei Bier, bitte?«) gallig zurück: »Könnseauchnomalredenmeister?« Schäfer ergriff die Flucht.

Der LKW-Fahrer im Aufzug

Nur mühsam konnte ich den verschreckten Coach wieder an das raue Leben in seiner Heimat gewöhnen. Mettbrötchen beim Bäcker besorgen. Eine Portion Reibekuchen für alle. Eine Wochenration Wasser. Es wurde besser. Schritt für Schritt. Eines morgens kam ich gut gelaunt in das Lager. Heute sollte es noch einmal um das Wunder vom Wildpark gehen. Ich hatte Edgar Schmitt als Zeitzeugen zu einem Telefonat mit seinem Ex-Trainer überreden können. Als ich jedoch den Schlafbereich meines Zöglings betrat, war Schäfer weg. Ich fand nur einen Zettel, auf dem stand: »Danke für alles, dein Winnie!« Plötzlich vernahm ich erneut ein schrilles Klingeln. Ich wachte auf. Schüttelte mich. Ein muffiger LKW-Fahrer steckte im Aufzug fest. Er schrie, seine Halsschlagader war auf die Größe einer Banane angeschwollen. Ich befreite ihn und sagte: »Entschuldigung, ich habe sie nicht gehört.« Der LKW-Fahrer sah mich an wie ein Auto und raunzte: »Könnseauchnomalredenmeister?« Ich blickte kurz zu Boden und dachte: »Viel Glück in dieser kalten Welt, kleiner Winnie.« (Benjamin Kuhlhoff)
 
 
 
 
 
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