Über die Liebe von Fußballern und Fans!

Die ewige Treue der Fans vom Wattenscheid 09

Tief im Westen

Wie hält man das aus, wenn man mit seinem Klub einst gegen den großen FC Bayern gewonnen hat und heute gegen die TSG Sprockhövel verliert? Die Fans von Wattenscheid 09 wissen es ganz genau und sind trotzdem immernoch da. Die ewige Treue der Fans vom Wattenscheid 09
Heft#121 12/2011
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Etwas überrascht sind sie an diesem Sonntag schon, nicht mehr unter sich zu sein. »Erfolg macht eben sexy«, sagt Michael Seiß, als sich Warteschlangen vor den beiden heruntergekommenen Kassenhäuschen bilden. Das gab es am Lohrheidestadion schon lange nicht mehr, aber die SG Wattenscheid 09 hat zuletzt sechs Spiele hintereinander gewonnen und plötzlich wollen 757 Zuschauer das Spiel gegen die TSG Sprockhövel sehen. Das ist Saisonrekord in der sechsten Liga und lässt den harten Kern auf der überdachten Stehtribüne lästern. »Erfolgsfans«, ruft einer von ihnen spöttisch den Wartenden zu. Aber das ist selbstverständlich nur ein Scherz, denn alle freuen sich, dass in der Lohrheide endlich mal wieder etwas los ist.

Dass die Aussicht auf ein Spitzenspiel in der Verbandsliga Westfalen Gruppe II ihre Stimmung heben würde, das hätten sie sich damals nicht vorstellen können. Michael Seiß nicht, als er sich 1986 dem Fanklub »Lohrheide-Pandas« anschloss, der sich vor drei Jahren wegen anhaltenden Misserfolgs auflöste. Oder Peter Rupprecht nicht, der aus jahrzehntelanger Erfahrung weiß: »Der Wattenscheider kommt immer erst zwischen der siebten und zweiten Minute vor Spielbeginn.« Der emeritierte Schnauzbartträger selbst kam schon pünktlich zum Spiel, als Carlos Babington, der beste argentinische Spieler der WM 1974, die Fäden im Mittelfeld der Wattenscheider zog. Und auch Holger Terstegge nicht, ein Mann mit Glatze und Kinnbart, der seit den frühen Achtzigern alle Stadionhefte gesammelt hat. »Schön, gibt es endlich mal wieder etwas zu meckern«, sagt er über den Stau an den beiden Kassen, wo zwei Rentner die Eintrittskarten verkaufen.

Die frühen Neunziger waren das goldene Zeitalter

Seiß, Rupprecht und Terstegge stecken mit ihrem Klub seit mehr als zehn Jahren im Treibsand eines einzigartigen Niedergangs. Man könnte fast sagen: Sie sind Miss­erfolgsfans. Vor 20 Jahren, in der Saison 1990/91, stand Wattenscheid 09 nach drei Spieltagen auf dem dritten Platz der Bundesliga. Und hätte nicht Gladbachs Norbert Meier die Führung durch Uwe Tschiskale noch egalisiert, wären sie sogar Tabellenführer gewesen. Die frühen neunziger Jahre waren das goldene Zeitalter des Bochumer Stadtteilklubs, der damals den sympathischen Underdog in der Bundesliga gab. Und was Bayern-Fans vermutlich längst vergessen haben: Wattenscheid verlor in seinen vier Bundesligajahren lediglich dreimal gegen die Münchner, siegte zweimal und spielte dreimal Unentschieden. Eine Statistik, die in der Lohrheide heute noch ständig beschworen wird.

Mäzen Klaus Steilmann spendierte Freibier

Seither ist Wattenscheid 09 siebenmal abgestiegen und muss in der sechsten Liga gegen Gegner antreten, deren Namen sich kein Mensch merken kann: 1. FC Kaan-Marienborn, SuS Langscheid-Enkhausen oder Sportfreunde Oestrich-Iserlohn. Früher, als sie noch den Champions-League-Sieger Borussia Dortmund aus dem DFB-Pokal warfen, haben allenfalls FDP-Politikerinnen so komisch geheißen. Eingefleischte Fußballromantiker erzählen immer gerne von der innigen Beziehung zwischen Fans und Klub, die alle Krisen überdauert. Doch in Wattenscheid wird sie einer Belastungsprobe ohne Beispiel unterzogen. »Wenn man so etwas erlebt hat, kann einen nichts mehr erschüttern«, sagt Rupprecht.

Der 53-Jährige arbeitet bei einem Energieversorger in Dortmund und hat noch Fotos von der größten Feier, die Wattenscheid je erlebt hat. Zum Erstligaaufstieg spendierte der damalige Mäzen Klaus Steilmann Freibier für alle. Die Jubelfahrt zum Rathaus hat Hobbyfotograf Rupprecht in Klarsichthüllen für die Ewigkeit konserviert. Viele Fotos von glückseligen Männern in Cabrios und ein Bild, auf dem ein Plakat zu sehen ist. »Hoeneß, wir kriegen Dich«, steht in Schönschrift darauf, aber es wirkt eher höflich als bedrohlich.
 
Holger Terstegge, 42 Jahre, Mediengestalter, und Michael Seiß, 43, Kaufmann und Buchautor (»1000 Tipps für Auswärtsspiele«), waren damals noch Jungfans. Sie schwärmten für Frank Hartmann, der so spielte, wie er hieß, für Thorsten Fink, der in türkiser Trainingshose im ZDF-Sportstudio auftrat, und natürlich für den Senegalesen Souleyman Sané. Was für ein Spieler, schneller als sein Schatten!
Rupprecht hat in dieser bewegten Zeit zwei Kinder in die Welt gesetzt. Wegen der ersten Geburt verpasste er die fest eingeplante Gruppenfahrt zum FC Bayern. Wattenscheid verlor als Bundesliganeuling 0:7 im Olympiastadion, und ausgerechnet er, der bereits seit 1969 zur SG 09 pilgert, saß »alleine in Wattenscheid«, wie er heute noch traurig erzählt. Zwei Tage nach dem Spiel wurde seine Tochter Julia dann endlich im katholischen Marienhospital zu Wattenscheid geboren, weitere zwei Tage später wurde sie als jüngstes Vereinsmitglied in der Zeitung erwähnt. Ihr erstes Spiel als 09erin verlor sie in der Woche drauf mit 0:4 gegen den VfL Bochum. »Ein schlechter Start«, sagt die inzwischen 21 Jahre alte Julia lachend.

Der Vater nahm seine Tochter mit zur Lohrheide

Heutzutage ist ja gerne vom Bayerngen die Rede, das einige Spieler der Münchner angeblich für alle Zeiten in sich tragen. In der Lohrheide kommen wohl jene mit dem Leidensgen zusammen. Rupprecht hat es sogar an seine Kinder vererbt, obwohl er das gar nicht wollte. Als die Zeiten immer schlechter wurden, hat er überlegt, dem Stadion fernzubleiben. Er fühlte sich aber seiner Familie gegenüber in der Pflicht. Schließlich war er es, der Tochter und Sohn einst in die Lohrheide mitgenommen hatte. Er brachte es nicht übers Herz, sie alleine hingehen zu lassen. Tochter Julia steht mit zwei Freundinnen im Klubhaus unter einem großformatigen Porträt des Ex-Mäzens Klaus Steilmann. Ob sie wissen, wie der nächste Gegner heißt? »Klar, SuS Langscheid-Enkhausen«, sagt sie, wie aus der Pistole geschossen. Ob sie auch auswärts mitfahren? Was für eine Frage. In zwei Wochen gehe es nach Wanne-Eickel, sagt Julia, »mit dem Spaßbus, Zapfanlage an Bord«.

Für Julia mag der Leidensweg leichter sein, weil sie die ganz großen Zeiten nicht mehr bewusst miterlebt hat. Für die Wattenscheider Ü 40- oder Ü 50-Fraktion ist das anders. Früher hat Julias Vater den nächsten Gegner vorher stets studiert, wusste Bescheid über Spieler und Taktik. Wenn heutzutage Sprockhövel kommt, kennt er allenfalls deren Trainer: Lothar Huber, der früher für Borussia Dortmund spielte. Manchmal setzt er sich zu Hause auf seinen Heimtrainer, legt die DVD mit den Spielen der ersten Bundesligasaison ein – und kriegt immer noch eine Gänsehaut. 43 200 Zuschauer kamen am 11. Spieltag zum Heimspiel gegen den BVB. Der Stadtteilklub war eigens von der kleinen Lohrheide ins große Ruhrstadion umgezogen, und das war zum ersten Mal in der Bundesliga ausverkauft. Das hatte der VfL Bochum nie geschafft!

»In der Bundesliga empfinde ich keine Emotionen mehr«

Die sportlichen Erfolge sind Vergangenheit, geblieben ist in Wattenscheid dafür eine romantische Idee von Fußball. Michael Seiß missfällt, wie sich die Fußballwelt entwickelt hat. Wo sie jetzt in den Logen sitzen, um sich an ausgewählter Sterneküche zu delektieren, fühlt er sich nicht zugehörig: »In der Bundesliga empfinde ich keine Emotionen mehr.« Er wurde in den nuller Jahren aus der Not heraus zum Stadionsprecher in der Lohrheide und hat in der vergangenen Saison zum ersten Mal das Kunststück vollbracht, alle Spiele zu sehen, nicht nur 80 oder 90 Prozent wie sonst. »Je dreckiger es meinem Klub geht, desto höher schlägt mein Herz für ihn«, sagt er.

Die Verbandsliga Westfalen Gruppe 2 hat allerdings mit dem großen Fußball nichts mehr zu tun und hält besondere Grausamkeiten bereit. Seiß, Terstegge und Rupprecht müssen feststellen, dass die Sportplätze der Gegner nicht mehr vom Navigationsgerät gefunden werden und können dort ihre Stadionzeitungssammlung oft nicht erweitern, weil es gar keine Stadionzeitungen gibt. Wie tief unten sie angelangt sind, erkennen sie auch daran, dass sich Peter Neururer zuletzt nicht mehr als Trainer ins Gespräch brachte.

Die Aufrechten aus der Lohrheide sind dennoch weit davon entfernt, traurige Gestalten zu sein. Sie bewegen sich in einem Mikrokosmos, in dem Freundschaften mehr zählen als Events und sportlicher Erfolg. »Aber würden wir auch so reden, wenn wir oben wären?«, fragt Terstegge. Parallel zum sportlichen Totalabsturz ist immerhin das Herzinfarktrisiko gesunken »Ein Abstieg mehr oder weniger tut mir nicht weh. Ich bin heute weit davon entfernt, den Fußballgott anzuklagen«, sagt Seiß. Und so sind sie einfach geblieben. Keiner der drei ist ausgezogen, um das Glück woanders zu suchen, wie einige vom legendären Fanklub »0,9 Promille«, die jetzt eine Dauerkarte auf Schalke besitzen. Terstegge wohnt zwar in Gelsenkirchen, aber auf eine solch absurde Idee wäre er nie gekommen. Er sei halt so erzogen worden, dass Schalke das Böse ist. »Ins Stadion gehst du am Wochenende immer«, sagt er. »Und auf Geburtstag bei Oma hast du auch nicht immer Lust.« Außerdem kann man heute auch schon mal im Mannschaftsbus zum Auswärtsspiel mitfahren oder ein Bier mit den Spielern trinken.

Die Sehnsucht nach Freitagsspielen

Rupprecht findet, dass der sechstklassige Kick sowieso nicht so schlecht ist, weil immer mehr technisch gut ausgebildete deutsche Spieler in den Niederungen ankämen – mangels ausreichender Kaderplätze in höheren Ligen. Aber es gibt natürlich immer noch die Sehnsucht nach dem, was mal war. »Was ich wirklich vermisse, sind die Freitagsspiele«, sagt Rupprecht. Seiß stillt die Sehnsucht nach der großen Fußballwelt seit den Neunzigern als Groundhopper. Er hat Spiele in 39 Ländern gesehen, fährt samstags häufiger nach England oder Polen, aber sonntags kehrt er immer zu seiner Gemeinde zurück. Und manchmal fragt er sich auf seinen Kurztrips, ob die Gegner der SG Wattenscheid 09 nicht längst viel exotischer geworden sind: »Wir sind inzwischen in Dörfer gefahren, von deren Existenz ich vorher nichts ahnte.«

Souleyman Sané wohnt fünf Minuten vom Stadion entfernt

Das Sechstligaspiel ist vorbei, die SG Wattenscheid 09 hat 1:3 gegen die TSG Sprockhövel verloren. Die Fans gehen am Bierstand vorbei, der mit dem Slogan »Hier Durst löschen« wirbt. Das Lohrheidestadion ist auch ein Panoptikum der alten Bundesliga. Die Bratwurst kommt immer noch vom Holzkohlengrill – und Souleyman Sané wohnt fünf Minuten von dem Stadion entfernt, in dem er seine Glanzzeiten erlebte. Der Ex-Stürmer hat sich das Spiel gegen Sprockhövel bis zum Schluss angeschaut, er war neulich auch als Zaungast in Lünen-Brambauer. Er sagt im typischen Branchenjargon, dass er sich vorstellen könne, dem Klub in irgendeiner Funktion zu helfen, »wenn sich die richtige Konstellation ergibt«. Er hat als Spielerberater 2003 die Altintop-Brüder für insgesamt 2,3 Millionen Euro an Schalke 04 bzw. Kaiserslautern veräußert, als sie über ihren Klub hinauswuchsen. Die Transfersumme konnte die SG 09 seinerzeit sehr gut gebrauchen.
Doch darum geht es beim Small Talk vor dem VIP-Raum nicht. Die drei Immernoch­allesfahrer erzählen ihrem Helden in der grünen Steppjacke von der Bundesligasaison 1990/91, als sie 3:1 beim KSC gewannen und Sané alle drei Tore erzielte. Damals steckten sie zusammen im Stau fest: Nur ein Drittel der Fans kam pünktlich in Karlsruhe an, ein Drittel zur zweiten Halbzeit und ein Drittel kurz vor Schluss, gerade rechtzeitig zu den beiden Siegtreffern.

Seitdem gab es Jahre, in denen sie und 200 andere ohne jegliche Erwartung in die Lohrheide kamen. Doch der Fußball erlaubt eben immer die Hoffnung, dass alles ganz anders wird. Im Moment, die Saison ist noch unverdorben genug, glauben sie vor allem an André Pawlak, den neuen Trainer, der zuvor Schalkes U 15 betreut hat. Rupprecht sagt: »Ich hatte zum ersten Mal wieder das Gefühl, dass es sich lohnen könnte, wenn ich mir die Spielernamen merke.«

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