Die erstaunliche Karriere des Sergej Juran

Der Fettnäpfchenjäger

Dass Fußball und Rock'n'Roll nicht so richtig zusammen passen, bewies Sergej Juran nachdrücklich. Suff-Eskapaden, Autounfälle, Trainer-Mobbing. Ein wilder Ritt durch die Karriere eines ewigen Talents. Die erstaunliche Karriere des Sergej Juran

Fredi Bobic war bockig. Sehr bockig. »Gegen eine solche Mannschaft verliert man die Lust am Fußball«, richtete der damalige Stuttgarter der Medienschar aus. Gemeint war Fortuna Düsseldorf, das an diesem Septembertag 1996 drei Punkte aus dem Daimler-Stadion entführte. Ein Team, das sich so vorzüglich im Mauern verstand, dass es sich beinahe als Ehrenmitglied der Handwerkskammer eignete. Gespickt mit echten Granaten wie Ulf Mehlhorn, Darko Drazic und Richard Cyron.

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Viel hatten die Fortunen nicht drauf, schönen Fußball schon gar nicht. Aber Gegner entnerven, sie piesacken und verzweifelt anrennen lassen – das konnten sie ziemlich gut. Das wussten die Spieler, das wusste ihr Trainer Aleksandar Ristic. Das wusste nun auch Fredi Bobic. Vielleicht hatte die Tirade des VfB-Angreifers aber auch nur Neid zur Ursache. Neid auf den Helden des Tages, den Bundesligadebütanten, der ihm, dem amtierenden Torschützenkönig, mit den beiden einzigen Treffern des Tages die Show stahl: Sergej Juran.   

Ein schmückender Name im Team der Mausgrauen

Ein schmückender Name im Team der mausgrauen Fußballarbeiter vom Rhein. Aber auch eine richtige Diva, gefunden in der Ramschabteilung des Transfermarktes. Also dort, wo Ristic die meisten von Jurans Düsseldorfer Kollegen auftrieb. Allerdings hatte man diese nicht Jahre zuvor zu den größten europäischen Talenten gezählt, sie wurden auch nicht von den Topklubs des gesamten Kontinents gejagt. Juran hingegen schon. Als er Anfang der Neunziger in Diensten Dynamo Kiews von sich Reden macht. Schnell, trickreich und torgefährlich präsentiert sich der Russe dort. Solche Spieler sind immer begehrt und so hat Juran freie Wahl beim Sprung ins Ausland. Er entscheidet sich für Portugal, für Benfica Lissabon.

Keine schlechte Wahl, schließlich gilt Benfica 1991 noch als eine der ersten Adressen. Doch in Portugal schienen die Tore kleiner zu sein als in der Heimat, die Fettnäpfchen aber umso größer. Und so tritt Juran mit voller Kraft ein ums andere Mal hinein, dass es nur so platscht. Er weigert sich, auf der Ersatzbank zu sitzen, wirft seinem Vereinstrainer Tomislav Ivic Rassismus vor, als dieser ihn nicht einsetzt und versucht, den russischen Nationalcoach Pawel Sadyrin aus dem Amt zu mobben. Doch Sadyrin zeigt sich gnädig und nimmt Juran mit zur Weltmeisterschaft in den USA. Nach einem viel zu tiefen Blick ins Glas wird Juran aus dem Kader geworfen und muss nach Hause fliegen.  

Der FC Porto holt ihn trotzdem und wird mit seinem Versuch, Juran zu bändigen, bitter enttäuscht. Er verursacht einen Verkehrsunfall mit Todesfolge und begeht Fahrerflucht. Einige Stunden danach findet die Polizei den unverletzten Juran – zu spät für einen juristisch verwertbaren Alkoholtest. Erst Jahre später kommt es zum Prozess, an dessen Ende Juran wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr Haft verurteilt wird. Eine umfassende Amnestie anlässlich des 25. Jahrestages der Nelkenrevolution macht das Urteil allerdings obsolet und verschont Juran vom Strafantritt. Dass der Stürmer zusammen mit seinem Landsmann Wasili Kulkow zum ersten Ausländer wird, dem es gelingt, mit verschiedenen Teams in zwei aufeinander folgenden Jahren portugiesischer Meister zu werden (1994 mit Benfica, 1995 mit Porto), interessiert angesichts des von ihm verursachten Unfalls niemanden mehr. Porto will ihn nicht mehr, Juran zieht weiter nach Russland. Zu Spartak Moskau, und wenige Monate später zum englischen Zweitligisten FC Millwall.  

Noch immer ist sein Name groß genug, um in London als Heilsbringer zu gelten und so projezieren die Fans all ihre Aufstiegshoffnungen auf den flinken Angreifer. 15 Spiele und ein Törchen später gilt der Name Sergej Juran beim FC Millwall nur noch als Inbegriff des Transferflops und der Aufstiegsaspirant beendet die Saison am anderen Ende der Tabelle.

Sein Marktwert gleicht dem einer alten Gurke

Juran hat nun endgültig alle Versprechen, die sein Talent einst gab, gebrochen. Sein Markwert entspricht dem einer drei Monate alten Gurke, so dass sich niemand mehr für ihn interessiert. Außer Aleksander Ristic, der den tief Gefallenen nach Düsseldorf lotst. Obwohl Juran lediglich in drei Spielen trifft, verleiht er dem Spiel der Fortuna etwas Glanz – was angesichts der Mitspieler allerdings keine große Herausforderung ist. Rückblickend bezeichnet Juran das Jahr in Düsseldorf als nicht wirklich besonders, trotzdem gelingt es ihm dort erstmals seit langer Zeit, ausschließlich sportliche Schlagzeilen zu schreiben. Er weckt das Interesse anderer Bundesligisten. Der VfL Bochum, gerade erstmals auf dem Sprung in den Europapokal, und der HSV werben intensiv um die Dienste des Russen. Er entscheidet sich für den Ruhrpott und erlebt dort legendäre Uefa-Cup-Nächte gegen Trabzonspor, Brügge und Ajax Amsterdam. 

Doch Bochum bekommt auch den alten Juran, den notorischen Fettnäpfchenjäger. Mit zwei Promille im Blut wird er am Steuer erwischt und muss deswegen lange auf seinen Führerschein verzichten. Nachdem er, ohne seinen Verein zu informieren, zur russischen Nationalmannschaft reist, zeigen sich die VfL-Verantwortlichen der Eskapaden ihrer Diva überdrüssig und suspendieren den Offensivmann. Juran klagt sich per einstweiliger Verfügung zwar zurück ins Mannschaftstraining, das Verhältnis zwischen Verein und Spieler ist natürlich trotzdem hinüber. Der VfL verkauft seine Skandalnudel nach Moskau, wo es Juran noch einmal bei Spartak probieren will. Ganz spurlos verschwindet Juran aber nicht von der Bildfläche. In der schwäbischen Provinz, in Dettingen an der Erms, ernennt ihn ein Rudel Hobbyfußballer zum Kultstar und gründet die Mannschaft »Sergej Juran Swingers«.  

Der erneute Wechsel nach Moskau erweist sich wieder nicht als glückliche Entscheidung. Er spart an Toren und verletzt sich beim Duschen (!) am Fuß. Ein paar Wochen später hat Spartak genug und schmeißt Juran raus, der daraufhin erklärt, nie wieder für Spartak oder einen anderen russischen Klub spielen zu wollen. So bleibt nur noch das Altersheim des europäischen Fußballs – Österreich. Sturm Graz, getrieben vom profilneurotischen Präsidenten Hannes Kartnig, gönnt sich mit Juran eine Prise Rock'n'Roll.

Er verletzt sich beim Duschen am Fuß

Vor allem in der Champions League, in der Graz erstaunlich erfolgreich ist, kann Juran das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigen und beweisen, welch formidabler Kicker er sein kann. Doch ein Stirnbeinbruch – erlitten in einem Kopfballduell – beendet seine Karriere abrupt im Alter von 31 Jahren.  

Mit der Einsicht, sein Talent verschleudert zu haben, sattelt Juran um und wird Trainer. Mit geringer Halbwertszeit. Er hält es nirgendwo lange aus und kein Verein lange mit ihm. Ausgesprochen kurze Engagements, stets in den Grenzen des verblichenen sowjetischen Riesenreichs,  prägen seine Zweitkarriere. Von Spartak Moskau geht es nach Stavropol, von dort über den lettischen FC Ditton zum estischen FC TMVK und anschließend zu den russischen Erstligisten Jaroslawl und FC Chimki.

Gegenwärtig trainiert Juran Lokomotive Astana, einen äußert ambitionierten Verein aus Kasachstan. Mit viel Geld im Rücken soll Sergej Juran dort an ein schlagkräftiges Team formen. Ein Team, das Zuschauern Lust auf Fußball machen soll. Und vielleicht ja auch Fredi Bobic.

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