02.11.2012

Die Erkenntnisse des Fan-Gipfels in Berlin

Alle in einem Boot

In Berlin trafen sich auf Einladung von Union Berlin Fanvertreter aus der ganzen Republik, um über das kürzlich von der DFL vorgelegte Konzept »Sicheres Stadionerlebnis« zu debattieren. Die, die bei der Debatte anfänglich übergangen wurden, brachten eben das in die Diskussion ein, was sie dringend benötigt: Sachlichkeit.

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Es tut gut, Helge Meves zuzuhören. Der Union-Fan steht mit seinen Unterlagen am Pult und zerpflückt unaufgeregt und doch eindrücklich den gesamten Populismus, der die Debatte um Sicherheit im Fußballstadion in den letzten Wochen und Monaten geprägt hat. Seine Stimme rauscht durch die Lautsprecher und die etwa 250 Fans, Fanvertreter, Vereinsvertreter und Funktionäre, die zum Fan-Gipfel an die Alte Försterei gekommen sind, hören aufmerksam zu. Meves erstickt die Aufgeregtheit mit jeder seiner Powerpoint-Folien, er legt die Dinge klar zu Tage: Anstieg der Gewalt? Statistisch nicht belegbar. Gesichtsscanner? Unwirksam und nicht rechtens. Fußfesseln? Öffentlichkeitswirksamer Quatsch. Zustimmendes Nicken im Zelt am Stadion, nach seinem Vortrag wird Meves mit einem warmen Applaus belohnt. Endlich sagt mal einer, was alle denken. Meves selber tritt vom Podium zurück und wirkt, als habe er lediglich gewissenhaft seine Pflicht getan. Der nächste Sprecher tritt ans Mikrofon.



»Wie kommt es, dass wir alle hier sitzen?

«

Fußballfan in Deutschland zu sein, hatte in den letzten Monaten in gewisser Weise einen schizoiden Charakter. Beobachtete man die Berichterstattung in Teilen der Medien und hörte Statements von dem ein oder anderen Politiker, war man versucht zu denken, dass in und um Fußballstadien bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, in denen ganze Kleinfamilien von pyromanen Jugendbanden angezündet oder zumindest gnadenlos verprügelt werden. Traute man sich dann doch zum Spiel, erlebte man eine angenehme, stimmungsvolle Atmosphäre in den nachweislich sichersten Stadien Europas. Im Interessen- und Kommunikations-Wirrwarr zwischen den verschiedenen Parteien, die sich im Fußballkontext tummeln, schien irgendetwas gründlich schiefgelaufen zu sein. Oder, wie es Christian Arbeit, Sprecher von Union Berlin und Moderator des Abends formuliert: »Wie kommt es, dass wir jetzt alle hier sitzen?« Eine gute Frage!



Denn ein Stadionbesuch in Deutschland ist im Grunde eine sichere Sache. Dennoch sah sich die DFL, getrieben von der Politik, vor Kurzem bemüßigt, ein Konzept mit dem Titel »Sicheres Stadionerlebnis« auszuarbeiten und den Vereinen vorzulegen. Es hat nicht lange gedauert, und das Konzept wurde dem Verband um die Ohren gehauen. Nicht nur die Fans waren empört, auch die Mehrheit der Vereine sprach sich gegen das Konzept oder zumindest gegen weite Teile davon aus. Neben der Frage nach der Notwendigkeit und den inhaltlich fragwürdigen Abschnitten ist es vor allem das Übergehen der Fans in der Ausarbeitung des Konzepts, das für Unverständnis sorgt. »Ein Sicherheitskonzept, dass die Fans mitgestalten könnten, hätte eine viel höhere Akzeptanz in der Fanszene«, sagt ein Vertreter des Fanrats von 1860 München. Seine Kollegin vom Fanprojekt 1860 München, Steffi Dilba, pflichtet ihm bei: »Es geht nur, wenn alle konstruktiv und inhaltlich zusammenarbeiten.« Hört man den beiden zu, merkt man schnell, dass sie sich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt haben und dass ihnen ein ernsthafter Dialog sehr am Herzen liegt. Aber auch, dass die Fronten noch verhärtet sind. Denn: »Eigentlich wollte ich ja nicht mit der Presse reden...«

 
 
 
 
 
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