Die ergreifende Geschichte eines BVB-Fans

Und dann kam Santana

BVB-Fan Philipp kämpft seit einem Jahr mit einer schweren Krankheit. Sein Verein wurde ihm in den Monaten des Bangens und Quälens egal. Hier schreibt er über die schwere Zeit und wie ihm Santanas Tor gegen Malaga die Hoffnung zurückgab.

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Dieser Text erschien im April erstmals auf schwatzgelb.de. Die ungekürzte Version findet sich hier.

Hallo,

ein ungewöhnlicher Einstieg. Einfach Hallo. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn man jedoch einmal bemerkt hat, dass das menschliche Dasein eben auch einen Moment mit sich bringt, in dem man nicht mehr Hallo sagen kann, hat dieses schmale, millionenfach im Leben wohl genutzte Wort eine völlig neue, andere und gewichtige Bedeutung.

Zweiter Weihnachtstag 2012, ein Automobil mit blauem Licht muss mich in ein Krankenhaus fahren, es ging nicht mehr anders: Schmerzen wie noch nie im Leben, hohes Fieber. Alles wie aus heiterem Himmel. Gestern ging es mir noch gut!? Erstmals in meinem Leben befinde ich mich überhaupt als Patient in solch einem. Notaufnahme, Aufnahme ins Krankenhaus, erste Medikamente, aber noch Hoffnung, dass schon alles nicht ganz so wild ist und wieder wird. Weihnachten ist vorbei. Abends liege ich auf dem OP-Tisch und bin betäubt. Erste OP, weitere drei folgen, dann erst mal Silvester durchschlafen. Wird schon werden! Zustand weiter schlecht wie nie. Gefühl wie wach und abgestellt.

Zweiter Januar, ein neues Jahr. Weitere OP nötig, schlechter Zustand im Anschluss und dann ENDE. Alles warm und grau, wie eingewickelt in ein Tuch. Leben aus. Kein Hallo mehr. Die Hände eines anderen Menschen versuchen, noch einmal den Startknopf zu drücken. Ein fast vulgärer Vorgang, wie es mir heute erscheint. ANFANG. Mit einem »Drink des Himmels« nochmal aufgewacht. Erlebnisse ohne Ort erlebt.

Dann direkt wieder in den OP. Weiter Schmerzen, viel neues Blut, viel Medizin, viel Hilfe. Viel anders. Dann Wochen, Monate des Bangens, der Qual, des Hoffens, des Durchhaltens, sich sorgen um die Nächsten, um sich selbst, mit zerschnittenem Ehrgeiz im weißen Bett liegend, geradezu vor Schmerzmitteln chloroformiert, größte Bewegung ein Drehen nach rechts. Mehr geht nicht. Alles anders. Wirklich alles.

Seit 1988 überall dabei

Was hat das mit dem BVB zu tun? Es ist der Bericht eines 36 Jahre alten Fans, der erstmals ausgerechnet 1986 gegen Fortuna Köln ins Stadion geschleppt wurde. Kann sein, dass es auch schon mal vorher der Fall war, aber an dieses Spiel erinnert sich dieser Fan dann halt noch. Damals war auch alles noch völlig anders. Wirklich fast alles. Nur das Spiel selbst ist, bis auf einige Änderungen, dasselbe geblieben. Ab diesem Moment ist mein Kopf unaufhörlich am Berichte schreiben über diesen Sport und diesen Klub! Borussia Dortmund.

Erlebt hat dieser Fan viel. Nicht so viel wie manch andere „Extremisten“ unter den Fans, aber dann doch genug. Ab 1988 im Grunde alles an großen Finals vor Ort, nur Tokio war zu weit. Ansonsten viele, viele Spiele in Dortmund und sonstwo. Leidenschaft, Lebensinhalt, ja eigentlich eine Religion ist es dann strenggenommen. Nächtelang diskutiert hat dieser Fan über den BVB, bei viel Bier oder bei sehr wenig, in großen Runden, in kleinen, im Internet und in Bars, egal.

Jeden verdammten Tag seit ich wirklich denken kann, denke ich mindestens 5 Minuten am Tag auch mal an den BVB. Selbst das Verlassen der räumlichen Nähe zum Stadion ließ mich nicht abrücken. Schon gar nicht schlechte Zeiten, Pleiten, Insolvenzen, Betrügereien, Großmannssucht von Fans und mit Fans. Man blieb einfach.

Eine beginnende Häutung

Als ich im Januar dann erwachte aus einem künstlichen Schlaf in Folge der obigen Nacht des zweiten Januars, als ich trotz vielerlei Drogen wieder ein wenig denken konnte, und sprechen konnte, merkte ich eine Häutung, die begann. Einer jener Menschen, die sich beruflich viele Stunden intensiv um mich kümmerten, entpuppte sich als Fan des BVB. Dies erfuhr ich eher beiläufig und, anders als früher, es blieb beiläufig!

Borussia Dortmund? Diese Leidenschaft, dieses so ultrasympathische Erfolgsmonster der letzten Jahre, welches mir so viele wunderbare, nicht mehr für möglich gehaltene Momente serviert hatte, wo war das? Die Winterpause ging zu Ende, die intensive Behandlung nicht. Ein Spiel des BVB verpasst? Egal. Wie ging es aus? Egal. Nuri Sahin zurück? Egal (und das bei mir, der ihn immer aufs Letzte verteidigt hatte). Ich schob das alles auf meinen Zustand, auf meine Sorgen, meine Ängste, meine Probleme, Schmerzen, Medikamente, auf alles...

Es musste klar sein, dass der BVB eben doch nur die schönste Nebensache der Welt war und ist. Und dennoch beschäftigte mich diese selbstgemachte Gefühlskälte gegen den BVB. 1986 bis heute, dass waren ja immerhin ca. 27 Jahre der Leidenschaft! War das am Ende alles verschwendete Energie und ein großer Quatsch?

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