Die EM-Trends

Taktik ist Spektakel

Manche meinen, bei dieser Europameisterschaft werde nur gemauert. Aber das stimmt nicht. Erstmals fiel in jedem Spiel mindestens ein Tor, und auch die Trainer sind kreativ.

Diese Dänen! Einen Tag war die EM in Polen und der Ukraine gerade alt, da mussten Fußballästheten das erste Mal ganz tapfer sein. Dänemark spielte gegen die Niederlande. Die Rollenverteilung war klar: Mittelmaß gegen Weltklasse, Arbeiter gegen Künstler. Die Niederländer ließen den Ball gekonnt durch ihre Reihen laufen, erspielten sich eine Torchance nach der anderen und standen am Ende doch ohne zählbaren Erfolg da. Dänemark gewann durch einen einzigen konstruktiven Angriff 1:0. »Wenn die Dänen heute Abend ins Bett gehen, wissen sie immer noch nicht, warum sie gewonnen haben«, sagte Arjen Robben hinterher trotzig.

Einige Tage später gegen Deutschland blieben die Dänen ihrer destruktiven Spielweise treu und beschränkten sich hauptsächlich aufs Verteidigen. Ein Unentschieden hätte ihnen unter Umständen gereicht, um das Viertelfinale zu erreichen. Deutschland rannte an, erst mit Wut, später mit Verzweiflung. Die dänische Mauer hielt lange. Erst spät erlöste Lars Bender die deutschen Fans, der Favorit siegte 2:1.

Schön anzusehen war das alles nicht, und weil Teams wie Griechenland oder Irland genauso wenig für das Offensivspiel taten, gewannen viele Zuschauer den Eindruck, dass es bei dieser EM nur zwei Lager gibt: Angreifer und Zerstörer. Die einen wollen offensiven Fußball zeigen, die anderen ihn verhindern.

In den vergangenen Tagen meldeten sich Experten und Spieler, die das Niveau des Turniers kritisierten und den Eindruck der Fans bestärkten. Deutschlands Mittelfeldspieler Toni Kroos, der bisher nur wenig zur Verbesserung dieser EM beitragen durfte, sagte der »Ostseezeitung«: »Es ist nicht das Spektakel wie bei der WM 2010 in Südafrika. Es gab kaum Partien, in denen viele Tore fielen. Alle Mannschaften sind eher vorsichtig defensiv ausgerichtet.« Kroos und viele seiner Mitspieler monierten, dass die anderen Teams sich nur noch in ihrer Hälfte verschanzen, ihnen kaum noch Platz bieten würden. Damit haben sie nicht ganz unrecht, die Frage ist nur: Warum sollten die Gegner der deutschen Mannschaft diesen Gefallen tun?

Die Urteile vieler Spieler stimmen nicht

Kroos’ Kritik unterliegt einem sehr subjektiven Eindruck. Bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren gab es nur zweimal das, was allgemein als »Spektakel« verstanden wird. Das waren die deutschen Spiele gegen England und Argentinien. Der Rest war oftmals für den Zuschauer nur schwer zu ertragen. Faktisch belegen lässt sich die Kritik an dieser EM nicht. Im Gegenteil. Es ist das erste Mal, dass es bei einer EM seit der Einführung des Turniermodus kein 0:0 gab. In jedem Spiel fiel mindestens ein Treffer. Ganz im Gegensatz zur WM in Südafrika. Dort gab es während der Vorrunde und auch später in den K.o.-Spielen viele torlose Langweiler. Nur bei der WM 1990 in Italien fielen weniger Treffer als in Südafrika. Im Durchschnitt wurden beim Turnier in Polen und der Ukraine dagegen bisher die drittmeisten Tore pro Spiel erzielt.

Wohl noch nie war das Teilnehmerfeld bei einer EM stärker besetzt als in diesem Jahr. Im Gegensatz zu 2008, als England fehlte, sind alle großen Fußballnationen dieses Mal dabei. Trotzdem verfestigte sich in den vergangenen Tagen der Eindruck, dass die Kluft zwischen Favoriten und Außenseitern, zwischen Angreifern und Zerstörern, immer größer wird. Das liegt in erster Linie an zwei Mannschaften: Deutschland und Spanien. Die beiden großen Favoriten sind den anderen spielerisch momentan so weit voraus, dass die Gegner meist mit destruktiver Herangehensweise dagegenhalten wollen.

In den vergangenen Jahren ist Spaniens Fußball zum Gradmesser geworden. Mit Passsicherheit und viel Ballbesitz hat Spanien erst die EM 2008 und zwei Jahre später auch die WM gewonnen. Die aktuelle Frage für die anderen lautet daher, wie Spaniens Spiel zu stoppen ist. Dabei gibt es verschiedene Herangehensweisen. Joachim Löw etwa ist der Meinung, dass Spanien nur beizukommen ist, indem man ihr Spiel zuerst kopiert und dann verbessert. Noch schneller spielen, noch genauer passen. Italien setzte im ersten Vorrundenspiel auf ein gegenteiliges Mittel und versuchte alle Räume auf dem Feld so eng zu machen, dass den flinken Spaniern die Lust vergeht. Also doch angreifen oder zerstören? Mitnichten!

Abseits der professionellen Wahrnehmung agierte Italien mit einem recht innovativen System. Anstatt der zurzeit üblichen vier Verteidiger bot Trainer Cesare Prandelli in den ersten zwei Spielen nur drei Abwehrspieler auf und verstärkte dafür das Mittelfeld mit einem zusätzlichen Mann. Vorne wirbelten mit Antonio Cassano und Mario Balotelli zwei klassische Angreifer, wie sie auch vor fünfzehn Jahren üblich waren. Prandelli liegt damit voll im Trend dieser EM. Er versucht, die Spieler, die er hat, nach ihren Stärken einzusetzen. Genauso machen es die Portugiesen, wo drei defensive Mittelfeldspieler auf dem Platz stehen, weil Trainer Paulo Bento momentan keinen kreativen Mann für die Mitte hat.

Die Spanier ohne Stürmer? Alles ist möglich

Anders als Klubtrainer, die sich eine Mannschaft nach ihren Wünschen zusammenkaufen können, müssen Nationaltrainer mit dem vorliebnehmen, was ihre Nationen gerade an Spielern bieten. Portugal schadet der Mangel an kreativen Fußballern im Mittelfeld nicht, die Mannschaft qualifizierte sich als erste fürs Halbfinale. Dazu bot sie etwa gegen die Niederlande attraktiven Fußball. Was in der Zentrale scheinbar fehlt, macht Portugal auf den Außenpositionen wett. Cristiano Ronaldo und Nani sind die spektakulärste Flügelzange weltweit.

Auch Spaniens Aufstellung ohne echten Mittelstürmer gegen Italien war im Grunde nur ein Zurückgreifen auf die eigenen Stärken. Warum nur die Hälfte der kleinen flinken Mittelfeldspieler aufstellen, wenn alle gut in Form sind und die Stürmer nicht? Aus taktischer Sicht gibt es interessante Modelle bei der EM. Im Gegensatz zur Bundesliga, wo die meisten Trainer stur mit zwei defensiven Mittelfeldspielern und einem zentralen Stürmer spielen, versuchen die Trainer ihr System nach den Spielern zu richten, die sie zur Verfügung haben. In Zeiten, in denen die Vereine über viel Einfluss bei den Verbänden verfügen und das meiste nach ihren Interessen ausgerichtet ist, sind Nationaltrainer die eigentlichen Improvisationskünstler der Moderne.

Es wäre vermessen, von dieser EM zu erwarten, dass bei ihr die innovativen Trends gesetzt werden. Das passiert bei Nationenturnieren aus den genannten Zeitgründen längst nicht mehr. Spielerische Entwicklungen vollziehen sich eher auf Klubebene. Trends richten sich nach Erfolgen. In ist, wer gewinnt. Da unterscheidet sich der Fußball nicht von anderen Bereichen. Barcelona und auch der offensiv ausgerichtete FC Bayern wurden dieses Jahr in der Champions League vom FC Chelsea besiegt. Einer Mannschaft, die für die meisten Zuschauer vor den Fernsehgeräten so defensiv agierte, dass viele in ihr den Willen zur Zerstörung des Spiels zu erkennen glaubten. Chelseas Vorgehen ähnelte in etwa dem der Dänen. Dänemark ist inzwischen wieder zu Hause. So im Trend kann Defensivfußball nicht sein.

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