Die Elf des Spieltags

Der Bulle und der Lutscher

Ein Brasilianer verwandelt sich, Angela Merkel wird Spintluder, Bremen und St. Pauli gehen auf Schiri-Jagd und Luca Toni stürmt den Schlafsaal – ein wilder Ritt durch den 28. Spieltag. Diesmal im kontroversen 3-6-1-System. Die Elf des SpieltagsImago Tor

Robert »Wulle» Wulnikowski

Die Berliner Ulknudel Kurt Krömer lehrte uns einst: »Geschenke immer annehmen. Wegschmeißen kann man immer noch.« Die Offenbacher Fankurve sah das nach der 1:3-Heimpleite nach 1:0-Führung gegen die Augenthaler-Elf aus Unterhaching und damit vier Spielen ohne Sieg ganz anders und schleuderte den vermeintlichen Trostpreis, die Handschuhe von Torhüter Wulnikowski, postwendend zurück. Ein Stadion-Arbeiter erbarmte sich schließlich des verschwitzten Lederbündels und trug es selig nach Hause. Das andere, traurige Bündel des Tages, »Wulle«, sonst »Everybody's Darling«, verzog sich schnell in die Kabine. Die Aufstiegsträume der Kickers sind nach diesem Spiel passé, die Tabelle will man sich lieber eine Zeit lang nicht angucken.

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Abwehr

Jürgen Klopp

»Kloppo« ist als TV-Experte zurück und erklärt die Welt. Nachdem sich ganz Hertha-Berlin über das nicht gegebene Abseits-Tor von Gekas aufregte, erklärte der Dortmunder Trainer seine Sicht der Situation: »Das kann ja keine neue Spielsituation gewesen sein, denn wenn Gekas nach Santanas Kopfball nicht allein vor dem Tor gestanden hätte, hätte Weidenfeller den Ball ja gehabt.« Aha. Oder wie es einst Forrest Gump ausdrückte, nachdem ihm Klopp mit dem »Ein Fußballspiel ist wie eine Schachtel Pralinen«-Vergleich kam: »Kloppo konnte immer alles so erklären, dass ich es verstand.«

Roel Brouwers

In welchem Hansi-Pflügler-Gedächntiscamp war eigentlich Roel Brouwers? Mit sieben Treffern ist der Niederländer mittlerweile nicht nur Torjäger der Fohlen, sondern auch der torgefährlichste Verteidiger der Liga. Noch vor Bremens Naldo, der ähnlichen Torriecher beweist. Brouwers Talent hat neben dessen konstant guten Defensivqualitäten auch Nationaltrainer Bert van Maarwijk bemerkt, der sich schon beim Spiel gegen Stuttgart unter die Zuschauermasse gemischt hat und jetzt mit einer Eintrittskarte in den WM-Kader wedelt. Nach dem Verletzungsausfall von André Ooijer könnte Roel schon bald nachrücken.

Jogi Löw

Vorteil, Kuranyi. Denn im Gegensatz zu Jogi Löw, läuft es für ihn gerade ganz nach Plan. Mit 17 Treffern derzeitiger Torschützenkönig der Bundesliga, mit Schalke 04 an der Tabellenspitze, zwei Tore im Spiel gegen Leverkusen geschossen und damit ein lauschiges Plätzchen in wohl jeder Elf des 28. Spieltags (außer bei 11Freunde) und nicht zuletzt Zuspruch aus dem selbsternannten Ältestenrat des DFB. So bringt ihn Franz Beckenbauer für den WM-Kader wieder ins Spiel und zieht damit ein weiteres der unteren Klötzchen aus dem stoischen Jenga-Turm von Jogi Löw. Zwar hat sich die Lage, nachdem bei dem verletzten Khedira Entwarnung gegeben werden kann, entspannt. Trotzdem gehen die Spots nun alle auf Jogi: Bleibt er standhaft? Oder wird er unter Druck der Statistik und Meinungsmache kippen?

Mittelfeld

Caio

Der teuerste Frankfurter Transfer aller Zeiten, Siegtorschütze gegen Bochum, ist derart aufgeblüht, dass die Frankfurter Rundschau bereits »Die Verwandlung« titelt. 11FREUNDE enthüllt exklusiv Details aus Caios Anfangszeit in Frankfurt, die einem kafkaesken Albtraum glich:

»Als Caio César Alves dos Santos eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Frankfurter Bett zu einem ungeheuer dicklichen Fehleinkauf verwandelt. [...] Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen. »Was ist mit mir geschehen?« dachte er. Es war kein Traum. [...]

Caios Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter - man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen - machte ihn ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße«, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.

›Ach Gott‹, dachte er, ›was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tagaus, tagein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!‹«




Zoran Tosic

Zwei Tore in 22 Spielen für Lukas Podolski: Mehr als nichts, aber auch nicht viel mehr. Als Gewinner aus dieser Entwicklung ging am Wochenende Teamkollege Zoran Tosic hervor, die Halbjahres-Goldleihe aus Manchester United. Köln jubelt: Im Spiel gegen Hannover (1:4) bescherte der junge Serbe, neben Petit und Maniche einer aus der Reihe »Kölner Identifikationsfiguren«, den Domstädtern ein Doppelpack und stellte sich damit selbst ein Empfehlungsschreiben für die Offensive aus. Der Prinz schmort alldieweil auf der Bank, denn »Tore vorbereiten« reichte ihm zuletzt. Zoran Tosic wird das nicht reichen.

Fabian Boll

Ladideldumm, der Kommissar fällt um: Gerade hatte Rostocks Martin Retov St. Paulis Fabian Boll, der hauptberuflich Polizist ist, eine Kopfnuss verpasst, da zeigte Schiedsrichter Babak Rafati Rot – für beide. »Ich werde Torsten Frings anrufen, damit wir eine Bürgerinitiative bilden. Seine Rote Karte war ja auch ein Witz«, sagte Boll nach dem Spiel. Der Bremer Kapitän war zuvor gegen Nürnberg vom Platz geflogen, als Referee Markus Schmidt eine Drehung um Gegenspieler Broich als Tätlichkeit fehlinterpretierte. »Der Bulle und der Lutscher – Rächer den Entrechteten« klingt aber eher nach Krimi-Serie als nach Bürgerbewegung.

Hanno Balitsch

Hannovers Kapitän machte nicht nur mit seiner Gelb-Roten Karte kurz vor dem Halbzeitpfiff von sich reden, sondern auch durch seine fragwürdigen Analysen: »Wir haben in der zweiten Halbzeit einen sehr hohen Aufwand betrieben, um nicht abgeschossen zu werden«, war sein zwiespältiges Lob für die 45 Minuten, in denen er gar nicht mitspielte. Auch seine Zielvorgaben sind nicht gerade überambitioniert: »Wir müssen uns darauf konzentrieren, Drittletzter zu werden.«  Sein Foulspiel, das nach seinem elfmeterwürdigen Handspiel zur zweiten Gelben führte, interpretierte er ebenfalls auf seine ganz eigene Art: »Wenn ich nicht mehr in einen Zweikampf gehen darf, brauche ich keinen Fußball mehr spielen.« Wird er wohl auch so schnell nicht mehr: Hannover bezieht am Dienstag ein Trainingslager und der gesperrte Balitsch darf nicht mit. Es könnte sein letztes Bundesligaspiel für 96 gewesen sein.

Pele Wollitz

Die Kabine ist das Allerheiligste – aber nicht bei Energie Cottbus. Trainer Claus-Dieter Wollitz gab im »Sportplatz Berlin« im RBB nicht nur ein Interview in der Cottbus-Umkleide, mit modischem lila Schal um den Hals, sondern zeigte auch, wen der Doppeltorschütze vom Samstag, Stiven Rivic, als Spintluder am Schrank hängen hat: Angela Merkel, mit Energie-Trikot.

Bernd Schneider

Im Gegensatz zu Caio blühte »Schnix« erst richtig auf, als er schon nicht mehr in Frankfurt spielte. Wer es nicht glaubt, kann es nun nachlesen: Auf seiner kürzlich online gegangenen Homepage hat er nicht nur jedes Spiel aufgelistet, das er je gemacht hat, sondern enthüllt auch, wer ihm das Autofahren beigebracht hat: Klaus Schlappner, damals sein Trainer in Jena. Den ehemaligen Waldhof-Mannheim-Coach lobt er: »Wir verstanden zwar nicht jedes Wort, wenn er schon mal ins Hessische, seinen Heimatdialekt, verfiel, aber das tat seiner Kompetenz und Autorität keinen Abbruch.«

Angriff

Luca Toni


I-Pod auf den Ohren, Lautstärke auf Anschlag: »You're so alone in the dolce vita, oh baby telephone...« Welche Tränen Louis van Gaal nachts in sein Kopfkissen einschließt, wollen wir vielleicht gar nicht so genau wissen. Dieser Tage dürfte aber eine dicke Träne mehr beim Blick über den Brenner kullern, wo Luca Toni bei AS Rom wieder die alte Torgefahr ausstrahlt und in 9 Pflichtspielen bereits 5 Tore erzielt hat. Zuletzt besorgte er im Spitzenspiel gegen Noch-Tabellenführer Inter Mailand in der 73. Minute den 2:1-Siegtreffer. Jetzt sitzt Rom den Mailändern mit nur einem Punkt Rückstand im Nacken. Den zuvor ausgedienten Luca Toni könnte man beim FCB in den nächsten Wochen gut gebrauchen, um den temporären Offensiv-Schlafsaal aufzuwirbeln. Aber es hilft nichts.

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