Die Eintracht und das Drama von Rostock

Immer Äggä für Manni

Am Samstag spielte Frankfurt in Rostock. Da war doch was... Richtig: Vor 19 Jahren wurde der Eintracht dort die Meisterschaft geklaut. Darüber sprachen wir mit Manni Binz. Der Ex-Libero klang relaxed. Nur eins quält ihn noch immer: Äggä. Die Eintracht und das Drama von Rostock

Als der Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz am letzten Spieltag der Saison 1991/92 der Frankfurter Eintracht eine Viertelstunde vor Schluss den eindeutigsten Elfmeter aller Zeiten verweigerte und sie so um die Meisterschaft brachte, brannten dem gefoulten Ralf Weber die Sicherungen durch. Ihm war egal, wo der Abschlag landen würde, auf den Berg aus Konz entschieden hatte. Ihm war auch egal, wie dieses Spiel nun ausgehen würde. Ihm war sogar das fünfte Gebot egal. Weber war alles egal, ja, er wollte diesem »Konz aus Berg« an Leib und Leben.

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Es hätte ein schlimmes Ende genommen, wenn Manfred Binz nicht gewesen wäre. Der Libero der Eintracht erkannte, dass sein Linksverteidiger im Begriff war, sich zu vergessen, eilte zu ihm, packte ihn und zerrte ihn mit aller Kraft vom verängstigten Unparteiischen fort. Er solle sich gefälligst zusammenreißen, stauchte er Weber zusammen, schließlich sei noch eine Viertelstunde zu spielen.

Doch Frankfurt verlor 1:2 in Rostock und musste den VfB Stuttgart an sich vorbeiziehen lassen. Der »Fußball 2000«, den Trainer Dragoslav Stepanovic ersonnen und seine Mannschaft zelebriert hatte, war grandios gescheitert. Nach dem Schlusspfiff, in der Endzeitstimmung des Ostseestadions, lief Ralf Weber noch einmal Amok, zerstörte eine TV-Kamera und brach dann zusammen. Das wollte und konnte Manfred Binz nicht mehr verhindern. Er trank eine halbe Flasche Wodka und hörte »The Show Must Go On« von Queen.

»Das war die schwärzeste Stunde in meiner Karriere«

Wir erreichen Manfred Binz am Telefon in Offenbach. Er erzählt relaxed von dem, was andere eine Tragödie nennen: die verlorene Meisterschaft. Kein Groll ist mehr in seiner Stimme, auch als er sagt: »Das war die schwärzeste Stunde in meiner Karriere«, klingt er milde. Im Hintergrund hört man Geräusche und Gemurmel wie in einer Eisdiele. Man kann sich diese Eisdiele gut vorstellen – und Binz darin, an diesem sonnigen Morgen in Offenbach, Cappucino trinkend.

Vielleicht erholt er sich noch immer von der Saison 1991/92 und dem Herkulesakt, den er vollbringen musste: die Elf von Eintracht Frankfurt zu einen. Sie war eine Ansammlung von Raubtieren, die Dragoslav Stepanovic in die Arena geworfen hatte, um zu sehen, was passieren würde. Auf wundersame Weise verwandelte sich ihr aggressives Potenzial dort in einen kreativen Wahnsinn, den »Fußball 2000«. Doch während Stepanovic sich als genialen Zampano feiern ließ, hatte Manfred Binz alle Hände voll zu tun, die Raubtiere daran zu hindern, sich gegenseitig aufzufressen.

Der stille Dompteur

Er, der Friedliebende, war die Integrationsfigur dieser Mannschaft, der Dompteur im Eintracht-Zirkus – auch wenn Uli Stein die Kapitänsbinde trug. Doch mit dem exzentrischen Keeper »gab es öfters mal Äggä«, erinnert sich Manfred Binz. »Äggä«, offenbacherisch für Ärger, ist das einzig ätzend Klingende in Binz’ geschmeidigem Sprachfluss. Er meckert es hinaus, dieses unsympathische Wort, dessen Bedeutung er verachtet: »Äggä«.

So wie er Ralf Weber zwang, sich zusammenzureißen, musste er eine Saison lang allen »Äggä« schlichten, der in Frankfurt schwelte und oft auch ausbrach. Er musste dem sensiblen Anthony Yeboah gut zureden, musste Uwe Bindewald und Dietmar Roth, den Ausputzern, das Gefühl geben, dass sie im Konzept des »Fußball 2000« gebraucht würden. Er musste Uwe Bein, den Dirigenten, davon abhalten hinzuschmeißen, weil dieser den »Äggä« satt hatte, und den Sonderling Andreas Möller in die Mannschaft integrieren. Dessen Berater, der dubiose Klaus Gerster, habe seinerseits für viel »Äggä« im Umfeld gesorgt, erzählt Binz. Möller selbst habe aufgrund seines astronomischen Gehalts den Neid der Kollegen auf sich gezogen. Auch das habe »Äggä« gebracht. Nicht einmal Präsident Matthias Ohms ersparte der Mannschaft »Äggä«, und sogar am Abend vor dem entscheidenden Spiel gegen Rostock in einem Hotel am Ostseestrand habe es »Äggä« gegeben.

Ätzender »Äggä«

»Äggä«, »Äggä«, »Äggä« – immer nur »Äggä«. Dieses Wort und die Assoziationen, die es auslöst, strapazieren Manfred Binz noch immer – viel mehr als die Fehlentscheidung des Alfons Berg aus Konz. Nicht diese einzelne Spielszene, so strittig sie gewesen sein mag, war die Ursache. »Äggä«: Das ist es, was die Frankfurter Eintracht die Meisterschaft kostete, jenes Wesentliche, das Binz nie aus den Augen verloren hatte. Er gab sein Bestes, um den »Äggä« zu bekämpfen. Es reichte nicht. Der stille Dompteur war gescheitert.

Man möchte ihm auch heute, 19 Jahre danach, noch gute Erholung wünschen. Eisbecher klirren aus Offenbach zu uns herüber. »Signore Biiinz!«, ruft jemand. »Ciao«, sagt Manfred Binz.

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