Die Drama-Queen Chelsea greift wieder an

London falling

Der FC Chelsea, das wissen wir, gehört einem sehr reichen Mann. Dieser Mann, das wissen wir auch, will endlich mal die Champions League gewinnen. Dieses Jahr versucht es die Dramaqueen Europas erneut. Wir erinnern an die verpassten Chancen der Vergangenheit.

Vor neun Jahren kaufte der russische Milliardär Roman Abramowitsch den hoch verschuldeten FC Chelsea. Seitdem hat dieser Mann Hunderte Millionen Euro in neue Transfers gesteckt, namhafte Trainer geholt und wieder rausgeschmissen. Zuletzt ereilte dieses Schicksal nach einer enttäuschenden Saison in der Premier League auch André Villas-Boas. Heute Abend will der FC Chelsea nun das schaffen, was ihm eigentlich schon keiner mehr zugetraut hatte: Den erneuten Einzug ins Halbfinale. An der Stamford Bridge reicht den Jüngern Abramowitschs im Rückspiel gegen Benfica Lissabon schon ein Unentschieden. 

Immerhin fünfmal in den vergangenen acht Jahren gelangten die Londoner bis in Halbfinale, einmal sogar ins Finale. Fast immer schien der Fußballgott nicht auf Seiten der »Blues« zu stehen. Ein Rückblick auf späte Ausgleichstreffer, das Versagen beim entscheidenden Elfmeter – und die verpassten Champions-League-Siege des Roman A.

2003/04: Das Ende vom »Pfuscher«

Nur dank denkbar knapper Siege gegen den VfB Stuttgart im Achtelfinale und FC Arsenal im Viertelfinale war der FC Chelsea in die Runde der letzten Vier eingezogen. Dort traf man auf den AS Monaco, der damals noch bessere Zeiten hatte als heute (gegenwärtig kämpfen die Franzosen gegen den Abstieg auf der 2. Liga). Nachdem Monaco vor heimischem Publikum mit 3:1 gewann, begrüßte Chelseas Trainer, Claudio Ranieri die Medienvertreter vor dem Rückspiel in der Pressekonferenz mit einem kernigen: »Hello my sharks, welcome to the funeral« (»Hallo meine Haie, willkommen zur Beerdigung«). Unter der Erde lagen die Londoner aber noch lange nicht und gingen an der Stamford Bridge 2:0 in Führung, was zum Einzug ins Finale gereicht hätte. 

Das vermeintliche Erfolgsrezept von Ranieri führte jedoch zum Untergang des Klubs. »The Tinkerman« (von »to tinker«, was so viel heißt wie »herumpfuschen«) machte seinem Spitznamen alle Ehre und wechselte den gestandenen Defensivspieler Mario Melchiot aus und Glen Johnson ein, um mehr offensive Impulse zu bringen. In seiner später erschienenen Biografie gab er zu, dass er die Führung zu einem hohen Sieg ausbauen wollte, um seine Position zu stärken. Zuvor hatte es nämlich ein Treffen der Vereinsführung mit José Mourinho gegeben. Das Ergebnis dieses unglücklichen Wechselspiels: Zwei Treffer des AS Monaco, Endstand: 2:2. Chelsea schied aus, Ranieri musste im Sommer 2004 gehen, nachdem er den Druck durch Abramowitsch öffentlich kommentiert hatte: »Look, I already have this sword embedded in me.« (»Seht, dieses Schwert steckt schon in mir.«). 


2004/05: »The Special One« betritt die Bühne

Im Sommer 2004 wechselte José Mourinho als Trainer vom FC Porto und frisch gebackener Champions-League-Sieger, an die Stamford Bridge. Abramowitsch hoffte nun, dem Titel dank des erfahrenen Portugiesen ein Stück näher zu kommen. Bei der Pressekonferenz zum Antritt beim FC Chelsea erhielt Mourinho seinen Spitznamen »The Special One«, und zwar deswegen: »Please don't call me arrogant, but I'm European Champion and I think I'm a special one.«

Schon das Achtelfinalhinspiel gegen den FC Barcelona im Camp Nou sollte ein besonderes Spiel werden. Der FC Chelsea ging zwar 1:0 in Führung, verlor am Ende aber noch mit 1:2. Mourinho warf Barca-Trainer Frank Rijkaard später vor, in der Pause das Gespräch mit Schiedsrichter Anders Frisk gesucht zu haben. Obwohl sich der Vorwurf als richtig herausstellte, bekam Mourinho eine Sperre von zwei Spielen. Frisk erhielt in der Folge Morddrohungen von Fans des FC Chelsea und beendete daraufhin seine Karriere.

Im Rückspiel konnte der FC Chelsea zwar innerhalb von zwanzig Minuten mit 3:0 in Führung gehen, doch Barca kam mit zwei Anschlusstreffern von Ronaldinho wieder heran. Hätte Terry für die »Blues« nicht noch auf 4:2 erhöht, wären die Londoner ausgeschieden. Im Viertelfinale schlug Chelsea die Bayern und scheiterte erst im Halbfinale gegen den Angstgegner FC Liverpool, dem zu Hause ein umstrittenes 1:0 durch Luis García reichte, nachdem das Hinspiel torlos geblieben war.

2006/07: Angstgegner FC Liverpool 

In der Saison 2005/06 war der FC Chelsea schon im Achtelfinale gescheitert. Nach einer 1:2-Heimniederlage konnten die Londoner dem FC Barcelona zu Hause zwar ein 1:1-Unentschieden abringen, das sollte zum Weiterkommen aber nicht mehr reichen.

Ein Jahr später trafen die »Blues« bereits in der Gruppenphase auf den FC Barcelona, was sie nicht daran hinderte, die Vorrunde als Gruppenerster abzuschließen. Teil des Kaders war der neue Stürmerstar Andrij Schewtschenko, der für die Rekordsumme von damals knapp 50 Millionen Euro vom AC Mailand gekommen war. 

Im Achtelfinale kam es dann zu einem Wiedersehen von José Mourinho mit seinem ehemaligen Klub FC Porto. Gegen die Portugiesen und im Viertelfinale gegen Valencia reichte Chelsea jeweils ein 1:1 und ein 2:1 zum Weiterkommen. Das Halbfinale gegen den Ligakonkurrenten FC Liverpool brachte dann den erwarteten Nervenkrimi. Weil es nach Addition von Hin- und Rückspiel 1:1 stand, musste das Elfmeterschießen entscheiden. Und weil Robben und Geremi nicht verwandelten – zogen die »Blues« den Kürzeren. Der Liverpooler FC unterlag erst im Finale dem AC Mailand.

2007/08: Der große Coup des Unbekannten...

Am 20. September 2007 wurde José Mourinho als Trainer des FC Chelsea entlassen und der Israeli Avram Grant als dessen Nachfolger vorgestellt. Grants Erfahrungen beschränkten sich auf eine vierjährige Traineranstellung als Nationalcoach Israels, so dass der Wechsel einen großen Bruch markierte. Nicht nur bezogen auf das Auftreten der beiden Männer: Grant stellte sich in Anspielung auf Mourinhos Antrittsrede mit einem »I'm not special, just normal« vor. Na ja. Außerdem standen die beiden Trainer für unterschiedliche Konzepte. Während für Mourinho vor allem das Ergebnis zählte, wollte Grant den von Abramowitsch geforderten attraktiven Fußball zeigen. 

Mit Siegen gegen Olympiakos Piräus und Fenerbahce Istanbul stürmten die Londoner einmal mehr ins Halbfinale, wo sie erneut auf den FC Liverpool trafen. Das Hinspiel endete an der Anfield Road 1:1, nachdem der Liverpooler John Arne Riise den Ball in der 90. Minute unglücklich ins eigene Tor köpfte. Auch im Rückspiel stand es nach der regulären Zeit durch Tore von Drogba und Torres 1:1. In der Verlängerung konnte der FC Chelsea in der 98. und 105. Minute auf 3:1 erhöhen, ehe Babel in der 117. Minute der Anschlusstreffer gelang. Doch es reichte für die Londoner, die erstmalig in ein Champions-League-Finale einzogen. Das Finale gegen Manchester United war der größte Erfolg in der Champions League-Geschichte des FC Chelsea. Es sollte jedoch auch eine der bittersten Niederlagen werden.

...und die große Enttäuschung

Alles begann wie erwartet: Manchester United spielte offensiv, während sich Chelsea zunächst vor allem in der eigenen Hälfte aufhielt. Nach einem Doppelpass mit Brown an der rechten Außenlinie flankte Scholes in den Torraum, wo der unbewachte Ronaldo in der 26. Minute zum 1:0 einköpfen konnte. In der Folge war United am 2:0 näher dran als die Londoner am Ausgleich. Eher überraschend gelang Lampard in der 45. Minute der Ausgleich. Erst in der zweiten Halbzeit wurden die »Blues« aktiver und dominierten das Spiel zunehmend. In der 78. Minute traf Drogba nur den Außenpfosten. Nach der regulären Spielzeit stand es in Moskau 1:1, woran auch die Verlängerung nichts mehr veränderte, die abgesehen von einer roten Karte für Drogba wegen einer Ohrfeige für Vidic nicht mehr viel Aufregendes hervorbrachte.

Es folgte ein Elfmeterkrimi. Von den ersten neun Torschützen scheiterte lediglich Ronaldo, so dass Terry den entscheidenden Elfmeter hätte verwandeln können. Was folgte, war für die Fans der »Blues« kaum zu fassen. Terry, der Routinier, rutschte weg wie ein Anfänger und setzte seinen Elfmeter an den rechten Pfosten. Beim Stand von 7:6 hielt Manchesters Edwin van der Sar den Elfmeter von Anelka, United wurde Champions-League-Sieger. 



2008/09: Last Minute Killer

Keine Champions-League-Saison vom FC Chelsea ohne Drama: Die »Blues« hatten im Achtelfinale Juventus Turin und im Viertelfinale Angstgegner Liverpool aus dem Wettbewerb geworfen und trafen im Halbfinale auf die Katalanen vom FC Barcelona, die im Camp Nou über ein 0:0 nicht hinauskamen. Im Rückspiel ging Chelsea mit einem Tor von Essien in der 9. Minute früh in Führung. Alles sah nach einem erneuten Finaleinzug aus. Doch bevor der Schiedsrichter zur Pfeife griff, kam Barca zum letzten Angriff. Was dann passierte, ist kaum zu beschreiben. Ganz simpel: Iniesta zog ab und erzielte in der Nachspielzeit den Ausgleichstreffer. Die »Blues«, am Boden, schieden aus.

 

2009/10: Neuer Trainer, neues Unglück

Mit Carlo Ancelotti von AC Mailand kam nach José Mourinho schon der zweite Trainer, der seinen Verein zuvor zum Champions-League-Titel geführt hatte. Der von Abramowitsch erhoffte Durchbruch blieb allerdings wieder aus. Chelsea flog bereits im Achtelfinale gegen Inter Mailand aus dem Wettbewerb. Ein Jahr später zogen die Londoner ins Viertelfinale ein, unterlagen dort aber dem Ligarivalen Manchester United. Ancelotti musste schließlich André Villas-Boas weichen, dessen Ablöse vom FC Porto satte 15 Millionen Euro kostete. Man gönnt sich ja sonst nichts. Er sollte nicht einmal ein Jahr lang den FC Chelsea trainieren und wurde im März 2012 entlassen. Co-Trainer Roberto di Matteo übernahm das Amt und soll die »Blues« noch bis zum Saisonende betreuen.

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