Die Defensive
Manuel Neuer
Darf man Manuel Neuer überhaupt kritisieren? Diesen Superkeeper, der normalerweise sogar Betonplatten parieren würde, wenn man sie auf sein Tor werfen würde. Darf man nun René Adler ins Spiel bringen? Eine Torwartdiskussion anzetteln, weil Manuel Neuer bei einem Gegentor etwas ungelenk aussah und bei einer Parade sehr unsicher? Weil vier Gegentore nicht unbedingt dafür sprechen, dass der Torwart ein Weltklassemann ist? Darf man Manuel Neuer also kritisieren? Ach, es ist ein schmutziger Job.
Jerome Boateng
Er bleibt ein Phänomen: Mit der Körpersprache eines verzogenen Nachwuchsrappers raste er knapp 60 Minuten übers Feld. Machte nach vorne viel Druck, ohne so richtig beängstigend zu sein. Hinten wirkt er indes phasenweise fahrlässig. Leider schaffte er es zu selten, seine zu Schau getragene Lässigkeit abzulegen, wenn es mal etwas enger wird. Die letzten beiden Tore fielen über seine Seite. Kein guter Arbeitstag.
Holger Badstuber
Bei den ersten beiden Gegentoren wirkte Holger Badstuber wie ein Erdmännchen, das in der Savanne auf den nächsten Heuballen wartet. Spätestens als ihm Johan Elmander beim dritten Gegentor den Ball durch die Beine ins Tor schoss, war klar: Es hat schon bessere Abende für Badstuber gegeben. Zu allem Überfluss stand für den Bayern-Verteidiger am Ende die Erkenntnis: Zu einem Verlierer gehört immer auch ein Gewinner. In diesem Fall: Mats Hummels.
Per Mertesacker
Musste gestern in der Defensive mit zwei zentralem Problemen leben: Zuerst wurde seine storchartige Beweglichkeit 60 Minuten lang dadurch überspielt, dass er fast nichts zu tun hatte. Im Gegenteil: Er konnte sogar ein Tor schießen. Doch als die Schweden dann zunehmend aktiver am Spiel teilnahmen, wurde er zusammen mit Badstuber von seinen Vorderleuten im Stich gelassen. Der erhöhte Druck der Skandinavier gab Mertesackers Defensivverhalten phasenweise groteske Züge. Kam gegen Ende viel zu oft, viel zu spät und verlor dummerweise auch noch den Ellbogenluftkampf gegen Ibrahimovic, an dessen Ende das 4:4 stand.
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Philipp Lahm
Rückte kurzfristig nach links und war wieder einmal so gut wie Lahm nun einmal glücklicherweise ist. Positiv: Er bereitete ein Tor mit vor, konnte ein äußerst wichtiges Laufduell gegen Ibrahimovic mit einer Weltklassegrätsche für sich entschieden und war lange Zeit beängstigend souverän. Dumm nur, dass vom Kapitän in der jetzt schon historischen Schlussphase kaum etwas zu sehen war. Machte im allgemeinen Trubel leider eine genauso mittelmäßige Figur wie alle anderen.
Bastian Schweinsteiger
Motzte nach dem Abpfiff auf Spanisch in den Berliner Nachthimmel (»Puta madre«) und sah aus, als hätte ihn ein Vierzigtonner angefahren. War zuvor über 90 Minuten präsent, ordnete das deutsche Spiel in Leadermanier und versuchte in der Schlussphase seine Mitspieler mit lauten Ansagen wachzurütteln. Leider erfolglos.
Die Offensive
Toni Kroos
Wenn er Maß nimmt, möchte man nicht zwischen Ball und Ziel stehen. Das mittlerweile renommierte Doppelsechs-Mitglied hatte auch gestern einige gute Situationen. Etwa einen Pfostenschuss oder die große Chance zum 5:3 kurz vor Ende der Partie. Und, ach, wie schön wäre dieses Tor gewesen? Wir hätten uns sämtliche Kaffee-Küchen-Kantinen-Experten-Gespräche ersparen können. Doch dann schlenzte Kroos den Ball Andreas Isaksson in die Arme. Und jetzt haben wir den Salat. Für alle, die heute noch produktiv sein möchten, hier ein Tipp, wie man sich nicht in dreistündige Gespräche verstrickt:
»Hast du das Spiel gestern gesehen?«
»Nein!«
Thomas Müller
Das müllersche Hakenschlagen in der Offensive ist für das deutsche Spiel fast unersetzlich. Zwar wissen weder seine Mitspieler noch er so genau, wohin die wilde Fahrt gehen wird, aber am Ende steht meist eine Torchance. Leider fehlt dem bayrischen Wirbel mal ein echtes Erfolgserlebnis. Und leider verlor er beim kollektiven Verwirrspiel gestern zu viele Bälle. Einer leitete direkt das 1:4 ein.
Mario Götze
Kam in der 67. Minute für Müller, dengelte ein bisschen mit dem Ball herum und hätte liebend gerne ins Hacke-Spitze-Einszweidrei der deutschen Offensive eingestimmt – doch das war zu dem Zeitpunkt bereits abgeschlossen. Merkte er zu spät. Dumm nur: Da stand es bereits 4:4!
Mesut Özil
War an der vielleicht besten Kombination der deutschen Fußballgeschichte beteiligt. Reus passte im Strafraum auf Özil, der mit einem – wir entschuldigen das Wort – »No-Look-Hacken-Pass« in die Gasse auf Müller weiterleitete. Dass Müller dann vergab, war fast Nebensache – wir lagen eh schon mit dem Rücken auf dem Boden und zuckten wie ein epileptischer Käfer. Ansonsten: Ein feines Tor, viel Außenristzauberei und andere Wunderstafetten, bei denen wir uns schon beim Zugucken die Beine brechen. Mesut, wir lieben dich! Ein bisschen.
Marco Reus
War spielfreudigster Spieler auf dem Platz. Von ihm gingen vor allem in der ersten Hälfte fast alle spektakulären Aktionen aus. Tauchte dann allerdings nach dem 4:0 ab und wurde zum richtigen Zeitpunkt ausgewechselt. Einer der klaren Punktsieger des Abends.
Miroslav Klose
Mit zwei Toren der Beinahe-Matchwinner der Partie. Er ist jetzt nur noch einen Treffer von Gerd Müllers Torrekord entfernt ist. Die Fans feierten ihn schon vor der Halbzeitpause. Doch dann kamen Lustig, Elm, Ibrahimovic, Elmander – und auch Klose tauchte unter.
Lukas Podolski
Der englische Held durfte noch fünf Minuten mitspielen. Zeugen berichten von einer Ballberührung.