Die deutschen Spieler in der Einzelkritik

Tage wie dieser

Müde. Mutlos. Ratlos. Weil mit Schweinsteiger und Özil die wichtigsten Spieler der Nationalmannschaft gegen Italien selten inspiriert wirkten, ist Deutschland raus. Die DFB-Auswahl in der Einzelkritik.

Manuel Neuer
Wäre Mario Balotellis Kopfball nur ein paar Meter weiter vom Tor entfernt abgefeuert worden, vielleicht hätte der vielleicht beste Torwart der Welt das 0:1 verhindern können. Und wenn Mario Balotelli nur ein wenig unpräziser geschossen hätte, vielleicht hätte der vielleicht beste Torwart der Welt auch das 0:2 verhindern können. So blieb Manuel Neuer nicht viel anderes übrig, als dem Treiben seiner Vorderleute zuzuschauen. Wenige Minuten vor dem Ende schaltete er sich sogar verzweifelt in die Offensivbemühungen der deutschen Mannschaft ein und wirkte dabei fast agiler als Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger zusammen. Schade, dass Deutschland nur einen Neuer hat.

Jerome Boateng
Der Rechtsverteidiger war in der Viererkette noch der auffälligste Akteur, mit seinen Vorstößen bewies er Mut, glücklos blieb er trotzdem. Bei aller Konstanz, die Boateng bei dieser EM an den Tag gelegt hat, wünschte man ihm auch gestern noch einen Spritzer mehr Aggressivität im Spiel, eine Prise mehr Jürgen Kohler oder Daniele de Rossi zum Beispiel. Dann hätte die Nationalmannschaft zumindest einen Spieler, der im Notfall ein wenig Angst und Schrecken verbreiten kann.

Mats Hummels
»Diesen Fehler«, analysierte Mehmet Scholl nach dem Spiel, »macht der Mats nie wieder. Nie wieder!« Schade nur, dass dem vielleicht besten Innenverteidiger dieses Turniers solch ein Anfängerfehler wie in der 20. Minute auf der rechten Abwehrseite gegen Antonio Cassano ausgerechnet im EM-Halbfinale passieren musste. Hummels wird damit umgehen müssen – und im Idealfall noch stärker zurück kommen.

Holger Badstuber
Man muss es so deutlich sagen: Gemeinsam mit Hummels war Holger Badstuber am ersten Gegentor Schuld. Geschickt hatte sich Mario Balotelli hinter Badstuber geschlichen, der ungeschickt zum Kopfball hoch stieg und sich schließlich düpieren lassen musste. Wie auch sein Partner auf der linken Seite, Philipp Lahm, blieb Badstuber zudem seltsam harmlos in seinen offensiven Bemühungen. Die schnellen Pässe in die Spitze, die klugen Flanken auf seine Stürmer – gegen Italien sah man nichts dergleichen. Selten hat das Milchbubi-Image, das dem Bayern-Spieler noch immer anhaftet, besser gepasst, als gestern gegen die Italiener.

Philipp Lahm
Noch nie hat man Philipp Lahm mehr zusätzliche Zentimeter gewünscht, als beim 0:2 durch Mario Balotelli. Da segelte eine Flanke von Montolivio knapp über den Schädel des 1,70 Meter großen Lahm hinweg, fand Balotelli, der den Ball ins Tor wuchtete. Müßig zu erwähnen, dass der Fehler nicht bei Lahm, sondern der gesamten Mannschaft lag, schließlich war dem Gegentor ein Eckball (!) vorausgegangen. War wie Kollege Badstuber erstaunlich ideenlos und suchte statt Stürmer und Mittelfeldspieler häufig Manuel Neuer. Fazit: Ein Lahm in Normalform reicht im EM-Halbfinale nicht.

Bastian Schweinsteiger
Schon nach einer halben Stunde musste man sich die Frage stellen: Warum stand Bastian Schweinsteiger überhaupt auf dem Platz? Klar, um seiner Mannschaft trotz der nicht vorhandenen Topform Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Doch selbst dazu war Schweinsteiger zu müde. Seine Bewegungen wirkten träge, vorhersehbar, ausrechenbar. So fehlte der deutschen Mannschaft ein entscheidender Ideengeber für die Offensive. Bittere Erkenntnis: Wenn der Kopf müde ist, kann der Körper auch nicht funktionieren. Bittere Erkenntnis 2: Noch vertraut Joachim Löw Sami Khedira nicht als alleinigem Herrscher in der ordnenden Zentrale. Sonst hätte er Schweinsteiger ausgewechselt.

Sami Khedira
In einem 90 Minuten lang behäbigen deutschen Mittelfeld war Khedira noch der auffälligste, weil mutigste Spieler. Im Gegensatz zu Mesut Özil oder Bastian Schweinsteiger hatte Khedira und den Esprit für Sololläufe oder Schüsse aufs Tor. Sein Volleyschuss in der ersten Halbzeit war noch die beste deutsche Szene. Dem Kampfgeist ehemaliger siegreicher Nationalspieler a lá Lothar Matthäus oder Matthias Sammer kommt Khedira noch am ehesten nach.

Toni Kroos
Er brenne auf seinen Einsatz, war Toni Kroos in den vergangenen Wochen nicht müde geworden, zu betonen. Dann beförderte ihn Löw gegen Italien in die Startelf und Toni Kroos brannte nicht. Ab und an ließ er seine Fähigkeiten aufflackern, aber gegen diesen Gegner wirkte das wie der hilflose Versuch im Graupelschauer ein Lagerfeuer mit feuchten Streichhölzern zu entzünden.

Mesut Özil
Man muss sich zusammen reißen, um Mesut Özil nicht die Empfehlung auszuschreiben, sich ein paar dicke Scheiben seiner Vorgänger Matthäus, Sammer, Effenberg oder Ballack abzuschneiden, um sich dadurch quasi mehr Mut und Courage anzufressen. Özil ist ein anderer Spielertyp. Kein Anführer, keiner, der beim Stand von 0:2 Andrea Pirlo umtritt, um dann mit hochrotem Kopf seine Mitspieler wachzurütteln. Özil ist ein Künstler und ein Künstler hat manchmal auch Kunstpausen. Schade nur, dass Özils Kunstpause nahezu die komplette EM andauerte.

Lukas Podolski
Leider: Ein Totalausfall. Gegen Portugal und Holland hatte man für seine schwachen Leistungen noch gute Erklärungen parat (Mithilfe in der Defensive), gegen Italien zog dieses Argument nicht mehr. Wo waren die wütenden Poldi-Angriffe über die linke Seite, wo der Schaum vor dem Mund, wo der Turnierspieler Lukas Podolski? Gegen Italien war Podolski ein Schatten seiner selbst, ein zögerlich spielender Mitläufer.

Mario Gomez
Es gibt zwei Möglichkeiten, Gomez´ Auftritt gegen Italien zu erklären. Erstens: Irgendetwas macht Joachim Löw falsch, dass er diesen fantastischen Torjäger nicht in das Spiel seiner Mannschaft integrieren kann. Zweitens: Irgendetwas macht Mario Gomez falsch, dass er in dieser fantastisch besetzten Mannschaft keinen Anschluss findet. Gegen Italien machte Gomez der Fußballphrase »in der Luft hängen« alle Ehre. Und weil seine Gegenspieler geschickt jegliche Anspiele auf den Mittelstürmer verhinderten, kam Gomez nicht einmal zum Abschluss. Die Beziehung Nationalmannschaft-Mario Gomez braucht dringend eine Paartherapie.

Miroslav Klose
Man muss es Joachim Löw wohl ankreiden, dass er Miroslav Klose nicht von Beginn an brachte. Gegen Italien brauchte es Mut, Einsatzfreude und, ja, auch Eier in der Hose. Klose bewies, dass er diese drei entscheidenden Eigenschaften weiterhin besitzt. Seine erfolgreiche Grätsche von hinten Mitte der zweiten Halbzeit hätte ein Signal für seine Mitspieler sein können, aber die waren entweder zu müde (Schweinsteiger, Lahm) oder gestern einfach nicht in der Lage Signale jedweder Art zu verstehen (Kroos, Özil). So blieb Kloses Einsatz in der zweiten Halbzeit ein kleines Feuer, dass die italienische Feuerwehr bald problemlos gelöscht hatte.

Marco Reus
So wie Marco Reus haben deutsche Fußballfans Lukas Podolski in Erinnerung: Mutig, trickreich, mit einer ordentlich Portion Geilheit auf das Spiel. Leider kam Reus erst nach 45 Minuten und da stand es schon 0:2. Schade, dass seine erste gute Aktion in einem Kullerball versandete, wer weiß, was passiert wäre, wenn...

Thomas Müller
Müller ging es letztlich wie seinen Kollegen Lahm und Schweinsteiger: Die lange Bayern-Saison, die tragische Finalniederlage gegen den FC Chelsea, haben ihre Spuren hinterlassen. Selbst bei einem Typen wie Müller, der in den vergangenen zwei Jahren so unzerstörbar wirkte wie Plastik in der Hochsee. Gegen Italien hatte Müller allerdings nur 19 Minuten Zeit, um sich ins Halbfinale reinzuwühlen. Als er seinen Drive gefunden hatte, war das Spiel auch schon vorbei.

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