Die deutschen Spieler in der Einzelkritik

Silberlocke, Tigerschuss und Apfelschürrle

Mit 4:2 überrollte Deutschland defensive Griechen. Aber war auch alles Gold, was glänzt? Unsere Einzelkritik sah Neuer den Greenkeeper mimen, Lahm als Benjamin Button und eine Explosion von Mesut Özil.

Manuel Neuer

Hatte sich vor dem Spiel gewundert, wie die Griechen überhaupt zu Toren kommen. Bekam zwei eingeschenkt und war trotzdem nicht schlauer. Beim Ausgleich versagten die besten Hoden der Welt den Dienst. Ansonsten füllte Neuer die Vierer- zur Fünferkette auf, prüfte in akribischer Regelmäßigkeit die Rasenqualität um den Mittelkreis und ballte bei deutschen Offensivaktionen die Fäuste. Auch das regelmäßig, nämlich viermal.

Jerome Boateng

Ersetzte Senkrechtstarter Bender, fing aber eher horizontal an, sprich: flach. Im Angriff mutlos, beim Ausgleich überrannt. Auch wenn der ZDF-Schutzbefohlene Béla Réthy den Berliner zu decken versuchte (»Der Fehler lag vorne«), lag der Fehler natürlich auch hinten, sprich: bei Boateng. Seinem ersten Sprint war anzusehen, dass er den Griechen den Steilpass auf Salpingidis nicht zugetraut hatte. Seinem zweiten Sprint war anzusehen, dass er Salpingidis den Querpass auf Samaras nicht zugetraut hatte. Ein dritter Sprint wurde obsolet, weil der Ball da schon hinter Neuer im Netz lag. In der Schlussphase mit den Händen so fehlgeleitet wie zuletzt bei Gina-Lisa.

Mats Hummels

Der beste Innenverteidiger der Euro blieb auch gegen die Griechen ohne Fehl und Tadel. Probierte sich an dem Vorhaben, seine Zweikampfbilanz auf 120 Prozent zu schrauben. Wenn diese mathematische Unmöglichkeit jemandem gelänge, dann Hummels. Der Dortmunder spielt manchmal absichtliche Fehlpässe, nur um den Ball dann mit pirouettiertem Tackle zurückgewinnen zu dürfen. Zinédine Zidane ist ein großer Fan von ihm. Wir auch.

Holger Badstuber

Wenn er wütend wird, erinnert Badstuber an den Beißer aus »Moonraker« und »Der Spion, der mich liebte«. In solche Momenten verkantet sich seine ganze Physiognomie und der Oberkiefer mahlt bedrohlich. Gestern gab es indes nur selten Anlass, wütend zu werden. Die Griechen bissen sich an ihm (und Kollege Hummels) die Zähne aus. Joachim Löw ist ein großer Fan von ihm. Wir auch.

Philipp Lahm

Lässt sich der Linksverteidiger etwa in Brandy konservieren wie einst Admiral Horatio Nelson? Alterte in der 39. Minute um sechs Jahre zurück. Zog als der Lahm aus dem Sommermärchen nach innen, und Griechenland war nicht Griechenland, sondern Costa Rica. Im Ertrag glichen sich die beiden Parallelwelten wieder aus, es stand hernach 1:0 für Deutschland. 2006 reloaded. Im Halbfinale darf Lahm aber gerne wieder der Lahm der Jetztzeit werden, damit die deutschen Ambitionen nicht an Italien zerschellen.

Bastian Schweinsteiger

Lässt sich definitiv nicht in Brandy konservieren, das belegen schon die ergrauten Schläfen. Ein schläfriges Grauen waren Schweinsteigers Fehlpässe in der Anfangsviertelstunde – gefühlt zehn, gezählt vier. Häuptling Silberlocke keilte sich irgendwann, im Windschatten des jugendlichen Sami Khedira, in die Partie, auch weil er sicherlich nicht seine eigens herbeigejetsettete Duz-Freundin Merkel enttäuschen wollte. Die Staatsmutter dankte ihm die ansteigende Formkurve im zweiten Durchgang mit entrücktem Klatschen.

Sami Khedira

Tanzt derzeit auf der Sonnenseite des Lebens. Verlobt mit den längsten Beinen Deutschlands, verliebt in die Rolle des box-to-box-players, verheiratet im defensiven Mittelfeld mit Bastian Schweinsteiger. »Vielleicht der kompletteste Spieler im Team von Joachim Löw«, tönte das ZDF in einem Teaser und könnte damit Recht behalten. Khedira ist überall. Hinten im Zweikampf, vorne beim Brachialvolley. Sein Tor öffnete die Tür zur Transzendenz des Paradieses. Alles wurde Licht. Sonnenseite eben.

Offensive: Von Reus bis Götze

Marco Reus

Rotierte für Müller in die Mannschaft und stand dem bajuwarischen Tingeltangeltob nichts nach in Sachen Schlangentanz. Macht andere Wege mit mindestens der gleichen Effizienz. Hätte sich schon in der ersten Halbzeit in den deutschen Olymp ballern können, aber entweder war sein Spann zu dünn oder der Ball zu breit. Viele, fast alle Kombinationen liefen über den Neu-Dortmunder. Raketete in der 74. Minute das 4:1 via Tigerschuss ins Netz. Hätte diese Gelegenheit natürlich auch mit der Seite einschieben können, flach und unaufregend, das Tor klaffte ja leer. Erinnerte sich aber daran, dass deutsche Mannschaften neuerdings spätestens in der K.O.-Phase dem Spektakel verpflichtet sind. Bleibt so ein Startelfkandidat.

Mesut Özil

Sie wurde herbeigesehnt, -geschrieben und -gepöbelt, die Explosion des Mesut Özil. Die Fanmeilen des Landes waren sich einig: Der spielt bei Real Madrid, der muss zaubern, alles andere als wilde Hackenpässe in dieser Kategorie inakzeptabel! Wer den ZDF-Teaser vor dem Spiel sah, konnte ob der großen, trauerverhangenden Augen des deutschen Regisseurs Angst bekommen, ob der dem Druck gewachsen sei. »Manchmal klappt eben nicht alles«, sensibelte Özil. Manchmal aber eben auch doch. So wie gestern. Eine Explosion. Danke.

André Schürrle

Rotierte für Podolski in die Mannschaft und stand der rheinischen Frohnatur nichts nach in Sachen Offensivdrang. Macht andere Wege, aber mit mehr Effizienz. Hätte sich schon in der ersten Halbzeit in den deutschen Olymp ballern können, aber entweder schoss er daneben oder das Tor stand falsch. Eine Belebung der linken Seite, die im Dänemark-Spiel fast den klinischen Tod gestorben wäre. In Berlin durfte der Autor dieser Zeilen am gestrigen Abend dann auch tatsächlich einen Mittfünfziger beobachten, der als Getränk, jovial lachend, »eine Apfelschürrle, bitte« orderte. Das ist zwar widerlich, belegt aber immerhin die starke Leistung des Leverkuseners.

Miroslav Klose

Der alte Mann und das Mehr an Toren. Empfahl sich als gefälliger Kombinierer in der Spitze, von dem vor allem Mesut Özil (siehe: Explosion) profitierte. Auch wenn ihm manche Bälle im Danziger Kartoffelacker versprangen, wirkte Klose juvenil und frisch. Dass sein Kopfballspiel ganz okay ist, wissen eigentlich auch alle. Bis auf die Griechen.

Thomas Müller (ab 67. Minute)

Schlangentanzte engagiert von links nach rechts und wieder zurück. Musste er auch, weil die interne Konkurrenz um Reus und Schürrle vorgelegt hatte. Ließ beim Jubel nach Spielende nicht erkennen, wie sehr ihn die Entscheidung des Bundestrainers wurmte. Gut so. Wir brauchen einen ausgeglichenen Müller, wenn die dicken Brocken kommen.

Mario Gomez (ab 80. Minute)

Ohne großes Highlight, ohne großes Lowlight. Fand sich auf der Bank wieder, weil die defensive Statik der Griechen den mitspielenden Klose bevorteilte. Darf vielleicht schon gegen Italien oder England wieder seinen Dreiwettertaft durch die gegnerischen Strafräume wuchten. Früher hießen die Alternativen Paulo Rink und Carsten Jancker.

Mario Götze (ab 80. Minute)

Endlich durfte auch der im Vorfeld des Turniers zum Durchstarter getippte Götze debütieren. Das German Wunderkind deutete mit verknotenden Dribblings sein gewaltiges Potential an. Für einen Geniestreich fehlte ihm die Zeit und der deutschen Mannschaft beim Stand von 4:2 die Muße. Aber die Zukunft leuchtet uns golden am Horizont entgegen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!