Die deutschen Spieler in der Einzelkritik

Das ganze Leid dieser Welt

Neuer tanzt auf der Rasierklinge, Bender empfiehlt sich für London 2012, Klose rutscht auf seiner Erfahrung aus und Mesut Özil leidet - Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik.

Manuel Neuer

Fast so beschäftigungslos wie das Flughafenpersonal Berlin-Brandenburg. Irgendwann kam ihm der Gedanke, seine fußballerischen Fähigkeiten könnten sich noch nicht bis nach Dänemark herumgesprochen haben. Wollte deshalb unbedingt den Beweis derselben erbringen. Dribbelte in der ersten Halbzeit gegen Krohn-Dehli, ging nach der Pause ins Laufduell mit Bendtner. »Da hat er nichts zu suchen«, bellte Tom Bartels, einer Panikattacke nahe. Weil beide Male nichts passierte, werden die Ausflüge unter modernem Torwartverhalten verbucht. Beim Gegentor allerdings auch als moderner Torwart ohne Chance.

Lars Bender

Mehr Kitsch hätten auch die Drehbuchschreiber vom »Forsthaus Falkenau« nicht in diese Partie pressen können. Bender avancierte bei seinem Startelfdebüt zum Helden. Zwar wird der Wahnsinnige, der ihn beim Eckball dem dänischen Funkturm Bendtner zuteilte, noch per Haftbefehl gesucht – aber davor und danach verteidigte Bender den rechten Flügel solide. Empfahl sich in der 80. Minute mit einem Carl-Lewis-Gedächtnissprint über die volle Distanz für Olympia 2012. Bekam Applaus von allen Seiten (Höwedes, Boateng, Löw, Drehbuchschreiber). Und jetzt? Sieht Schattenbundestrainerin Gina-Lisa vielleicht einen Zweikampf mit ihrem Jerome.

Holger Badstuber

Klotzte mit der Physiognomie eines Wandschranks die spärlichen dänischen Angriffe weg. Paktierte mit Partner Hummels im Bestreben, die meisten Ballkontakte via Querpass zu sammeln. Das klappte ganz gut, war aber eigentlich schlecht, weil es die mangelnde Bewegung im deutschen Mittelfeld spiegelte. Wurde einmal von einem Flugball auf (natürlich) Bendtner überrascht, wollte die Überraschung mit feistem Textiltest ausgleichen. Schiedsrichter, denen die Pfeife lockerer im Mundwinkel klebt, haben dafür schon Elfmeter gegeben.

Mats Hummels

Der Orlando Bloom der deutschen Defensive schwebte über den Rasen wie weiland Legolas. Hat sich bei Lahm die halbgestandene Sprunggrätsche abgeschaut, die inklusive Horizontaldrehung in sofortigem Gegenstoß mündet. Kann Angriffe mit jedem Körperteil abfangen, im Zweifelsfall mit seinem Moustache. Übernahm nach dem Ausgleich die Bewachung von (natürlich) Bendtner bei hohen Bällen jedweder Art. Bekam leider, anders als gegen die Niederlande, offensiv nicht die Gelegenheit, mit keckem Grinsen durch einen Bildausschnitt zu spazieren, in dem drei Gegenspieler die Erfindung des Fußballs verfluchen.

Philipp Lahm

Trieb den Ball so oft nach innen wie sonst nur Arjen Robben. Fand aber selten einen Abnehmer. Im Zweikampf stark, in Zentimetern klein, im Aftermatchinterview heiser. Zwar ist Lahm immer heiser, gegen Dänemark hätte die kratzige Stimme aber auch vom Dauerkommando rühren können, mit dem er seine Kollegen zu dirigieren suchte. Summa summarum ein umsichtiger Kapitän, der sich den Lutschbonbon verdient hat.

Sami Khedira

Hätte den Award, der später Podolski (siehe Podolski) verliehen wurde, sehr viel mehr verdient gehabt. Warpte sich von Strafraum zu Strafraum, spielte die Pässe, die Özil, der mit anderem beschäftigt war (siehe Özil) nicht spielen konnte, biss, trieb, kämpfte, siegte. Stellte Schweinsteiger klar in den Schatten und den deutsche Fans unter Beweis, dass er bei Mourinho einen Entwicklungssprung gemacht hat wie sonst nur Pubertierende zwischen 15 und 17. Heimlicher Man of the Match.

Schweinsteiger bis Kroos

Bastian Schweinsteiger

Hätte den Award, der später Podolski verliehen wurde, nicht verdient gehabt. Weniger Hollandform, mehr Portugalstyle. Wählte auch bei temporeichen Angriffen die sichere Variante, auf den Ball treten, hintenrum, Neubeginn. »Ich werde noch meine Topform erreichen, ich weiß nur nicht wann«, hatte Schweinsteiger auf einer Pressekonferenz neulich gesagt. Nach der Leistung gegen Dänemark kann getrost bilanziert werden, dass es noch so weit nicht ist.

Thomas Müller

»Man muss ihn einfach lieben«, verguckte sich Tom Bartels am Mikrofon in diesen Müller und meinte dessen Art abseits des Rasens, die bayerische Lausbubenhaftigkeit und die Bodenständigkeit des Frühverheirateten. Man konnte Müller aber auch lieben für seine Art auf dem Rasen, die bayerische Lausbubenhaftigkeit, die fintenreiche Reife des Frühdurchgestarteten. Schaltete vor dem 1:0 in den Müller-Shuffle. Wildes Hüftgewackel, kurzer Antritt, enthemmter Jubel. Auch danach einer der Aktivsten in einer passiven Offensive. Dazu immer wieder faszinierend, wie er sich nach vergebenen Chancen in 70er-Manier die Haare rauft.

Mesut Özil

In seinem Blick versammelt sich beizeiten das ganze Leid dieser Welt. Gestern haderte, klagte, schimpfte, zornte Özil. Mit dem Linienrichter, dem Referee, sich selbst und dem Trägheitsgesetz, das die deutsche Offensive erlahmen ließ. Hätte bestimmt auch in der 80. Minute gehadert, geklagt, geschimpft und gezornt, wenn nicht noch Carl Lewis zu dem eigentlich an Miro Klose adressierten Steilpass gesprintet wäre. Da wich das trauerverhangene Gesicht dann auch mal einem Lächeln. Einem kleinen zumindest.

Lukas Podolski

Hatte die gleichen Skriptwriter wie Lars Bender engagiert, die ihm folgerichtig das 44. Tor in den 100. Einsatz schrieben, und später den Man-of-the-Match-Award. Freute sich über den strammen Rechtsschuss mit einer nicht auszumachenden Person auf der Tribüne. Vielleicht dem Lukas Podolski der WM 2010? Denn der stand, unabhängig vom Führungstreffer, nicht auf dem Platz. Es heißt gerne und oft, Podolski leiste viele unsichtbare Aktionen für die Mannschaft. Okay. Über ein paar mehr sichtbare Aktionen würde sich der gemeine Schland-Fan trotzdem freuen.

Mario Gomez

Muss jetzt um die Torjägerkanone bangen. Bei zwei Gelegenheiten so glücklos wie Donald Duck. Lag sich nicht wund, riss aber auch keine Wunden in das dänische Gemüt. Ein Auftritt, den man (drehen und) wenden kann, wie man will – er war glücklos.

André Schürrle

Kam, sah und vergab das mögliche 2:1. Der Mann, der fast so leidend dreinschaut wie Mesut Özil, mauserte sich dennoch zum belebenden Element in der Offensive. Weil Schürrle gerne nach innen zieht, durfte Philipp Lahm diesen Laufweg endlich einstellen. Bleibt die erste Option für den linken Flügel, wenn Podolski weiterhin mit unsichtbaren Aktionen vorlieb nimmt.

Miroslav Klose

Der Oldie braucht keine Anlaufzeit. Warf sich mit vollem Einsatz in jede Situation – und auch auf Lars Bender, als der die erlösende Führung besorgte hatte. War bei Özils Steilpass mit all seiner Erfahrung extra ausgerutscht, um dem debütierenden Jungspund das Leder zu lassen. Clever. Und smart.

Toni Kroos

Kam zu spät, um Eindruck zu schinden, aber früh genug, um mitzufeiern. Grinste bei seiner Einwechslung so breit wie sonst nur Jack Nicholson, machte uns den Joker ohne besondere Auffälligkeiten.

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