31.08.2013

Die Chaos-Reisen eines 11FREUNDE-Redakteurs

Angst, Schweiß und Joey Barton

Seite 2/3: Ich habe noch einen Koffer in Wuppertal
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Imago

Tatsächlich kam ich in Marseille an. Das Problem: Der Trainingsplatz lag genau am anderen Ende der Stadt. Also sprang ich in ein Taxi, gab die Adresse durch und entsann mich meines Französisch-Unterrichts in Klasse sieben. Vor allem an eine Stelle im Schulbuch, in der Stephane und Aurelie zur Radtour aufbrechen wollten, es war dimanche matin und so, da stand eine Sprechblase: »Vite, vite.« Was wahrscheinlich so viel hieß wie: »Los, los.«

Ich rief dem Taxifahrer also zu: »Vite, vite.« Natürlich ohne zu wissen, dass dies endgültig den Jean Alesi in ihm freisetzen würde. Nur etwas schneller und wir wären mit Michael J. Fox in die Zukunft gereist.

Joey Barton hatte übrigens weder unseren Brief noch die Mails erhalten. Nach drei Stunden Interview mit ihm fiel mir ein, dass ich nur vier Stunden geschlafen und nahezu nichts gegessen hatte. Und dennoch wollte der vereinseigene TV-Sender noch ein Interview mit mir über mein Interview mit Joey Barton aufzeichnen. Beim Blick in den Spiegel fiel mir auf, dass ich nunmehr Marilyn Manson glich. Ich glaube, dass sie in Marseille 11FREUNDE seitdem für ein Gothic-Magazin halten.

Duisburg

Stromausfall und Stau

Für die Geschichte über den turbulenten Sommer des MSV arbeitete ich dankenswerter Weise mit dem großartigen Kollegen Michael Wildberg zusammen. Wir mussten uns beinahe täglich abstimmen, telefonierten und mailten zeitweise im Stundentakt, trafen uns dann vor Ort. Wieder griffen höhere Mächte ein, die Handy-Ladekabel verschwinden ließen, uns in mehrere Staus im gesamten Ruhrgebiet schickten und sogar für einen Stromausfall sorgten.

Und dennoch schafften wir es irgendwie, die Geschichte nur Stunden vor dem Redaktionsschluss fertig zu stellen. Allerdings hatte diese Arbeit wohl Auswirkungen auf meinen geistigen Zustand, denn zurück am Berliner Hauptbahnhof merkte ich auf dem Vorplatz, dass meine Reisetasche gerade ohne mich bis zum Ostbahnhof weiterfuhr.

Lakonische Bahn-Mitarbeiter

Ich sprintete zur S-Bahn, erreichte den Ostbahnhof dann noch rechtzeitig, um den gerade ausfahrenden ICE hinterherzuwinken. Er fuhr in die »Abfertigungshalle«, wie mir am DB-Schalter mitgeteilt wurde. Ich solle im Netz konkrete Angabe zur Tasche, meiner Person und dem Inhalt der Tasche machen und dann abwarten. »Das kommt auf jeden Fall zurück«, sagte der Bahnmitarbeiter. In der Tasche befand sich eine Anzughose und -sakko sowie weitere, getragene Kleidung. Ich ging davon aus, dass es nur hart getroffene DB-Mitarbeiter in der Abfertigungshalle auf meine dreckige Wäsche absehen würden und tat, wie mir geheißen.

Zwei Tage später klingelte ich beim Fundbüro am Bahnhof Zoo durch, um mich über den Stand der Ermittlungen zu erkundigen. Antwort: Noch nix angekommen, aber die Tasche komme zu 80 Prozent zurück. 80 Prozent, das war schon einmal etwas pessimistischer als »auf jeden Fall«. Wiederum zwei Tage später waren es dann nur noch 40 Prozent, dann fünf Prozent und nach einer Woche hieß es: »Die Tasche können sie abschreiben.« Das tat ich. Bis ich nach zwei Wochen einen Anruf erhielt. Meine Tasche sei aufgetaucht, erklärte mir ein Mann mit dunkler Stimme. Er nannte mir die Straße. »Super«, sagte ich, kannte die Straße aber nicht.

Wo ist die Hose?

»Wo in Berlin ist das denn?« Aus dem Hörer kam eine Melange aus Lachen und Raucherhusten und mit der DB-Mitarbeitern eigenen lakonischen Art antwortete der Mann: »Ich weiß nicht, ob es die Straße in Berlin gibt. Wir sitzen in Wuppertal.« Ich weiß nicht, warum der bundesweite Fundservice seinen Sitz in Wuppertal hat oder warum meine Tasche trotz detaillierter Beschreibungen meiner »aufgegebenen Fundangelegenheit« Berlin verließ.

Ich weiß nur, dass die Tasche wieder zurück kam, allerdings ohne Anzughose und -sakko. Ich erzählte dem Postzusteller die Geschichte dazu. Und Postzusteller wären nicht Postzusteller, wenn sie nicht verständnisvoll anmerken würden: »Einfach unterschreiben.«

 
 
 
 
 
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