Die Chaos-Reisen eines 11FREUNDE-Redakteurs

Angst, Schweiß und Joey Barton

Ohne Ticket am Brüsseler Flughafen, ohne Strom im Ruhrgebiet und ohne Geld in Liverpool. 11FREUNDE-Redakteur Ron Ulrich berichtet über drei kuriose Reisen zu seinen Reportagen. Er trifft Jean Alesi und wird zu Marilyn Manson.

Manchmal glaube ich, dass ich mit Chevy Chase verwandt bin. So wie er in den achtziger-Jahre-Filmen mit der Griswold-Familie von einem Chaos-Ausflug zum nächsten stolpert, verbrachte ich in diesem Jahr meine Reportagereisen. Bedingt durch eine Mischung aus Tollpatschigkeit, Pech und Kommunikationsproblemen tapste ich durch Marseille, Duisburg und Liverpool.

Marseille

Die Fata Morgana

Wie lange waren wir schon hinter Joey Barton her? Diesem Skandal-Profi, der im Knast saß, aber auch Nietzsche zitierte und den Hillsborough-Hinterbliebenen half. Ein Talent des englischen Fußballs, das mehrmals die falsche Abbiegung genommen hatte. Wir schrieben unzählige Mails, gar einen persönlichen Brief, riefen bei seinen Arbeitgebern an, erst bei den Queens Park Rangers in England, dann bei Olympique Marseille. Immer wieder erfolglos. Der Medienbeauftragte der Rangers wiederholte stets, Barton habe zwar alles gelesen, aber momentan einfach keine Zeit. Es kämen buchstäblich hundert Anfragen pro Woche für Barton, teilte er mit.

Spätestens da waren Zweifel ob der Glaubwürdigkeit der englischen Pressesprecher angebracht und ein Treffen mit Joey Barton drohte zu einer Art Fata Morgana zu werden, wie so manch ein geplantes Interview in dieser Redaktion zuvor. Mit hechelnder Zunge waren schon unzählige Kollegen Terminen mit Fußballern nachgejagt, bevor diese zu Staub zerfielen. Noch heute löst allein die Nennung eines bulgarischen Ex-Profis auf dem Redaktionsflur Atemnot beim resignierten Kollegen aus.

Doch bei Barton war es anders. Auf anderen Wegen kam es zu einer konkreten Kontaktaufnahme und tatsächlich zu einem Termin. Am 17. Januar 2013 um 14 Uhr auf dem Trainingsgelände in Marseille. Bestätigt von seinem Berater, seinem Kumpel und dem Mann, der seine Homepage betreut (ja, tatsächlich) – und von Olympique Marseille.

Ich machte mich also auf den Weg und nahm den frühesten Flug von Berlin aus, um 4:30 Uhr klingelte der Wecker. Hauptsache keinen Stress, dachte ich mir bei der Reiseplanung. Glücklicherweise wird das gerade in der Berliner S-Bahn auf dem Weg zum Flughafen vorgelebt, finden sich hier doch häufig entspannte Zeitgenossen, die bäuchlings im Durchgang liegend ihren Rausch ausschlafen.

Ohne Ticket in Brüssel

Es ging zum Zwischenhalt nach Brüssel. Dort angekommen, verkündeten die Tafeln die frohe Botschaft, dass der Anschlussflug nach Marseille geschlagene drei Stunden Verspätung haben werde. Wenn ich mich recht erinnere, sollte der Flieger gen Frankreich dann um 13:36 Uhr in Brüssel abheben, um 14 Uhr war der Termin auf dem Trainingsplatz in Marseille. Man musste kein abgeschlossenes Studium in Geografie und Mathematik in der Tasche haben, um zu ahnen: Das könnte knapp werden. Ich verhandelte mit der Frau am Schalter und war kurz davor, auf einen Flug nach Nizza umzubuchen, um dann von dort mit dem Zug nach Marseille zu fahren. Rechtzeitig kam aber die Meldung, dass sich auch dieser Flug verspäten werde.

Ich ging erst einmal raus an die Luft. Als ich noch einmal routinemäßig in meine Jackentasche griff, durchfuhr mich ein Schauer. Statt des Flugtickets ertasteten meine Hände nichts. Vielleicht kennen manche dieses Gefühl, wenn sie einen Schlüssel oder das Handy verloren haben. Man greift geschätzte 20 Mal an die Stelle, wo es zuletzt war, und wartet etwas, bevor man das leichte Gefühl der Panik vom Bauch bis an die Halsschlagader heraufkriechen spürt.

Ich sah mich schon in der Redaktionskonferenz der Frage konfrontiert: »Wie war's mit Joey Barton?« und hörte mich antworten: »Ach, lustige Geschichte, ich bin nur bis Brüssel geflogen. Wo wollen wir übrigens heute Mittag essen?«

Mr. Youlrick

Genau in diesem Moment riefen nacheinander der Pressesprecher von Marseille, der unausweichliche Homepage-Betreuer von Joey Barton, der Fotograf vor Ort und unser Foto-Chef an. Mit dem Handy am Ohr hastete ich durch den Brüsseler Flughafen, vorher durch die Sicherheitskontrollen, Gürtel abnehmen, Personalausweis zeigen, schreienden Kindern ausweichen, Schuhe ausziehen – das ganze Programm. Kurz bevor ich bereit war, das Duty-Free-Schnapsregal zur Notbeatmung zu missbrauchen, erkannte ich erstmals die helle Stimme einer Frau über den Lautsprecher. »Mister Youlrick«. Ich hatte meine Papiere wohl am Schalter vergessen, doch die Durchsagen bisher ignoriert, weil diese Aussprache meines Nachnamen für meine Ohren noch völlig fremd war.

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