Die Chaos-Chronologie des HSV (Bilderstrecke)
Rage Against The Machine
Erfolg heißt einmal mehr aufstehen, als hinfallen. So die These, die erfolgshungrige Ökonomen in Managerseminaren gerne zu hören bekommen. Die Antithese dazu heißt: HSV. Die Chronologie des Irrsinns. Die Wut des Frank Rost.
Ein Reporter wäre gar nicht nötig gewesen. Nicht mal eine Kamera. Frank Rost war so in Rage, dass er sich vermutlich selber vor seiner eigenen Handycam interviewt und den Mitschnitt über die Kanäle gejagt hätte. »Man hat wieder mal gesehen, wie labil das Ganze ist und wie schnell es auseinander bricht«, schimpfte der Mann. »Der HSV ist ein wankender Riese, und das unterschätzen viele, weil sie ihre persönliche Situation, ihre persönlichen Egoismen immer nach vorne stellen!« Man darf sich dieser Tage zurecht ein wenig wundern, warum der HSV-Torwart nicht schon längst mal bei »Vera am Mittag« oder »Britt« oder anderen öffentlichen und frei zugänglichen Hass-Ventilen im deutschen TV aufgetreten ist.
Viele Fußballanhänger lieben solche Typen, ehrliche Männer, die irgendwie aussehen wie aus einer anderen Fußballepoche, und die dann auch noch reden, als würden sie später mit ihnen, den Fans, am Kneipentresen Korn und Pils vernichten. Typen, die sich gegen »die da oben« wehren und nicht, wie all die Mitläufer des modernen Fußballs mit seinen Filtermechanismen und Wortobservierern, in der Masse verschwinden. »Mitläufer!«, röhren die Fans diesen Spielern zu, und meinen dann vielleicht Guy Demel, der nach dem Spiel in München geduckt von dannen lief: »Wenn ich etwas sage, bekomme ich vielleicht ein Problem.« Immerhin gibt es neben Frank Rost noch einen HSV-Profi, der manchmal etwas sagt. Mladen Petric findet jedenfalls, dass »Frank die Sachen schon irgendwie auf den Punkt bringt«.
Rost und Demel sprechen nicht miteinander
Zuletzt wurde beim HSV sehr wenig auf den Punkt gebracht, und vielleicht werden Rosts Aussagen daher als so etwas wie eine fachkundige Analyse begriffen. Denn so verknotet sich das Vereinskonstrukt des HSV in den letzten Monaten zeigte, so offenbaren sich nun auch Rosts Ausführungen. Heute bedankt er sich bei dem »ehrlichen« und »aufrichtigen« Armin Veh, den er doch eigentlich gar nicht toll fand, weil er Jaroslav Drobny verpflichtete und auf sehr hölzerne Art einen Torwart-Zweikampf konstruierte. Auch die ewige Kritik an der fehlenden Kommunikation wirkt leicht paradox, wenn man dieser Guy Demels Aussage entgegenstellt, dass Rost und er, Demel, noch nie ein privates Wort miteinander gewechselt hätten. Sie spielen seit fast vier Jahren gemeinsam in der Mannschaft.
Was lange gärt, wird endlich Wut, heißt ein Sprichwort. Es gärte vieles – und da ist es vielleicht egal, gegen was und warum verbal gefeuert wird. Hauptsache: Es wird gefeuert. Denn es war einfach zu viel passiert. Da waren die Trainer, die den Verein über Nacht verließen (Martin Jol, Huub Stevens) oder entlassen wurden (Bruno Labbadia), es gab die endlose mitunter peinliche Suche nach dem Sportdirektor (Nico-Jan Hoogma, Urs Siegenthaler, Matthias Sammer), die Machtspiele im Vorstand (Bernd Hoffmann, Katja Kraus, Bastian Reinhardt, Aufsichtsrat) oder die schmerzhaften Niederlagen (FC Fulham, Werder Bremen, Bayer Leverkusen, FC St. Pauli). »Erfolg heißt einmal mehr aufstehen, als hinfallen.« So die These, die erfolgshungrige Ökonomen in Managerseminaren gerne zu hören bekommen. Die Antithese dazu hieß in den vergangenen Jahren: HSV. Auch deshalb brodelte es in Frank Rost latent.
In dieser Saison scherte er schon einmal aus aus dem Klubkorsett, als er einem Reporter mit einer Gegenfrage antwortete: »Kennen Sie den Zauberlehrling? So ungefähr ist die Geschichte beim HSV.« Danach Rapport, danach erstmal wieder Ruhe. Bis in der vergangenen Woche all der gärende Schmerz zu rasender Wut wurde. Und selbst als Bastian Reinhardt den Torwart ermahnte (»Es kann nicht sein, dass er immer dazu beiträgt, diesen Verein zu beschädigen und Öl ins Feuer zu gießen.«), konterte Frank Rost nihilistisch: »Scheißegal, dann sollen sie mich wegfackeln.« Ist das nun tatsächlich Tag, an dem der Profi die Hoheit über das Wort zurückeroberte? Der Tag, an dem jemand aus dem Volk die Stimme erhebt? Es klingt eher wie Umsichschlagen. Wie Korn und Pils am Tresen und in die Nikotinschwaden hat jemand die Idee von Anarchie gezeichnet – ohne jeden Plan für die Zeit nach dem Umsturz. Immerhin, so könnte man behaupten, immerhin regt sich überhaupt noch etwas im Klub. Der Patient lebt noch.
»Appetite for Destruction«? »Kill 'em all«? Nein.
Allerdings könnte man sich auch Sorgen machen, denn nicht aller Tage nimmt ein Profi selbstzerstörerisch ein Wort wie »wegfackeln« in den Mund. Wenn Jugendliche früher solche Gedanken entwickelten, gründeten sie Heavy-Metal-Bands, schlugen mit Fäusten Brillenträger zusammen oder gingen drei Tage in den Wald zum Holzhacken. Frank Rost ist da glücklicherweise anders. Zu Hause übt er ein fast buddhistisches Hobby aus: Er spielt mit seiner Modelleisenbahn. Kopf links, Achtung Schranke, Kopf leicht geneigt, Tunnel, zisch, zisch, Kopf rechts. »Appetite for Destruction«? »Kill 'em all«? »Reign in blood«? Nein, hier ist alles in Ordnung, die Bahn hat nie Verspätung, die Schienen sind immer geputzt, die Menschen stehen immer am gleichen Fleck. Und sie widersprechen nicht. Es ist die heile Welt weit weg vom Profifußball. Es ist eine Maschine gegen Wut.
In der Bilderstrecke: Die Chaos-Chronologie des HSV



