Die Champions-League-Sieger in der Einzelkritik

Helden, Fummelkutten – und ein Arschloch

Ein krisenfester Kroate, ein Spanier, den man in Kriegszeiten gerne an seiner Seite wissen würde – und ein Mann für die notorischen Arschloch-Momente: Champions-League-Sieger Real Madrid in der Einzelkritik.

imago

Iker Casillas
»Der Gegentreffer war etwas unglücklich«, gab Iker Casillas nach dem gewonnenen Finale zu Protokoll. Ein Satz, so nah an der Realität wie folgendes Zitat eines beliebigen 11FREUNDE-Redakteurs nach einem Furz beim Candlelight-Dinner mit Gisele Bündchen: »Diese Aktion war nicht gerade förderlich für den weiteren Verlauf des Abends.« Casillas, immerhin fünffacher Welttorhüter, verschätzte sich in der 36. Minute schlimmer als ein Mathematiker mit plötzlich auftretenden Gedächtnisverlust, Diego Godin köpfelte ein. Heldenhaft, wie Casillas anschließend dem Ball hinterher hechtete, doch das hatte eher was von Superman, der längst weiß, dass ihm heute Morgen jemand heimlich Kryptonit in den Kaffee getan hat. Nach dem späten Ausgleich durch Sergio Ramos musste man sich kurzzeitig Sorgen um den bulligen Abwehrspieler machen, so feste wurde er vom dankbaren Casillas geherzt. Was Casillas seinem alten Weggefährten ins Ohr flüsterte, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben. Sicher ist nur: »Sorry, der Gegentreffer war etwas unglücklich« wird es nicht gewesen sein.

Raphaël Varane
Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man von einem wütenden Kampfhund verfolgt wird? Fragen sie doch nach bei Raphaël Varane, dem blutjungen französischen Innenverteidiger von Real Madrid. Der 21-Jährige hatte es nach dem 3:1 durch Cristiano Ronaldo gewagt, besagten Kampfhund einen Ball zuzukicken. Was unser Kampfhund als Provokation auffasste und zum Angriff überging. Der Kampfhund trug einen schicken dunklen Anzug mit Krawatte und so viel Haargel auf dem Kopf, dass richtige Kampfhunde sich daran wohl schon tot geschleckt hätten. Diego Simeone, seines Zeichens Trainer von Atletico Madrid, hatte sich vorgenommen, dem jungen Varane den Arsch zu versohlen. Was ein ganzes Rudel Spieler und Betreuer verhindern musste. Zwei Dinge wollen wir nach diesem Spiel festhalten: Raphaël Varane ist ein großartiger Verteidiger, der allerdings in Sachen Fairness vielleicht tatsächlich mal übers Knie gelegt werden sollte. Und: Don´t ever fuck with Diego Simeone!

Sergio Ramos
Nur mal so laut gedacht: Wenn wir morgen in den Krieg ziehen müssten (Gott bewahre!) und dürften uns einen aktiven Fußballer aussuchen, den wir dann gerne an unserer Seite hätten – es wäre ganz bestimmt Sergio Ramos. Der Mann ist – wo wir eben schon bei Kampfhunden waren – ein Tier. Kann alles, macht alles, gewinnt alles. War im Halbfinale gegen die Bayern schon der beste Mann, war es auch im Finale gegen Atletico. Ramos, so scheint es, ist ein unverschämter Alleskönner, der vermutlich selbst als Spielmacher bei 16 von 18 Bundesligaklubs unumstritten wäre. Tore schießt er auch noch, wie jenes in der Nachspielzeit, weswegen Real Madrid und Ramos dringend darüber nachdenken sollten, ein Trikot mit der Rückennummer 90+3 rauszugeben. Ach ja, lieber (Fußball)gott: Wenn du es gnädig mit uns meinst, dann schicke uns 1.) nicht in den Krieg und 2.) niemals in einen Zweikampf gegen Sergio Ramos. Danke.

Fabio Coentrao
Was aussieht wie eine Mischung aus Ballermann-Animateur und Sonnenstudio-Besitzer aus Berlin-Lichtenberg, ist der Portugiese Fabio Coentrao, einer der besten Linksverteidiger der Welt. Das wollte er natürlich auch am Samstag beweisen, scheiterte jedoch an der eigenen Giftigkeit. Wie eine Kobra, die sich fälschlicherweise selber in den Schwanz beißt, polterte Coentrao auf seiner Seite so übermotiviert in jeden Zweikampf, dass ihn sein Trainer nach knapp einer Stunde vom Feld nahm – sein Spieler war kurz davor zu explodieren, Beobachter vor Ort wollen gar gesehen haben, wie dem Defensivmann Dampf aus den Ohren zischte. Für ihn kam…

…Marcelo…,
was sich als der vielleicht entscheidende Wechsel des Spiels entpuppte. Denn der Brasilianer setzte gemeinsam mit Ángel di Maria die bedauernswerte Hintermannschaft von Atletico schlimmer unter Druck als Oliver Kahn sein eigenes Ich. Deutlicher Unterschied: Der Erfolg kam nicht von innen, sondern von außen – nach einem Sololauf durch von Wadenkrämpfen ausgeknockte Gegenspieler pikte Marcelo zum 3:1 ins Tor.

Daniel Carvajal
Wie das wohl damals war bei den Vertragsgesprächen mit Bayer Leverkusen, Real Madrid und Daniel Carvajal? Bayer: »So, nur noch hier unterschreiben, dann spielt der Daniel die nächsten fünf Jahre bei uns!« (Carvajal hat den Stift in der Hand, will gerade unterschreiben) Real: »¡Perdón! Eine Kleinigkeit haben wir noch vergessen: Die Rückkaufoption bis 2015. Machen wir immer so, ist nicht so wild. Quasi pro forma.« (Bayer überlegt kurz): »Okidoki, abgemacht!« Wie die Geschichte ausging: Nach einem Jahr Bundesliga pochte Real 2013 auf die Rückkaufoption, transferierte Carvajal aus seinem Fünfjahres-Vertrag, jetzt ist Carvajal Champions-League-Sieger. Übrigens mit eingebauter Rücklaufoption – so schnell ist dieser Kerl, dass die meisten Stürmer wahrscheinlich gar nicht erst Interesse daran haben, ein Zweikampf gegen Carvajal zu gewinnen. Er holt sie ja doch alle wieder ein.

Sami Khedira
Was ist blasser als ein deutscher Bürohengst am ersten Urlaubstag in der Strandsonne? Richtig, die Auftritt von Sami Khedira gegen Atletico Madrid. Man darf es dem deutschen Mittelfeldmann sicherlich nicht krumm nehmen, dass er nach einem halben Jahr Verletzungspause nicht das Endspiel der Champions League an sich riss. Aber man wird seinen Trainer Carlo Ancelotti durchaus fragen dürfen, warum er dann doch Khedira von Beginn an aufs Feld schickte. Dort wirkte der Wiedergenesene wie ein zugezogener Zweitklässler am ersten Schultag nach den Sommerferien: Irgendwie nicht integriert. Nach einer Stunde hatte sein italienischer Klassenlehrer ein Einsehen: Und schickte Khedira nach Hause bzw. auf die Bank.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!