Die Bundesliga und der Jugendwahn

No Country for old Mark

Es ist nicht lange her, da kurvten Männer um die Vierzig über den Bundesliga-Rasen. Doch die Zeiten von Fichtel und Körbel sind passé, nicht einmal für Ballack und Van Bommel scheint mehr Platz. Stattdessen sind lauter Kinder an der Macht. Die Bundesliga und der Jugendwahn

Ein weiser Greis sei er, sagten seine Studenten über Immanuel Kant. Als weise gilt der Königsberger Philosoph auch heute noch. Aber ein Greis? Mit den vierzig Lenzen, die Kant damals zählte, wäre er heute Juniorprofessor.       

So verschieben sich die Maßstäbe. Seit Kant ist die Lebenserwartung in Mitteleuropa um 40 Jahre gestiegen. Drei Monate wird unser Leben Jahr für Jahr länger. In vierzig Jahren werden wir alle neunzig, in achtzig hundert, in hundertzwanzig Jahren wird Deutschland flächendeckend von Jopi Heesters bevölkert sein.   

Man hätte doch so viel Zeit! Doch wer denkt, dass im Jahre 2130 lauter Sechzigjährige über die Plätze der Bundesliga sprinten, sieht sich getäuscht. Das Gegenteil deutet sich an: In Deutschland ist der Jugendwahn ausgebrochen!      

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Bei Bundestrainer Joachim Löw und seinen Kollegen aus der Bundesligen hat sich die Einschätzung durchgesetzt, dass Jugend und Fitness im Fußball heute wichtiger seien als Reife und Erfahrung. »Ich möchte keine Vergleiche anstellen«, sagte Löw bei der WM – und tat es dann doch: »Heute spielt die Athletik eine viel größere Rolle.«     

Als wann? Als früher? Dieses sagenhafte »Früher«, da Männer wie Charly Körbel und Klaus Fichtel in der Bundesliga noch hochbetagt den Libero gaben und mit dem Auge ausglichen, was die Beine nicht mehr hergaben? Oder sogar als gestern? Als gerade eben noch?

Blitzartig war jedenfalls die Ära vorbei, in der Michael Ballack und Torsten Frings das deutsche Mittelfeld beschwitzten. Etwas »Leichtes, Tänzelndes« (»Der Spiegel«) ist an die Stelle ihrer Kraftmeierei getreten. Vulgo: Die Jugend.

Fußball war so leicht! Früher

Darauf warteten ganze Generationen vergeblich. Bis ins neue Jahrtausend galt sowohl in der Bundesliga als auch in der Nationalmannschaft das Credo, dass junge Spieler behutsam aufgebaut werden müssten. Gaaaaaanz in Ruuuuuuuuhe… Oft jedoch wartete man, bis es zu spät war. Die Liste derjenigen, die noch mit 30 als Rohdiamant galten, weil sie nie richtig geschliffen wurden, ist lang: Michael Sternkopf, Marco Reich, Marcel Ketelaer, Thomas Riedl, die Benjamins Lauth und Auer  – gemessen an den ihnen zugesprochenen Möglichkeiten haben sie wenig, zu wenig erreicht. »Besser ewiges Talent als gar keins«, sagt Albert Streit, zuletzt gesichtet am Schalker Shrimps-Buffet. Ein guter Konter. Leider sein einziger in den letzten fünf Jahren.     

Im Einzelfall tragen die Gescheiterten, siehe Streit, freilich eine Teilschuld. Geschenkt! Der Generalfehler war ein in den Vereinen der Bundesliga weitverbreitetes Misstrauen gegenüber Nachwuchsspielern. Was für Löw heute die »Athletik« ist war für seine Vorväter die Erfahrung: Das Momentum, das über Sieg und Niederlage entscheidet. Wohin man heute so schnell läuft wie nie zuvor, stand man früher einfach schon. Fußball war so leicht! Früher.    

Nico Frommer, Christian Timm, Markus Kreuz – the lost generation

Wer damals jung war, hatte ein Problem: Er war zu jung. Und wenn er nicht mehr zu jung war, sondern eigentlich schon ziemlich alt, hatte er zu lange auf der Bank gesessen. Weil man im Zweifel lieber bulgarische Aushilfsbuchwalds ranließ als eigene Nachwuchskräfte, gingen dem DFB Dutzende Jahrgänge flöten. Der Kader U21 des Jahres 1999 liest sich schon heute, da diese Jungs eigentlich im besten Fußballalter sein müssten, wie eine Liste Niedagewesener: Jörg Scherbe, Ingo Hertzsch, Thorsten Nehbauer, Sascha Rösler, Nico Frommer, Christian Timm, Markus Kreuz – the lost generation.    

Erst nach dem Debakel bei der EM 2000, als Erich Ribbeck zu Ungunsten der Jugend nicht vom 39-jährigen Lothar Matthäus lassen konnte und auch noch Paolo Rink einbürgerte, haben der DFB und die Vereine der Bundesliga die Jugendförderung systematisch intensiviert. Mit wachsendem Erfolg: Zehn Jahre später prägen die Kinder von damals das Gesicht des deutschen Fußballs. Bei der WM hatte die Nationalmannschaft mit 25 Jahren das drittgeringste Durchschnittsalter aller Teilnehmer. Aktuell thront mit Borussia Dortmund ein Team an der Spitze der Bundesliga, dessen Spieler im Mittel kaum 23 sind – jenes Dortmund, das einst seine Jungs, die zwischen 1995 und 1998 dreimal A-Jugend-Meister wurden, hinter Einkäufen wie Wolfgang Feiersinger und Alfred Nijhuis verschimmeln ließ. Heute (eine Beinahepleite später, wie man dazu sagen muss), hat der BVB sich auf die Jugend besonnen und mit Mario Götze (18) sogar schon einen Vertreter der übernächsten Generation in seinen Reihen. Und auch Schalke 04 sorgt mit Julian Draxler ein Shooting Star für Aufsehen, der noch nicht mal Auto fahren darf.   

Thomas Müller (21), Sami Khedira (23) und Mesut Özil (22) wirken dagegen bereits wie Routiniers. Bei der WM führten sie Deutschland auf den dritten Platz. Vor allem Bastian Schweinsteiger, mit 25 schon einer der Erfahrensten, machte über weite Strecken des Turniers den Altvorderen Ballack vergessen.   

Und dennoch: Nicht wenige sagen, das Halbfinale gegen Spanien wäre mit dem »Capitano« vielleicht gewonnen worden. Mit 33 steht man eben schon da, wo man mit 25 erst hinlaufen muss – der Charly-Körbel-Effekt. Das hätte die eine Sekunde bringen können, die zum Sieg fehlte.     

Wer erknüppelt den CL-Platz? Van Bommel? Oder Kroos?

Hätte! Solche Behauptungen werden naturgemäß im Nachhinein aufgestellt. Besserwissereien sind das, gleichwohl unangenehm nagend. Auch die Verantwortlichen des FC Bayern München sollten sich darauf gefasst machen: Vielleicht wird man es ihnen als Fehler auslegen, dass sie Mark van Bommel zum AC Milan haben ziehen lassen. Hätte er Schweini im Getümmel der Bundesliga nicht noch den einen oder anderen Sautrick beibringen können? Wer erknüppelt in der Endphase der Saison einen CL-Platz? Der harte Mark van Bommel? Oder der zarte Toni Kroos?

Und überhaupt: Was ist physische Belastbarkeit in der Jugend wert, wenn die mentale Belastbarkeit erst mit den Jahren kommt? Es ist wohl die Tragik des Fußballs und des Sports an sich, dass der Körper nachlässt, wenn der Geist sich dem Zenit nähert.   

Athletik versus Erfahrung: Einen Mittelweg kennt die Bundesliga offenbar nicht. Wie immer im Fußball, diesem Milieu, in dem das Neue das Alte restlos überwinden muss, um ungestört existieren zu können. Trainer ihre Vorgänger, die Vierkette den Libero, der Jugendwahn das Primat der alten Säcke. 

Vergessen der Tag, an dem alle die Frings-Sperre beweinten 

Nun misstraut man den Erfahrenen. Torsten Frings treckert mit Werder Bremen muffelig durch die Abstiegszone der Bundesliga. Vergessen der Tag, an dem halb Deutschland seine Sperre im WM-Hablfinale 2006 gegen Italien beweinte. Sein Kumpel Michael Ballack muss sich erst mal wieder beweisen, um in die Nationalmannschaft zurückzukehren. Wie ein Junger. Dabei ist er doch schon so alt. In anderen Ländern würde das den Tatbestand der Legendenschändung erfüllen.     

Und Mark van Bommel geht nun zum AC Milan, einst berüchtigt für sein hohes Durchschnittsalter und letztes Refugium der Fußballopis Seedorf, Nesta und Inzaghi. A Country for old Mark? Die Zeit neigt sich auch hier dem Ende zu: Im Mittelfeld zieht der Deutsche Alexander Merkel die Fäden. Er ist mit 17 Jahren halb so alt wie Van Bommel.

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