Die Bundesliga sehnt sich nach dem Wundertrainer

Ein, zwei, viele Jürgen Klopps

Bei Bayern, beim HSV, auf Schalke und in Wolfsburg scheiden zum Saisonende die Trainer aus dem Amt. Und überall soll ein Jürgen Klopp folgen. Die Vereine wünschen sich Veränderungen. Bloß: Sie würden sie gar nicht ertragen. Die Bundesliga sehnt sich nach dem Wundertrainer

Als die Bundesliga eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einer grauen Maus verwandelt. Fußballdeutschland im März 2011: Ein gleißender Meister thront über allem, der beinah komplette Rest besteht aus lauter VfL Bochums.

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Das Grau in all seinen Schattierungen: Beim FC Bayern, derzeit Fünfter, hocken die Bosse auf der Tribüne, als wären sie die Fürstenfamilie von Monaco – reich, verlebt, von gestern. Beim HSV, immerhin Siebter, erscheint die sportliche Situation durch den Zerrspiegel des Führungsdurcheinanders doppelt so schlecht, wie sie eigentlich ist. Die Angst, durch ein unheimliches Wurmloch direkt in die achte Liga zu fallen, lähmt sämtliche Protagonisten. Beim FC Schalke ist derweil Felix Magaths megalomanes Konstrukt der Alleinherrschaft unter der Last des Medizinballs zusammengestürzt.

Konsequenz bei allen Dreien: Die Trainer müssen zum Saisonende gehen, was für die verbleibende Zeit nur umso bleiernere Resignation erwarten lässt. Was wohl das Gegenteil von Vorfreude ist?

Die Meister 2004, 2009, 2007: Vierzehnter, Fünfzehnter, Sechzehnter

Weiter im Grau: In Hoffenheim (Neunter) hat sich Vereinsmäzen Dietmar Hopp dazu entschieden, alle anderen Farben einfach abzuschaffen – Endstation Mittelmaß. Dass Grau nicht mit Silber zu verwechseln ist, weiß niemand so gut wie Eintracht Fankfurt (Zwölfter): kein Tor in der Rückrunde, vermutlich bald auch kein Skibbe mehr. Werder, Wolfsburg, Stuttgart: Die Meister von 2004, 2009 und 2007 sind heuer Vierzehnter, Fünfzehnter, Sechzehnter und beweinen das Verblassen sämtlicher Farben. Der Graueste von allen: VfL-Trainer Litti, der nurmehr »Herr Littbarski« sein möchte. Wenn selbst Frechdachse sich das Lachen verbieten: Gute Nacht.

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Vereine, die wie etwa der FC Bayern viele Nationalspieler in ihren Reihen haben, nach einer Weltmeisterschaft eine durchwachsene Saison spielen und die kleineren wie Freiburg und Hannover nach oben drängen. Die Stimmung in vielen Bundesligastädten aber lässt vermuten, im Mai würden neun von achtzehn Klubs absteigen, sechs weitere müssten sich für ihre Bilanz gewaltig schämen.

Wie backe ich mir einen Jürgen Klopp?

Symptom der um sich greifenden Depression ist es, dass für alle nun frei werdenden Stellen (Bayern, Schalke, HSV, Wolfsburg, vielleicht auch Bremen) ein neuer Jürgen Klopp gesucht wird: energetisch, humorvoll, volksnah – und unbedingt erfolgreich. Klopp hat den BVB an die Spitze geführt. Und er lässt, im Kontrast zum schillernden Feuerwerk der Jugend, das er in Dortmund entfacht hat, fast alle anderen Vereine umso grauer ausssehen. Und je grauer sie sind, desto farbenfroher wirkt sein Werk.

Der Mann mit dem breiten Blendaxgrinsen ist zur großen Sehnsuchtsfigur des deutschen Fußballs geworden, eine Lichtgestalt – wie Beckenbauer, bloß mit Kompetenz.

Bei vielen, die sich nun so unverhohlen nach ihm sehnen, ist er schon einmal – zumindest halbherzig – gehandelt worden, galt jedoch als zu emotional und ungehobelt. Sie hatten Angst vor diesem Typen, der so bärbeißig wie dreitagebärtig sein kann. Und gingen lieber auf Nummer sicher. Es war die Nummer feige.

Als Jürgen Klopp 2008 schließlich von Mainz nach Dortmund ging, übernahm er eine Mannschaft, die so grau war wie die Hoffenheimer es sich nicht mal vorstellen könnten, wenn sie zwei Tage lang den Linoleumfußboden in Marco Pazzaiuoli Trainerkabine anstarren würden. Der Schuldenberg drückte, der Verein war unter Thomas Doll in der Vorsaison nur Dreizehnter geworden, im Kader standen Männer wie Diego Klimowicz, Lars Ricken und Robert Kovac. Klopp sah die Schönheit der Chance, machte einen Schnitt und schmiedete aus jungen Nobodys eine Truppe, die drei Jahre später mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Meister werden wird. Die alles entscheidende Bedingung dafür: Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc vertrauten ihm und ließen ihn machen. Sie ließen ihn Typ sein, weil nur ein Typ dem klinisch toten Verein wieder Leben einhauchen konnte.

Eine Geschichte, die, von heute aus erzählt, klingt wie ein Märchen. Mit Jürgen Klopp als Zauberer. Doch weder Klopp noch die historische Konstellation beim BVB des Jahres 2008 sind reproduzierbar. Zwar hat Thomas Tuchel, den Klopp sich einst aus der Rippe schnitt und zum Mainzer A-Jugend-Trainer machte, gute Chancen, den nächsten Karriereschnitt zu machen. Auch der etwas dezentere Robin Dutt hat seinen Marktwert mit einer guten Saison des SC Freiburg erheblich gesteigert und wird schon auf Schalke gehandelt. Selbst Dieter Hecking und Mirko Slomka, jahrelang die Sachbearbeiter unter den Bundesligatrainern, dürfen der Zukunft gelassener entgegenblicken als die gestürzten Fürsten Felix Magath und Armin Veh. Sie sind Trainer mit einer großen Bewegungsenergie. Überall, wo Stillstand herrscht, fällt ihr Name ganz automatisch.

Es dauert lang, bis aus Gras Milch wird

Doch sollten sie sich gut überlegen, was man bei ihren neuen Vereinen von ihnen erwarten würde: Dass sie tatsächlich einen Prozess in Gang setzen, hin zum Besseren? Oder dass sie das Allerbeste sofort bewerkstelligen? Wie es etwa um die Geduld des FC Bayern bestellt ist, ist seit dem Kapitel Klinsmann kein Geheimnis mehr. Auch auf Schalke und in Hamburg sieht man nicht in aller Gemütsruhe dabei zu, wie aus Gras langsam Milch wird.

»Prozesstrainer« ist das Wort der Stunde, »Prozess« allein aber bleibt ein Reizwort. Wer Jürgen Klopp will oder wenigstens Thomas Tuchel oder Robin Dutt, muss bereit sein, sich von ihnen neu erfinden zu lassen. Er muss die Veränderung, die er sich wünscht, auch ertragen können. Er muss bereit sein, den eigenen Kompetenzrahmen enger zu stecken. Er muss Typen Typen sein lassen, also das einlösen, was er beim Weizenbier mit Jörg Wontorra selbst vollmundig fordert. Er muss lernen, nach zwei Niederlagen nicht öffentlich über die Zukunft des Trainers nachzudenken. Und dass Geduld vor allem eines ist: die Kunst zu hoffen.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass die Bundesliga, dieses wunderbar hektische Geschäft, plötzlich ihre inner Mitte findet? In etwa so wahrscheinlich wie der Abstieg des FC Bayern. Der erfolgreiche Prozesstrainer wird ein singuläres Phänomen bleiben. Der unmittelbare Erfolg ist einfach zu verlockend. Die Großmannssucht steckt tief in der DNA mancher Vereine.

Und in den Augen grauer Mäuse glänzen Pokale nun mal umso heller.

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