Die Bayern-Spieler und das Chelsea-Trauma

Vorbereitung als Therapie

Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Jerome Boateng, Manuel Neuer und Co. wollen sich im Nationalteam vom Chelsea-Trauma erholen – und müssen sich dabei Dortmunder Konkurrenz erwehren.

Peter Altmaier hat richtig zugefasst, neulich beim Bundespräsidenten. Höflich, aber auch bestimmt griff der barocke Saarländer zu, als ihm Joachim Gauck die Ernennungsurkunde zum Bundesumweltminister am Dienstag im Schloss Bellevue in die Hand drückte. Wäre ja noch schöner gewesen, wenn Altmaier, bislang Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, vor lauter Glück nichts mehr wahrgenommen hätte um sich herum, wenn er wie paralysiert gewesen wäre. Ganz ähnlich hatte Bastian Schweinsteiger sich am selben Tag dafür entschuldigt, dass er an der ausgestreckten Hand Gaucks nach dem Champions-League-Finale achtlos vorbeigerauscht war.


Schweinsteiger hatte den entscheidenden Elfmeter verschossen, er war mit sich und der Welt tief unglücklich. So tief unglücklich, dass er drei Tage brauchte, um sich beim ersten Mann des Staates zu entschuldigen.

Und das kann zugleich eine gute Nachricht für Deutschland sein. Bastian Schweinsteiger ist wieder bei Besinnung und wird sich nun mit aller Kraft auf das konzentrieren können, was ihm und seinen Mitspielern vom FC Bayern in diesem Mai gleich dreimal missglückt war – nämlich einen Titel zu gewinnen. Am Wochenende werden der 27 Jahre alte Mittelfeldchef und seine sieben Nationalmannschaftskollegen in Südfrankreich eintreffen. Die große Frage, die sie begleitet, wird sein: Werden die paralysierten Bayern sich befreien können von der Last der verloren Finals und werden sie die Nationalmannschaft auf ihrem Weg zum EM-Titel voranbringen können?

Bayern sind nur noch zweite Wahl

Was noch vor wenigen Wochen undenkbar gewesen ist, geistert dieser Tage durch die luxuriöse Anlage des zum Mannschaftsquartier umfunktionierten Four Seasons Resort Provence. Werden die Herren Lahm, Badstuber, Boateng, Neuer, Kroos, Müller, Gomez und Schweinsteiger rechtzeitig zu jener Form auflaufen können, die oft gewinnbringend war, die die deutsche Mannschaft verlustpunktfrei durch die EM-Qualifikation und zwischendrin zu viel beachteten Siegen über große Fußballnationen wie Brasilien und Holland gebracht und sie so zu einem heißen Anwärter auf den EM-Titel gemacht hat?

Und nun sind die Bayern nur noch zweite Wahl, national steht Borussia Dortmund über ihnen, wie Karl-Heinz Rummenigge eingestehen musste. Man weiß, wie weh den Bayern ein solches Eingeständnis tut. Und inzwischen weiß man eben auch, wie leicht das manchem Dortmunder den Kopf verdrehen kann. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke möchte, dass sich die neuen Verhältnisse im deutschen Fußball nun auch bitteschön in der Nationalmannschaft widerspiegeln. »Wenn man Meister und Pokalsieger wird, dann darf man davon ausgehen, dass diese Leistung auch entsprechend bei der Nationalmannschaft gewürdigt wird.« Joachim Löw sei der beste Trainer, den diese Mannschaft haben könne. »Ich gehe davon aus, dass er in jedem Fall die richtigen Entscheidungen trifft«, hat Watzke gesagt. Was Herr Watzke nicht gesagt hat, ist, dass der Bundestrainer sich noch nie von solchen Zurufen hat leiten lassen, ja dass dieser derlei Einlassungen in etwa so schätzt wie die Frau Bundeskanzlerin den Altmaier-Vorgänger Röttgen.

Und was hätte Watzke gesagt, wenn die Bayern das Champions-League-Finale gewonnen hätten? Aber das ist es ja. Die Bayern sind angeknackst, die Dortmunder lächeln als Sieger. Und natürlich sind die Dortmunder Hummels, Gündogan, Götze, Sven Bender und Schmelzer sehr gute Fußballspieler, deshalb haben sie Andere verdrängt, die zum Beispiel noch vor zwei Jahren im WM-Kader standen. Nur wenn Löw zum 29. Mai seinen vorläufigen EM-Kader eine Endlichkeit verleihen und daher drei Feldspieler sowie einen Torwart streichen muss, könnte es sein, dass das Dortmunder Quintett gesprengt wird. Kaum vorstellbar, dass Löw einen der Bayern aussortieren wird. Die acht Münchner bilden das Rückgrat der Nationalelf, sie bringen es zusammen auf 341 Länderspiele. Die fünf Dortmunder dagegen auf 32.

»Jetzt-erst-recht«-Mentalität

Es verwundert daher wenig, dass man im deutschen Tross offiziell die Sorge um die mentale Verfassung der Bayern-Profis für unbegründet hält, wie es Hans-Dieter Hermann hat ausrichten lassen. Für den Teampsychologen sind die Erfolgsaussichten der Nationalmannschaft durch die bittere Niederlage gegen Chelsea nicht geringer geworden. Er gehe davon aus, dass sie eine »Jetzt erst Recht«-Mentalität entwickeln würden. »Wir werden die Bayern-Spieler einfach in unseren Teamspirit für die Europameisterschaft aufnehmen. Ich bin mir sicher, dass sie sich schnell darauf einlassen und sehr schnell nach vorne schauen«, sagte Hermann.

Franz Beckenbauer war da noch vor wenigen Tagen ganz anderer Ansicht. Der sah in Löw den wahren Leidtragenden des Münchner Dramas. Der Bundestrainer bekomme in ein paar Tagen tief deprimierte Bayern-Spieler, deren psychische Verfassung »verständlicherweise erbärmlich« sei. Selbst der hübsche, aber völlig bedeutungslose Erfolg unter der Woche gegen Holland konnte da kaum traumalindernd wirken. Der Münchner Trainer Jupp Heynckes sagte, dass das »Drama dahoam« für ihn »mit jedem Tag schlimmer wird«. Weit jüngere Männer, wie die Spieler, empfinden das vielleicht anders. Sie können noch etwas reißen in diesem Sommer. Es tue noch sehr weh, aber man sei als Leistungssportler zu allererst ehrgeizig, wie es Kapitän Philipp Lahm ausdrückte. »Wir wollen Erfolg. Das ist unsere Motivation. Wir werden den Spannungsbogen wieder aufbauen.« Der 28-Jährige sieht in der Aufgabe sogar einen Vorteil: »Das ist besser, als jetzt vier Wochen in den Urlaub zu fahren.«

Und selbst die Dortmunder wollen nicht auf die Bayern verzichten. »Die Bayern werden selbstbewusst sein und auch die Führungsrolle hier im Team übernehmen, aufgrund ihrer Stellung und ihrer Länderspiele«, sagte Mats Hummels.

Aber es ist eben nicht nur der psychische Knacks durch die verlorenen Titel, der die momentane Situation so heikel macht. Auch Löw ist aufgefallen, dass seine Münchner Nationalspieler nicht ihre sportliche Topform erreicht haben. Manuel Neuer hielt zwar einige Elfmeter, aber in den vergangenen Spielen unterliefen ihm immer mal wieder Leichtsinnsfehler. Ähnliches ließe sich über Jerome Boateng sagen, und vor allem Schweinsteiger, der sich nach langer Abwesenheit durch die Spiele arbeitete, spielte zuletzt noch in einer anderen Geschwindigkeit Fußball. In einer geringeren als der Rest der Gruppe. Und obgleich auf einer zentralen Position wie der seinen nur ungern Veränderungen vorgenommen werden, ist die Konkurrenz dort groß. Toni Kroos und Sami Khedira haben schon gezeigt, dass sie das Fehlen des eigentlichen Spiellenkers kompensieren können.

Selbst Thomas Müller, der Shootingstar der WM 2010, wird bedrängt, vom Mönchengladbacher Marco Reus. Dass dieser demnächst für Borussia Dortmund aufläuft, wird seine Chancen in der Nationalmannschaft nicht schmälern.

Tagesspiegel@11Freunde

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