30.03.2012

Die Auswärtsfahrt meines Lebens (5)

Jenseits in Afrika

Mit Roger Milla auf dem Tennisplatz, mit Tony Baffoe am Pool und im nigerianischen Mannschaftsbus. Die Afrikameisterschaft 1992 im Senegal war ein Turnier mit Fußballern zum Anfassen. Christoph Biermann über die Auswärtsfahrt seines Lebens.

Bild:
Imago

»Hotel N´gor« klang für mich bedrohlich dunkel, nach schwüler Hitze, undurchdringlichem Blätterdickicht und armdicken Lianen, aber das war natürlich totaler Unsinn. Der Senegal liegt zwar in Afrika, aber der Dschungel ist fern und eher pfeift heißer Wüstenwind um vereinzelte Baobab-Bäume.  Und so war das »Hotel N´gor« weit vor den Toren der senegalesischen Hauptstadt Dakar auch eher von trister Steppenöde umgeben, was die Abenteuer in dem riesigen Hauptgebäude mit der mächtigen Eingangshalle und den vielen Nebenbauten aber keineswegs schmälerte. Ja, vielleicht war es auch ganz gut, dass der Bau so abgeschieden von den Aufregungen der Kapitale am Strand des Atlantiks lag. Denn so konnten sich die Bewohner ganz aufeinander konzentrieren.

Heute würde man eine Reality Soap drehen

Heute würde man unter diesen Bedingungen wahrscheinlich gleich eine Reality-Soap zu drehen beginnen, aber im Januar 1992 gab es vermutlich nicht einmal das Wort. Heute würde auch niemand mehr auf die Idee kommen, bis auf den Gastgeber alle der zwölf teilnehmenden Mannschaften unter einem Dach unterzubringen. Dazu Journalisten und Spielervermittler, Funktionäre und Groundhopper, Prostituierte, zwielichtige Gestalten und Strauchdiebe. Während man dieser Tage komplizierteste Anbahnungsprozesse durchlaufen muss, um fünfminütige Mini-Audienzen bei kickenden Halbstars zu bekommen, saß wir vor 20 Jahren im Hotel N´gor schon beim Frühstück mit Tony Baffoe auf der Veranda, während die Marokkaner mit Fürths heutigem Manager Rachid Azzozi natürlich schon wieder am Pool abhingen. Die Keniaer hingegen, Vertreter einer Art Luxemburg des afrikanischen Fußballs und eher zufällig unter die Großen geraten, hielten sich so zurück, dass man sie mit dem Hotelpersonal hätte verwechseln können.

Davon konnte bei den Nigerianer natürlich nicht die Rede sein, die immer am lautesten redeten und die schwersten Goldketten über der breitesten Brust baumeln hatten. Die Jungs um Mannschaftskapitän Stephen Keshi, der selber reihenweise Spieler nach Europa gelotst hatte, wirkten wie eine Hip-Hop-Gang und waren eindeutig Chef im Ring. Kein Wunder, dass sie mit Clemens Westerhof einen vierschrötigen holländischen Trainer hatten, der auftrat wie der Kolonialgeneral einer Elitetruppe aus Einheimischen.

Von Fußball war im »N´Gor« erstaunlich wenig zu merken. Klar, ab und zu verschwanden die Teams mal zum Training, zum Spiel oder waren auch mal ein paar Tage, weil sie im Süden des Landes antreten mussten, für die meiste Aufregung sorgten aber die Geschäftsanbahnungen in der Lobby, Kontaktaufnahmen auf den Fluren und Transferverhandlungen auf den Zimmern. Afrikaschwärmer mit Geschäftssinn, zynische Abzocker oder raffinierte Fußballmanager versuchten ihre Schnäppchen zu machen, denn damals konnte man internationale Spitzenspieler in Afrika noch für einen Spottpreis verpflichten. Zwei Jahre nach dem spektakulären Auftreten von Kamerun bei der WM in Italien spielten sie entweder immer noch in Afrika oder bei obskuren Klubs in Belgien, Frankreich oder Portugal. Und so gelang es Dr. Helmut Riedl, dem damaligen Präsidenten der damals drittklassigen Kickers aus Emden, zwei kongolesische Nationalspieler nach Ostfriesland zu holen. Stolz erzählte er später, dass die Vertragsunterzeichnung live im Staatsfernsehen des Kongo übertragen worden war.

Roger Milla stand meistens auf dem Tennisplatz

Ob Roger Milla auch in irgendwelche Geschäfte verwickelt war, kann ich nicht sagen, aber zum ersten Mal im meinem Leben verfluchte ich mich dafür, kein Tennis zu spielen. Denn Milla hing meist auf dem Tennisplatz herum und suchte eigentlich ständig nach Spielpartnern. Blieb halt nicht als zuschauen und ansonsten in der Lobby rumzuhängen. Am besten mit Otto Pfister, der damals Trainer von Ghana war und Schwänke über nächtliche Schachpartien mit dem Präsidenten von Ruanda erzählen konnte. Werner Olk, der alte Meisterspieler und heutige Scout beim FC Bayern, war Trainer von Marokko wirkte anders als Pfister aber falsch am Platz. Afrika war halt was für Abenteurer. Und Reuben Agboola wunderte sich über seine nigerianischen Mannschaftskollegen. Der Sohn einer Engländerin und eines Nigerianers spielte beim damals ziemlich miserablen Swansea in der dritten englischen Liga und war nie in Nigeria gewesen. Er staunte über Torjäger Rashidi Yekini, der im wirklichen Leben mindestens so bedrohlich wirkte wie auf gegnerische Verteidiger, letztlich aber harmlos war. Uche Ukechukwu war so wie sein Name lautmalerisch ein Fels von einem Mann und Stephen Keshi der »Big Boss«. Er vermittelte immer den Eindruck an allen Deals im Hotel beteiligt zu sein.

Allerdings schafften es die Nigerianer nur ins kleine Finale, und als sie mit einem Sieg und der Bronzemedaille um den Hals den Bus zum Hotel bestiegen, winkte mir Trainer Westerhof knapp zu: Mitkommen! Und so fuhr ich zum ersten und bislang letzten Mal mit einer Profimannschaft nach dem Spiel im Bus zurück. Und wie war´s? Nun, Rashidi Yekini donnerte wütend mit der Faust vor die Scheibe, der Rest schaute nicht minder wütend. Offensichtlich hassten die Nigerianer ihre Bronzemedaillen, sie passten auch einfach nicht zu den Goldketten.

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