Die Auswärtsfahrt meines Lebens (4)

»Hitler was a strong man«

In unserer neuen Serie berichten 11FREUNDE-Mitarbeiter von der Auswärtsfahrt ihres Lebens. Heute: Boris Krohn über eine Reise in den Iran, Hitler-Verehrer, Flugzeugbenzin mit Limonade und eine wunderliche Rettung mit dem Auto.

Machen wir uns nichts vor. Bei Auswärtsfahrten ist es wie im richtigen Leben – der Weg ist das Ziel. Die Eckdaten waren Hamburg – Frankfurt – Teheran und Retour Teheran – Istanbul – Hamburg. Es war Anfang Oktober 2004 und beim DFB hatte man sich zu einem Benefizspiel im Iran zu Gunsten der Opfer der Erdbebenkatastrophe in Bam entschieden. Was der Partie an fußballerischer Strahlkraft fehlte, machte der Austragungsort wett – Azadi-Stadion, Teheran, ehemals 140.000 Zuschauer fassend, nun auf rund 100.000 Sitzplätze rückgebaut. Und eben Teheran – Stadt, Moloch, unbekanntes Terrain mit knapp neun Millionen Einwohnern.

Mein alter Kumpel OS, seines Zeichen nicht bekennender Groundhopper mit stolzen 50 Länderpunkten, hatte Flüge und Hotel recherchiert und so ging die Reise los.

Die Damen am Check-in-Schalter steckte mir eine Nummer zu

In Hamburg wurde zu früher Morgenstunde das Reisefieber mit eiskaltem Holsten therapiert, was in Frankfurt aufgrund des großen Erfolges fortgesetzt wurde. Der Start der Iran Airline Maschine wurde glatt verschlafen, was wir wohlwollend auf die außerordentlichen Fähigkeiten des Kapitäns zurückführen wollten. Am Teheraner Khomeini-Airport fiel mir dann auch wieder jener Zettel in die Hand, den mir die freundliche Dame am Check-in der Iran Airlines verschwörerisch zugesteckt hatte. Auf ihm standen die Telefonnummer ihrer Schwester und deren Name. Ich sollte nicht zögern sie anzurufen, falls ich in »Schwierigkeiten« geraten sollte. Ah ja, sehr gerne!  

Pass- und Visakontrolle verliefen dann in jener Pre-Perestroika-artigen Humorlosigkeit, was bei mir immer wieder die Frage aufwarf, wie Menschen so endlos lange auf einen Zettel mit durchaus überschaubaren Informationen starren können, ohne dabei einzuschlafen, das Gesicht zu verziehen, Nahrung zu sich zu nehmen oder zum Frisör zu müssen?

»Hitler was a strong man« 

Die erste Begegnung mit einem sprechenden Teheraner war dann die mit dem Taxifahrer. Sie verlief wie folgt: Taxifahrer: »Where are you from?« Wir: »Germany.« Taxifahrer: »Hitler was a strong man!«

30 Minuten nach dem Einchecken im Hotel geschah uns dann das, wovor uns eigentlich alle mehr oder weniger Orts- bzw. Landeskundigen gewarnt hatten: Wir bekamen Durst auf alkoholische Getränke. So führte uns der Instinkt in ein ziemlich heruntergewirtschaftetes Lokal, das einmal im Quadrat gekachelt war und die anheimelnde Atmosphäre einer Impfanstalt ausstrahlte. Man muss sich unser Erscheinen ein wenig wie Beavis and Butt-Head in Deutschlandtrikots vorstellen, als wir im Flüsterton mehrfach das Wort »Beer« aussprachen. Da wir die einzigen Gäste waren parierte der Wirt mit zugekniffenen Augen: »Beer? I have some real drink for you!«  

Eine Mischung aus Limonade und Flugzeugbenzin

Dieser »richtige« Drink entpuppte sich als eine Mischung aus Limonade und Flugzeugbenzin. Klebrig süß für den Moment und dann chlorig scharf im Abgang. Drapiert mit einem Papiersonnenschirm und Strohhalm. Nun gut, es sollte passen. Allein, als wir uns nach dem Verzehr etwa der Hälfte des Getränkes umsahen, standen hinter dem Tresen bereits drei Männer, die uns mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis beobachteten. Im sportlichen Ehrgeiz gepackt oder aber vom puren Übermut geritten, orderten wir einen zweiten Drink, was die kleine Gruppe schlagartig auflöste.

Derart vertraut gemacht mit den örtlichen Begebenheiten, absolvierten wir unser Touri-Programm: Mit öffentlichen Verkehrsmittel zum Bazar, zum Palast des Schahs und zum Grabmal Khomeinis. In der U-Bahn wurden wir Trikotträger angefasst und bestaunt und dies mit steigender Penetranz. Unter dem gebetsmühlenartigen wiederholen des Namens »Mahdavikia« lösten wir uns geschickt wie Aale aus dem Pulk und sprangen abgepasst aus dem Waggon wie etliche Male zuvor in amerikanischen Thrillern gelernt. Per Taxi dann zum Schah. Im Gedächtnis blieb mir hier einzig sein Nachttisch auf dem grüßend und freundlich lächelnd jeweils mit Widmung nahezu alle Schlächter des vergangenen Jahrhunderts ihr Stelldichein gaben – natürlich auch jener Mann aus dem Taxi.

Alte Männer, die sich dehnen

Wieder in selbigen ging es hinaus zum Grabmal Khomeinis. Um den steinernen Sarkophag, der wiederum in einem gläsernen Blockhaus steht, lagen und saßen entspannte ältere Männer, die sich unterhielten und währenddessen Leibes- bzw. Dehnübungen  machten. Irritiert verließen wir das Gebäude, um uns gen Azadi zu bewegen.

Dann endlich das Stadion. Es lag da wie ein riesiger Polyp. Eingebracht in eine große Mulde mit dem Elbursgebirge als Kulisse, wie ganz Teheran vor dieser Kulisse liegt. Das Stadion ist eines jener Bauten, die das Individuum verhöhnen und uns das ameisengleiche unserer Existenz auf diesen Planeten machtvoll demonstrieren.

Wörns und Schneider statt Hitzlsperger und Mertesacker 

Ameisengleich auch der anschließende Kick. Ein 2:0 für die DFB-Auswahl für die Historiker unter uns. Stritt man sich an heimischen Bildschirmen über den Einsatz von Christian Wörns und Bernd Schneider statt Thomas Hitzlsperger und Per Mertesacker, maulte man über das Auftreten eines gewissen Robert Huth und die gefühlte Unterpräsenz von Bremer Spielern, waren wir froh in den Punkten auf dem Grün auch nur irgendetwas erkennen zu können, was wie ein Spielzug aussah. All zu oft schweifte mein Blick dann auch ins Rund des Stadions ab, wo sich jeden Augenblick halsbrecherische Stürze anzubahnen schienen, weil Hunderte Menschen auf der Dachkonstruktion umher kletterten. Ameisengleich. Ebenfalls befremdlich war die Erkenntnis, dass weite Teile der Zuschauer ein Problem mit dem rechten Arm hatten und man sich bereits beim Abspielen der Hymne wie ein Zeitreisender vorkam, der bei der Wahl der Epoche gehörig ins Klo gegriffen hatte. 

Nach dem Spiel fanden wir natürlich nicht den Taxifahrer mit dem wir uns verabredet hatten. So gingen wir mit der Masse und strömten an Autobahnen und Schnellstraßen entlang in die Vororte, ohne dabei im Mindesten orientiert zu sein. 

Diese Gegend sei berüchtigt

Was dann passierte, mag man glauben – oder nicht: Aus den vorbeifahrenden Autos löste sich ein Taxi, die hintere Tür wurde geöffnet und von der Rückbank winkte uns hektisch ein Mann hinein. In so einem Moment macht man meist das, was einem NICHT der Verstand rät. So stiegen wir ein. Wir seien in Schwierigkeiten, sagte der Mann auf der Rückbank plötzlich ruhig wirkend. Diese Gegend sei berüchtigt. Er stellte sich als Arzt vor, fragte uns nach unserem Hotel und ließ uns dorthin fahren. Er wollte kein Geld haben, bat nur darum jedem zu erzählen, dass der Iran anders sei, als man es in der Welt glaube. Ich wollte ihn noch fragen, ob er eventuell mit einer Frau bei den Iran-Airlines verwandt war, aber da raste das Taxi schon in die Teheraner Nacht.

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