Die 50 härtesten Derbys der Welt #2

Bis aufs Blut

Teil 2 unserer Top-50-Liste der härtesten Derbys der Welt. Eine geteilte Stadt in Schotttland, ein ewiges Duell zwischen Arm und Reich, die »Bestatter« gegen die »Mutigen« und ein »Heiliger Krieg« in Polen: Die Plätze 1 bis 25! Die 50 härtesten Derbys der Welt #2
Heft#99 02/2010
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Echtes Derbyfieber zwischen verbissen um die Vorherrschaft ringenden Nachbarn gibt es heute nur noch in Ausnahmefällen, wie zum Beispiel in Glasgow, Istanbul oder Athen. Oder da, wo es fast ausschließlich Verlierer gibt, die ihr letztes bisschen Stolz bewahren wollen, wie in vielen Ligen des ehemaligen Ostblocks. Oder in Südamerika. Nicht ohne Grund finden sich zahlreiche osteuropäische und lateinamerikanische Derbys in den Bestenlisten von
footballderbies.com, einer engagierten, wenn auch ein bisschen nerdigen Website zum Thema, die für jedes Derby von Bedeutung ein Rating vergibt, wobei die Macher zwischen Stadtduellen, regio-
nalen Derbys wie Dortmund / Schalke oder Newcastle / Sunderland und gewachsenen Rivalitäten unterscheiden. Zu letzteren zählt nicht nur der spanische Superclasico, sondern auch so heikle Aufeinandertreffen wie das von Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam oder der kroatische Kriegsschauplatz Hajduk Split gegen Dinamo Zagreb. Eigentlich ist die Idee des Derbys allerdings eine andere: Es geht darum, wer der Herr im gemeinsamen Haus ist.

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Was aber macht ein echtes Derby zu einem so einzigartigen Spiel, das oftmals eine Bedeutung hat, die mit der Tabellensituation nicht ansatzweise argumentativ zu begründen ist? »Egal, wie ihr abschneidet, wenn ihr gegen die Stadt bei Lüdenscheid gewinnt, ist es eine gute Saison.«: So schwadroniert man gerne auf Schalke zuungunsten Borussia Dortmunds, wogegen die Dortmunder beim Blick auf das Klassement schon mal gnädig ein Auge zudrücken, solange nur »Herne-West« in den direkten Duellen ordentlich eins auf die Mütze bekommt. Eine Überhöhung, die Trainern graue Haare wachsen lässt, weil sie sich von den Rängen auf das Spielfeld übertragen kann und für eine Verschiebung der Prioritäten sorgt, die im Profifußball sonst eigentlich gelten sollten: Für ein Spiel gibt es maximal drei Punkte, und wer am Ende der Saison die meisten Zähler gesammelt hat, schneidet am besten ab. In dieser nüchternen Arithmetik ist aber nicht berücksichtigt, dass sich Spieler in Derbys die Seele aus dem Leib rennen und dabei einen Substanzverlust beklagen, der ein paar Tage später zu einer überraschenden Heimniederlage gegen einen vermeintlichen Abstiegskandidaten führen kann; dass sich erhitzte Gemüter zu einer Tätlichkeit hinreißen lassen, in deren Nachgang sie wochenlang aus dem Verkehr gezogen werden; dass ein Erfolg oder Misserfolg im Derby eine ganze Spielzeit kippen kann.

»Dieses warme Gefühl der Zuversicht«

Der ehemalige englische Nationalspieler John Collins, der in seiner Karriere unzählige Derbyerfahrungen gesammelt hat (u.a. in Edinburgh, Glasgow und Liverpool), hat das Phänomen in einem Interview mit der englischen Zeitung »The Independent« sehr gut beschrieben. »Ein Derby ist etwas Einzigartiges und in seinem Verlauf völlig unvorhersehbar«, sagt Collins. »Du kannst einen fürchterlichen Negativlauf haben und alle deine Schlüsselspieler sind außer Form. Dann aber schießt du ein frühes Tor, die Zuschauer gehen aus sich heraus und plötzlich spürst du dieses warme Gefühl der Zuversicht durch deine Adern strömen.«

Collins weiß aber auch zu berichten, dass insbesondere das »Old Firm« in Glasgow nicht allen Spielern gut getan hat. Während einer wie er es liebte, dabei zu sein, fingen andere Akteure angesichts der Atmosphäre buchstäblich an zu zittern. Die allgemeine Aufregung führte dazu, dass der Ball in den ersten Minuten oft wie in einem Flipper unkontrolliert hin und her sprang, außerdem waren die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt. »Im Ibrox-Stadion gibt es eine große Uhr«, erzählt Collins. »Du hast hochgeblickt und gesehen, dass bereits 43 Minuten um sind. Dabei hättest du gedacht, dass das Spiel gerade erst begonnen hat.«



In solch einem Ambiente kann sich Außerordentliches zutragen, auf den Rängen wie auf dem Spielfeld. Im besten Fall kulminiert beides zu einem vibrierenden Etwas, an das sich noch Jahre später alle Beteiligten lebhaft erinnern. Als am 5. April 1992 im argentinischen La Plata ein gewisser José Perdomo mit einem wunderschönen Freistoß das 1:0 für Esgrima gegen den Lokalrivalen Estudiantes erzielte, rasteten die Leute auf den Rängen derart aus, dass das in der Nähe gelegene seismologische Institut ein leichtes Erdbeben registrierte.

Wer hat Old Trafford bombardiert? Uwes Opa!

Womit nicht verschwiegen werden soll, dass es in Derbys auch die torlosen Unentschieden der öden Art gibt, vielleicht öfter noch als in anderen Konstellationen, weil die Bedeutung des Ereignisses auch die Beine lähmen kann. Und nicht alles, was sich Fans anlässlich eines Lokalduells einfallen lassen, entspricht der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Dass die Verpflichtung des Deutschen Uwe Rösler die Anhänger von Manchester City zu dem Schlachtruf »Wer hat Old Trafford bombadiert? Uwes Opa!« animierte, mag noch als typisch britischer Humor durchgehen. Doch gerade im Osten Europas, zum Teil auch in Südamerika, wird die dritte Halbzeit mit einer Verve ausgetragen, die immer wieder Opfer fordert. So wurde ein führendes Mitglied des Boca-Fanklubs »La 12« im Frühjahr 1994 beschuldigt, nach dem argentinischen Superclasico die Ermordung zweier River-Plate-Fans in Auftrag gegeben zu haben. Geradezu pervers auch, was Ultras von Aris Saloniki nach einem verlorenen Derby gegen PAOK einfiel: Als ihnen einen schwarz-weißer Hund über den Weg lief (die Vereinsfarben von PAOK), übergossen sie den armen Köter mit Benzin und zündeten ihn an.

Im besten Fall aber sind Derbys ein erfreulicher Anachronismus der Fußballgeschichte, ein Ereignis, wo an einem guten Tag noch die Magie des Moments über Geld und Kalkül triumphieren kann. Die gelegentlich monströsen Nebengeräusche muss man dabei in Kauf nehmen – Derbys sind nicht gerecht und schon gar nicht politisch korrekt. Natürlich ist es für jeden aufgeklärten Menschen ein hanebüchener Schwachsinn, dass Alex Ferguson die Glasgow Rangers verlassen musste, weil er die falsche Frau zur Braut gewählt hatte. Aber es ist ihm ja auch danach noch eine ganz ordentliche Karriere gelungen. Und er ist seit 44 Jahren glücklich verheiratet.

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