Die 50 härtesten Derbys der Welt #1

Frotzeln ist nicht mehr

Schalke gegen Dortmund, angeblich das beste Derby der Bundesliga. Alles schön und gut, aber wir präsentieren euch die 50 besten Derbys der Welt. Die Plätze 50 bis 25. Von H wie Hessenhass bis F wie »Friendly Derby«.

Alex Ferguson, der damals noch weit davon entfernt war, ein Sir zu sein, wollte eigentlich nur auf die Stimme der Liebe hören. Doch die Wahl seines Herzens provozierte einen Sturm der Entrüstung und sorgte dafür, dass sich der Stürmer der Glasgow Rangers einen neuen Job suchen musste. Ferguson hatte es gewagt, eine Katholikin zur Frau zu nehmen, und bereits das war für die Rangers zu viel. Glasgows Fußball spielt sich schließlich seit jeher entlang einer rasiermesserscharfen Demarkationslinie ab: auf der einen Seite die Rangers, blau, protestantisch und für die etablierten Kräfte der schottischen Gesellschaft stehend; auf der anderen Seite Celtic, grün-weiß, katholisch und der Verein für die armen irischen Einwanderer. Manches davon stimmt heute nur noch so halb, aber darum geht es bei diesem Thema nun wirklich nicht.

Willkommen im Derbyland, wo der Fußball endgültig jenseits jeglicher Rationalität angekommen ist. Geben Sie Ihren gesunden Menschenverstand an der Garderobe ab, bevor Sie sich auf dieses Terrain begeben. Hier ist die Legendenbildung wichtiger als jede historische Wahrheit, hier werden keine Gefangenen gemacht, es wird mit der gröbsten aller Nadeln gestrickt und die Rache ist süßer als irgendwo sonst. In dieser Gegend wimmelt es von Helden, Verrätern und Schurken, und der Schiedsrichter ist ohnehin der Schlimmste von allen. Das Phänomen des Derbys gehört zum Faszinierendsten, was der Fußball zu bieten hat. Und manchmal leider auch zum Ekligsten. Leichen pflastern seinen Weg.

Zwei alte Mühlsteine begründen das erste Derby

Dabei hatte alles ganz klein angefangen, sogar nicht mal richtig mit Fußball. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts gibt es im kleinen Flecken Ashbourne in der englischen Grafschaft Derby die Tradition des Shrovetide Matches, bei dem die Bewohner der Oberstadt gegen die der Unterstadt antreten. Ganze zwei Tage lang, an Faschingsdienstag und Aschermittwoch, versuchen dort mehrere hundert Teilnehmer, den Ball in einem der Tore unterzubringen, die etwa fünf Kilometer voneinander entfernt entlang des Flüsschens Henmore liegen, der die Kleinstadt in zwei Hälften teilt – wobei es sich nicht um Tore im engeren Sinne, sondern um zwei alte Mühlsteine handelt. Das Geschehen ist unübersichtlich, Rudelbildung par excellence, es wird getreten, gestoßen und gerungen, was das Zeug hält, und manch einer ist im Eifer des Gefechtes auch schon im Fluss ersoffen. Abgesehen von den Spielregeln bietet das Shrovetide Match all das, was auch die guten Derbys im Fußball auszeichnet: große Emotionen und eine starke lokale Rivalität. Nur der spielerische Charakter der Veranstaltung in Ashbourne, wo sich spätestens nach zwei Tagen die Wogen glätten und sich alle wieder lieb haben, der ist im Fußball manchmal verlorengegangen.

Das Derby, das als das älteste im Fußball gelten darf, ist gar nicht weit von Ashbourne zu Hause. 1866 war es, als in der mittelenglischen Stadt Nottingham erstmals die örtlichen Fußballklubs Forest und Notts County aufeinandertrafen. Die Keimzelle ihrer Rivalität ist eine geläufige bei Lokalduellen überall auf dem Planeten: Bürgerliche Oberschicht (Notts County) trifft auf proletarische Unterschicht (Forest), zumindest hat es in diesem Sinne mal angefangen. Spätestens mit dem kometenhaften Aufstieg von Forest Ende der Siebziger, als der Provinzklub unter Trainer Brian Clough sogar zweimal den Europapokal der Landesmeister gewann, hatte sich diese Einordnung aber erledigt. 

Das nächste Nottingham-Derby ist noch ein paar Jahre hin

Die Bedeutung des Nottingham-Derbys leidet darüber hinaus unter einem Umstand, der sich aus dem wankelmütigen Charakter der Kontrahenten ergibt: Es findet einfach zu selten statt, weil beide nicht oft in der gleichen Liga spielen. Heutzutage hat ohnehin jeder der Klubs seine eigenen Sorgen. Während Forest verzweifelt versucht, an die guten alten Zeiten anzuknüpfen, und es dabei zumindest mal wieder in die Spitzengruppe der zweiten englischen Liga geschafft hat, dümpelt Notts County in der vierten Liga, hat aber immerhin neuerdings einen Scheich als Geldgeber und den ehemaligen englischen Nationalcoach Sven Göran Eriksson als Sportdirektor verpflichtet. Bis zum nächsten Derby in der Liga ist es trotzdem noch ein paar Jahre hin.

Das Schicksal von Nottingham teilen auch andere englische Städte, denen das Derby als Höhepunkt des Fußballjahres irgendwie abhanden gekommen ist, weil sich die Protagonisten auseinanderentwickelt haben; frag nach in Sheffield, Stoke-on-Trent oder Bristol. Selbst in Manchester trug die Rivalität zwischen United und City bisweilen nur mehr folkloristische Züge, weil die Citizens kein echter Gegner mehr waren und sich bloß noch in Selbstmitleid ergingen. So antwortete City-Fan Noel Gallagher von der Band Oasis einmal auf die Frage, wieso seine Familie früher so arm gewesen sei: »Kein Wunder, wenn dein Vater sein ganzes Geld auf Siege von Manchester City wettet, nicht wahr?« Und der Autor Colin Shindler nahm sogar direkten Bezug auf den enteilten Lokalrivalen, als er seiner Autobiografie den Titel »Manchester United hat mein Leben zerstört« gab. Da überrascht es nicht, dass man in Old Trafford die Lust am Derby verlor und sich eher auf die im weitesten Sinne regionale, gewiss aber sportliche Rivalität mit dem FC Liverpool konzentrierte. 

Pflichtschuldiges Derby-Getöse in Madrid

Wie überhaupt bei vielen der großen Klubs andere Konfrontationen den lokalen den Rang abgelaufen haben. So lässt Real Madrid das Derby-Getöse beim Spiel gegen Atletico eher pflichtschuldig über sich ergehen – was zählt ist der Superclasico gegen den FC Barcelona. Und was bedeutet für Juventus heutzutage schon eine Partie gegen den runtergekommenen Rivalen Turin Calcio im Vergleich zu den Festtagen, an denen es gegen Internazionale oder Milan oder auch die Roma geht.

Überhaupt ist das Derby in seiner ursprünglichen Form in der Fußballmoderne zu einer gefährdeten Spezies geworden. Das liegt nicht nur daran, dass einstige Lieblingsfeinde nun sportlich darnieder liegen, sondern auch an einem zunehmend inflationären Gebrauch des Begriffes. Wenn alles Derby ist, was ist dann noch das Besondere daran? Glaubt man dem Fernsehen und den Boulevardmedien, dann ist Deutschland ein einig Derbyland, in dem es an jedem Wochenende zu Duellen kommt, die an Brisanz kaum noch zu überbieten sind. Dass die Partie Werder Bremen gegen den Hamburger SV als Nordderby bezeichnet wird, mag wegen der überragenden Bedeutung der Klubs für das norddeutsche Flachland noch angehen. Aber Hertha gegen Cottbus? Rostock gegen Union Berlin? Hoffenheim gegen Freiburg? Also bitte. Und wie viel tausend Menschen wohl dem Tag entgegenfiebern, an dem es endlich zum Zonenrandderby zwischen Wolfsburg und Magdeburg kommt?

Ein gutes Beispiel für den Bedeutungsverlust eines einstmals elektrisierenden Derbys ist das Münchner zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860. Schon vor zehn Jahren, als beide Vereine noch in der ersten Bundesliga spielten, klagte der Bayernveteran »Katsche« Schwarzenbeck in der »Süddeutschen Zeitung«: »Früher, da haben die Leute schon Wochen vorher auf das Derby hingefiebert. Wer spielt? Wer nicht? Heute ist das fast schon ein normales Bundesligaspiel geworden.« Die Erklärung dafür liefert Schwarzenbeck gleich mit: Ein Fußballspiel jagt heute das nächste, und in den Mannschaften stehen nur noch wenige lokal verwurzelte Spieler. In der Tat gab es Zeiten, als in der Mehrzahl junge Männer aus München und Umgebung auf dem Platz standen, wenn die »Roten« auf die »Blauen« trafen. 

Ein Scheich für die Löwen

Damals ging es tatsächlich noch um die Vorherrschaft in der Stadt, und ein Junge aus Giesing wie Franz Beckenbauer, der eigentlich ein geborener Sechz’ger war, ging bloß deshalb nicht zu den Löwen, weil er einst bei einem Jugendturnier von einem »Blauen« geohrfeigt worden war. Wie die Fußballhistorie wohl verlaufen wäre, wenn aus dem Kaiser der König der Löwen geworden wäre und parallel nicht Gerd Müller vor einem Wechsel zum TSV 1860 zurückgeschreckt wäre, weil ihm dort die Konkurrenz im Angriff zu stark erschien? Doch das ist eine andere Geschichte. So aber wurden aus den Bayern die deutschen Überflieger und aus den Sechz’gern ein darbender Traditionsklub, eine unumkehrbare Entwicklung, die ein Duell auf Augenhöhe für die Zukunft unmöglich macht; es sei denn, es findet sich noch ein Scheich für die Löwen, bevor die Welterdölreserven erschöpft sind.

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