Die 11FREUNDE-Serie zum Fan-Spezial: Die Auswärtsfahrt meines Lebens (6)

Nie war es schöner als in San Marino!

11FREUNDE-Neuzugang Uli Dehne hat jahrelang die deutsche Nationalmannschaft begleitet. Beruflich. Ein schöner Job. Doch nie war es so schön, wie damals, nach dem Sommermärchen 2006 in San Marino. Die Auswärtsfahrt seines Lebens.

Ich bin undankbar. Ich weiß das, aber so ist es. Ich gestehe, dass ich mir selber unangenehm bin, wenn ich erzähle, dass es mir als Sportjournalist keinen Spaß bringt, Spiele der deutschen Nationalmannschaft zu begleiten. Generell ist Sportjournalist ein Spitzenberuf, keine Frage. Wie andere Berufe hat auch  der Job Höhen (davon gibt es tatsächlich viele) und Tiefen (davon gibt es wenige). Und genau in die Kategorie der unbeliebten Tätigkeiten gehört für mich, Spiele redaktionell im Stadion zu begleiten.

Grob gesagt, unterscheidet sich der berufliche Ausflug ins Stadion von einer privaten Auswärtsfahrt durch drei Punkte: kein Alkohol, kaum Emotionen, dafür Stress. Und statt Freunde, begleiten einen Journalisten, von denen einige der Persiflage Horst Schlämmers doch sehr ähneln. Wer will schon nach dem Spiel in der Mixed Zone lauern und mit verschwitzten Kollegen um die besten Plätze wettdrängeln? Und wer will danach in Hetze einen Bericht, eine Analyse oder einen Kommentar zu schreiben, der spätestens zwei Stunden nach Abpfiff auf dem Tisch einer Redaktion landen muss?

Gleich nach dem Sommermärchen-Hype ging es nach San Marino

Genug der Jammerei. Es geht auch anders. Wie im September 2006, zwei Monate nach der Weltmeisterschaft in Deutschland, zwei Monate nach DJ Asa, Huuuuuth-Hype und der Jogi Löws. Da wurde ich nach San Marino berufen, um über das EM-Qualifikationsspiel gegen die Deutsche Nationalmannschaft zu berichten. Vier Tage lang begleitete ich dieses Mal Ballack, Klose und Co.

Vielleicht lag es an der erfolgreichen WM, vielleicht am touristischen Reiseziel, dem Spätsommer oder auch einfach daran, dass der Gegner nun wahrlich keinerlei Ängste hervorrief. Statt der Angespanntheit der WM herrschte geradezu hedonistische Lockerheit. Und so wurde aus dem Tripp eine Reise, die in der Retrospektive als Vergnügungs-Resort anmutet: Blauer Himmel, beste Laune, weißbeinige Touristen wohin man schaut, Gelati und Espresso im Stundentakt.

Das Hotel der Nationalspieler lag direkt in Rimini

Schon die Unterkunft war prima. Wir erinnern uns: San Marino liegt als Enklave mitten in der italienischen Region Emilia-Romagna. Genauer gesagt, keine 15 Kilometer von der Adriaküste entfernt. Das Hotel der Nationalmannschaft und uns Journalisten lag direkt in Rimini – dem touristischen Hotspot der 1950er und 1960er Jahre.

Doch statt Remmidemmi-Rimini strahlte der Ort vielmehr den Charme einer schwarz-weiß Postkarte der Kurischen Nehrung aus. Die schlimmsten Promenaden-Bausünden von Damp 2000 paaren sich dort mit dem Verfall verlassener ostdeutscher Dörfer. Eine herrlich skurrile Kulisse.

Und inmitten der nicht mehr so strahlenden Promenaden spielte sich das Leben dieser vier Tage überwiegend ab. Dort oder am Strand traf man sich mit Kollegen. Während in der Regel die Nationalspieler vor den Spielen kaserniert werden, erhielt die Kickerelite tagtäglich freien Ausgang. So trafen wir dann auch mal den Schweini und Poldi (die damals ernsthaft so auch angesprochen wurden) bummelnd in ihrem kurzen DFB-Dress zwischen Eisdielen und Souvenirhändlern an. Damals grinsten sie und flachsten beide noch dauerhaft und gaben Rimini die gute Laune zurück, die es die Jahrzehnte zuvor scheinbar verloren hatte.

Die Hoffnungsträger Hitzlsperger und Manuel Friedrich

Diese Urlaubsstimmung übertrug sich auf das sportliche Geschehen. Es sollte 0:13 ausgehen, einstige Hoffnungsträger wie Hitzlsperger und Manuel Friedrich trafen damals. Auch Arne Friedrich spielte mit.

Durchschnittlich fiel jedes Tore nach weniger als sieben Minuten. Aber allein zwischen der 64. und 73. Minute traf das DFB-Team vier Mal (0:8 Poldi, 0:9 Hitzlsperger, 0:10 Poldi 0:11 Hitzlsperger). Ich war mir nie so sicher, ob die Anzeigentafel tatsächlich den aktuellen oder einen alten Spielstand angab. Wäre ich während der Partie aufs Klo gegangen, hätte ich womöglich ein oder zwei Tore verpasst. Dann hätte ich die anderen Journalisten, nach dem wer, wie und wann fragen müssen.

Aber die wussten spätestens in der zweiten Halbzeit auch nicht mehr genau den Spielstand und Torschützen. Sogar die Kollegen einer Nachrichtenagentur riefen einmal in ihrer Redaktion in Deutschland an, um sich den Stand von einem Mitarbeiter durchgeben zu lassen, der das Spiel am Fernseher begleitete.

Wir waren ein verpeilter Haufen

Bei allen anderen Spielen, die ich miterlebt habe, wäre uns der Schweiß auf der Stirn ausgebrochen, wir wären in Hektik geraten oder hätten uns geschämt, den Überblick verloren zu haben. Doch während dieses Abends in Serraville, der größten Siedlung San Marinos, gefielen wir uns darin, nicht immer auf Ballhöhe zu sein. Wir waren ein verpeilter Haufen.

Mein Nachbar staunte während der Partie immer wieder über das Duo Friedrich und Friedrich (Manuel und Arne) auf dem Platz. Scheinbar fühlte er sich stets an die tschechische Kinderserie »Luzie, der Schrecken der Straße« erinnert. Dort gibt es zwei Knetmännchen mit den Namen  »Friedrich & Friedrich«, die ständig für Chaos sorgen. Mein Kollege fand das wohl witzig und übertrug das als Analogie auf das Spiel. Was keinesfalls passte. Egal.

Fast hätte Jens Lehmann einen Elfmeter getreten

Das Spiel endete mit einem Strafstoß in der 90. Minute. Im Schwung des Übermuts wurde  Jens Lehmann von Fans und Spielern aufgefordert, den Strafstoß treten. Doch auf der Hälfte des Weges zum gegnerischen Strafstoß fiel ihm auf, dass diese Aktion doch allzu respektlos und hochnäsig gewesen wäre. Und so durfte Bernd Schneider eins seiner wenigen Tore in der Nationaldress erzielen. Irgendwie war das ein harmonischer Ausklang, wir alle gönnten es dem »Schnix«, der ja sonst so wenig traf.

Nach dem Spiel trafen wir Journalisten die Spieler, entsprechend der lauschigen Stimmung, unter im Wind raschelnden Bäumen. Nur ein niedergetrampeltes Absperrband markierte diesen Bereich zu einer gedachten Mixed Zone, die nun allerdings eher eine Open Zone war. Es bildeten sich kleine Grüppchen, man scherzte und klopfte sich auf die Schulter. Ich bin mir sicher, dass Caspar-David Friedrich aus der Szene einen Klassiker der Romantik gemacht hätte.

So viel Nähe war selten, so viel Offenheit nie

Wir verabschiedeten die Spieler und wünschten viel Spaß auf der Rückreise im Bus ins Hotel. So viel Nähe war selten, so eine Offenheit nie. Es hätte mich nicht gewundert, wenn die Spieler uns gebeten hätten, mit ihnen im Bus Karten zu zocken oder Playstation zu daddeln oder was auch immer Spieler im Bus so machen.

Es war ein schöner Ausklang und mir war klar, dass es als Sportreporter nicht mehr zu holen gab als her. WM-Sommermärchen, Champions League-Finale oder El Clasico hin oder her. Nie war es schöner als in San Marino.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!