Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Fußballer in ihrer Freizeit

Helden in Strumpfhosen

Früher wollten die Jungs Superhelden sein und die Mädchen bei den Spice Girls singen. Manche wollten Fußballprofi werden – und schafften es tatsächlich. Unser Kolumnist Lucas Vogelsang hat Profis in ihrer Freizeit getroffen und findet: So toll ist das gar nicht! Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Fußballer in ihrer Freizeit

Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Jeden Dienstag machen sich  Lucas Vogelsang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Wenn unser heutiger Kolumnist Lucas Vogelsang nicht gerade für uns unterwegs ist, schreibt er für den Tagesspiegel, recherchiert für Theaterstücke oder flaniert beseelt durch Berlin.


Es ist wieder Superhelden-Zeit. Captain America, dieser Ur-Heroe in Strumpfhosen, ist zurück, hält seinen atomaren Sixpack in den Kugelhagel des Bösen und die freie Welt applaudiert. Fußballdeutschland berauscht sich derweil an einem 19 Jahre alten Wunderjungen aus Memmingen, der, ganz ohne atomaren Sixpack, bewiesen hat, dass Brasilien auch eine deutsche Tugend sein kann.

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Captain America oder Geri Halliwell

Diese Schaulust für das Übermenschliche hat mich an meine Grundschulzeit erinnert, als alle entweder Fußballer, Soldat oder Superheld werden wollten, oder sogar  Soldatensuperheld, also eben Captain America. Das galt natürlich nur für die Jungs. Die Mädchen waren lieber Spice Girls, schminkten sich eine Schicht Rouge ins Gesicht, toupierten sich die Haare zu wildbunten Nestern und übten Geri-Halliwell-Tanzschritte vor dem Spiegel. Für mich kam weder das eine noch das andere infrage. Ich war vom Typ her eher kein Sporty Spice und auch gegen Häuserwände zu springen oder sich mit Flecktarn im Dickicht des Spandauer Forsts zu verstecken, hat nie so recht in mein Weltbild gepasst. Das war nichts für mich.

Fußball mochte ich, aber da mein Realitätssinn schon damals sehr viel ausgeprägter war als mein fußballerisches Talent, hatte ich schnell gemerkt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Karriere als Profifußballer in etwa der Chance entsprach, im Botanischen Garten von einer genetisch veränderten Spinne gebissen zu werden. Superheld und Profifußballer waren deshalb gleichsam utopische Träumereien.  Also habe ich schon früh alle Überlegung in diese Richtung verworfen. Sollten sich halt die anderen im Flutlicht der Weltöffentlichkeit sonnen. Leggings und kurze Hosen waren eh nie mein Ding.

Im Zweikampf mit der Zeit

Heute bin ich ehrlich gesagt froh darüber. Denn das Leben eines Profifußballers ist, abseits der Stadien, jenseits der Mixed-Zonen, ein dauerhafter Zweikampf mit der Zeit. Weil Profifußballer viel zu viel davon haben. Dabei meine ich nicht den Alltag der Stars der Topvereine, der durch Englische Wochen und ständige Weltreisen mit der Nationalmannschaft strukturiert wird. Ich meine eher den Mittelklasse-Profi eines Mittelklasse-Vereins, bei dem zwischen zwei Spielen immer mindestens sechs Tage liegen, also 144 Stunden wettkampflose Zeit, Trainingsgrau.

Er trainiert unter der Woche in der Regel von zehn bis zwölf. Danach auslaufen, duschen, umziehen. Das deckt, alles in allem, etwa vier Stunden ab. Wenn er pro Nacht etwa sechs Stunden schläft, bleiben immer noch 84 Stunden pro Woche, in denen er ein Fußballer ohne Fußball ist. Und diese Stunden muss er irgendwie füllen. Das kann eine Herausforderung sein.

Shoppen, Wäsche, Training

Es gibt Spieler, die verbringen ihre Nachmittage, indem sie Modellflugzeuge am Himmel kreisen lassen, oder sie jagen Jugendliche mit Samurai-Schwertern über westdeutsche Raststätten. Doch was macht ein Fußballer, wenn er nicht über den Gleichmut von Tim Wiese oder Torsten Legat verfügt?

Er macht Normalo-Dinge. Shoppen, Wäsche, Hausmanns-Alltag. Vor zwei Wochen habe ich Maik Franz beim Saturn am Kurfürstendamm gesehen. Erkannt hat ihn keiner. Merke: Nicht jeder Tag im Leben eines Bundesligaspielers ist ein Edeldisko-Faustkampf.  Am selben Tag, etwas später, kam ich in einem Café in Charlottenburg mit Andreas Ottl ins Gespräch, er hatte gerade gezahlt und überließ mir seinen Platz. Ich erzählte ihm von Maik Franz und Saturn. Ottl nickte nur und sagte dann: »Da muss ich heute auch noch hin. Eine Waschmaschine kaufen.«

Neben ihm hatte noch ein anderer Hertha-Spieler gesessen, er blieb noch. Nachdem Ottl gegangen war, bestellte er sich eine Bionade und starrte minutenlang auf die Flasche. Auf die Frage, was er heute noch vorhabe, antwortete er mit einem gleichgültigen Schulterzucken. Vielleicht Fußball schauen. Europa-League-Quali. Er klang dabei so gequält wie ein Viertklässler, der noch Hausaufgaben zu erledigen hat. Und in diesem Moment empfand ich so etwas wie Mitleid mit ihm.

Langeweile auf der Couch, Tattoo auf dem Arm

Denn kein Rechtsanwalt würde seinen Feierabend damit verbringen, sich die besten John Grisham-Verfilmungen anzuschauen, selbst wenn er einen unerklärlichen Fetisch für Matthew McConaughey haben sollte. Kein Arzt kommt nach einem langen Tag auf der Notaufnahme nach Hause und freut sich dann, später mit seinen Kumpels einen »Grey’s Anatomy«-Abend zu verbringen. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es DB-Schaffner gibt, die bei »Europas schönste Bahnstrecken« entspannen. Eher schauen sie Fußball. Und bejubeln ihre Helden aus Kindheitstagen.
Wenn Fußballer anderen Fußballern beim Fußballspielen zuschauen, sitzt eben auch wieder die Langeweile mit auf der Couch.

Da ist es gar nicht so überraschend, dass Fußballer, wenn sie sich irgendwie die Zeit vertreiben müssen, auch mal auf eher schlechte Ideen kommen. Ottls Teamkollege Patrick Ebert hat sich nun an einem der endlosen Nachmittage die Hertha-Flagge auf den Arm tätowieren lassen.

Ebert wird das vielleicht eines Tages bereuen. Wahrscheinlich aber auch nicht. Zumal Kinderträume und Heldenfantasien durchaus auch härtere Folgen haben können als Millionenverträge, ein Tattoo und etwas Langeweile.

Von einem der Grundschul-Spice-Girls habe ich erst kürzlich gehört, dass sie sich für die nächsten zehn Jahre der Bundeswehr angeschlossen hat. Hindukusch, Wüstenstaub. Kein Ort für Helden. Vielleicht hätte sie lieber Fußballerin werden sollen.

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