Die 11FREUNDE-Dienstagkolumne: Bundesliga-Vorfreude

Kein Tor in Prag

Jeden Dienstag macht sich unser Autor Lucas Vogelsang Gedanken über den Fußball und was sonst noch so passiert. Heute schreibt er über seine Flucht vor der Bundesliga, die Angst vor Seehotel-Cups und ein verpasstes Spiel in Prag. Die 11FREUNDE-Dienstagkolumne: Bundesliga-Vorfreudeimago

Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Jeden Dienstag machen sich  Lucas Vogelsang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Wenn unser heutiger Kolumnist Lucas Vogelsang nicht gerade für uns unterwegs ist, schreibt er für den Tagesspiegel, recherchiert für Theaterstücke oder flaniert beseelt durch Berlin.


Ich war nicht da, ich war auf der Flucht. Am Samstagabend, als der Tscheche Tomas Pekhart Nürnbergs Siegtreffer im Olympiastadion erzielte, saß ich in dessen Heimat auf der Prager Karlsbrücke, ein Urquell in der Hand und verfolgte den stetigen Strom vorbeiziehender Touristen in ihren bunten Touristenkostümen, Schlachtenbummler ohne erkennbares  Ziel. Dahinter färbte das Dämmerungslicht das Wasser der Moldau, die Hügel glühten, die Stadt rauschte. Und die Bundesliga, das große Balltheater, schrumpfte vor dem Hintergrund der goldenen Stadt zu einer knappen Nachricht aus Deutschland: Hertha, kurz vor Schluss. 0:1. Schulterzucken. Aha, ging also auch. Erster Spieltag der neuen Saison ohne Sportschau, ohne Marcel Reif, ohne Livebilder. Ging sogar ziemlich gut.

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Mögliche Entzugserscheinungen blieben aus. Überrascht hat mich das allerdings nicht. Denn während es in der vergangenen Woche tatsächlich Leute gegeben haben soll, die dem Auftakt der neuen Bundesligasaison mit einer ähnlich hysterischen Anspannung entgegen fieberten wie sonst nur berufsinfantile Endzwanziger in Spitzenhüten und, Expecto Patronum, mit Zauberstäben in den Händen dem Kinostart des letzten Harry-Potter-Films, hielt sich meine Anspannung in Grenzen. Von Fieber keine Spur. Nicht mal erhöhte Temperatur. Vielmehr schien es, als hätten sich die vergangenen Wochen wie Muttis Wadenwickel um meine Fußballeuphorie gelegt. Noch bevor es richtig losging, war ich übersättigt, lustlos, fußballmüde. Kein Wunder. Immerhin hätte so ein Sommer zwischen Weltmeisterschaft und Europameisterschaft eigentlich eine Zeit der gesunden Fußballentschlackung sein können, eine mehrwöchige Kur im Naherholungsgebiet der Einzelsportarten. Radfahren in Frankreich, durchatmen in Wimbledon, die Seele baumeln lassen mit Martin Kaymer.

Vorbereitungsturniere, Schaukämpfe

Stattdessen aber bot die Sommerpausenberichterstattung ein überfülltes Buffet an Ersatzdrogen und Sättigungsmitteln minderer Qualität.  Geschmacksverstärker inklusive.

Erst war es der Versuch einer weiblichen Wiederaufführung des Sommermärchens, der den medialen Weißraum füllte. Mit einem krakeelenden Rahmenprogramm aus öffentlich-rechtlicher Überhöhung, künstlicher Dramatik und inszenierter Fanmeilen-Folklore. Das volle Programm. Und als die Japanerinnen triumphiert hatten und auch das Prinz-Drama auserzählt war, ging es gleich nahtlos weiter. Vorbereitungsturniere, Schaukämpfe. Mit Nachmittagskrachern wie Bayern München gegen Xamax Neuchatel, angeteasert wie der Sat1-Film-Film mit einer Weltpremiere. Werder Bremen empfängt den litauischen Meister. Alpen-Cup, Seehotel-Cup, Franz-Beckenbauer-Gedächtnis-Cup. Der Was-macht-eigentlich-Edi-Glieder-Pokal.

Ein in die Länge gezogenes Vorspiel

Schließlich kam auch noch Real Madrid nach Berlin, für das einzige Deutschlandkonzert auf seiner Welttournee. Auch diesem Spiel wurde, natürlich, schon wieder entgegengefiebert. Fehlte eigentlich nur noch das TV-Duell einer von Oliver Pocher trainierten Amateurelf mit der Traditionsmannschaft von Tasmania 1900, moderiert von Uli Potofski. Aber auch so war es unglaublich viel Fußball in einer eigentlich fußballlosen Zeit. Die vergangenen Wochen glichen schließlich einem in die Länge gezogenen Vorspiel, in dessen Verlauf die Lust auf den eigentlichen Akt, die Gier nach dem Höhepunkt, irgendwie verloren gegangen ist.

Deshalb saß ich an diesem Wochenende nicht in der S-Bahn in Richtung Olympiastadion, sondern im Eurocity nach Prag. Für die dringend benötigte Fußballentschlackung mit Urquell und Kafka, um durch eine erzwungene räumliche Trennung die Lust auf das Spiel wiederzufinden. Nur einmal befiel mich, für einen Augenblick die Sehnsucht. Im Taxi in der Prager Innenstadt. Ich wollte ins Stadion. Doch Slavia spielte in Liberec. Also setzte ich mich wieder auf die Karlsbrücke und beobachtete den ziellosen Strom der Touristen. Dann fuhr ich zurück nach Berlin. Die Erinnerungen an den ersten Spieltag dieser Saison liegen nun vor mir auf dem Tisch: Siebzehn Tschechiche Kronen und ein Zuckerpäckchen mit einem Portrait Franz Kafkas. Die Vorfreude aber ist zurück. Am Samstag ist endlich wieder Bundesliga.

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