Der heutige Grenzverlauf sieht aus, wie von Zorro in die Landschaft gefochten, ein Zickzack-Kurs. Gäbe es die Ortsschilder nicht – niemand würde den Übertritt in die andere Stadt merken. Denn nicht nur aus der Luft betrachtet sind Nürnberg und Fürth längst verschmolzen. Auch am Boden lässt sich nicht ausmachen, welche Postleitzahl zu wählen ist. Und doch gibt es sie, die Pufferzone, neutrales Gebiet in Form einer Straßenkreuzung. Fährt man von Süden darauf zu, geht es links nach Fürth, rechts nach Nürnberg. Aus Fürther Richtung fährt man auf der Nürnberger Straße, von anderer Seite auf der Fürther Straße.
Hier ist auch der U-Bahnhof „Stadtgrenze“ – er heißt wirklich so. Ein Siebziger-Jahre-Bau aus Stahl und Milchglas. Die Linie 1 verbindet die Städte, die Namensgebung der Haltestelle war angeblich als Warnung gedacht: Achtung, Sie verlassen den Ihnen bekannten Sektor. Dimi Ntokos ist einer der Fahrer dieser U-Bahn – und damit etwas Besonderes in der Region: An Arbeitstagen passiert er 16-mal die Grenze. Ntokos sagt: „Ich mag beide Städte, habe meine ersten 18 Jahre in Fürth gewohnt, lebe nun seit 21 Jahren in Nürnberg.“ Es gebe schon kleinere, nicht ganz ernst gemeinte Nickeligkeiten in der Bahn, sagt Ntokos. Beispielsweise, wenn an besagter Station Fahrgäste nach den Reisepässen der anderen fragen. Was ihn wirklich nervt, sind die Aufkleber mit Vereinswappen. Immer wieder werden sie in der Bahn vom Rivalen überklebt, klassisches Revierverhalten.
Südlich der Stadtgrenze steht eine Brauerei. Vor zwei Jahren wurde der Neubau fertiggestellt, seither arbeitet auch Helmut Ell für Tucher Bräu. Hier wird Fürther und Nürnberger Bier gebraut, zwei Sorten für die Grünen, zwei für die Roten, schön ausgewogen. Errichtet ist das Gebäude exakt auf der Stadtgrenze, die Nürnberger Kessel auf Nürnbergs Seite, die Fürther auf Fürths. Für Ell nur logisch: „Wenn sie die Brauerei nach Nürnberg gestellt hätten, würde kein Fürther das Bier trinken. Umgekehrt genauso.“ Was man in der Brauerei nicht aufteilen konnte, war der Parkplatz, er steht auf Nürnberger Seite. Die Folge: Die Dienstwagen tragen ein N auf dem Kennzeichen. Ein echtes Problem für Ell, der sich aber zu helfen wusste. „Das Erste, was ich gemacht habe, als ich vom Parkplatz runter bin: ein Kleeblatt neben das Nummernschild geklebt. Ist ja klar.“ Matthias Schlepper nickt zustimmend.
Beide leben seit ihrer Kindheit den Kleeblatt-Kult, den Ursprung der fußballerischen Feindseligkeiten zu Nürnberg konnten sie trotzdem nicht miterleben. Es war in den 1920er Jahren, als sich die gewachsenen Animositäten auch im Sport zeigten. Fürth wurde in diesem Jahrzehnt zweimal Deutscher Meister, Nürnberg fünfmal. Bei einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft 1924 gegen die Niederlande standen nur Spieler aus diesen Vereinen auf dem Platz. Die Reise nach Amsterdam aber absolvierten sie in verschiedenen Zugwaggons. Und als ein Fürther den 1:0-Siegtreffer erzielte, da jubelte kein Nürnberger.
In der jüngeren Vergangenheit wurde die Stimmung aggressiver, im Oktober versuchte ein Nürnberger Hooligan-Mob, das Ronhofer Vereinsheim zu stürmen. „Das gelang nicht“, erzählt Schreppel, mehr will er dazu aber nicht sagen. „Inzwischen kannst du bei einigen, vor allem jüngeren Nürnberg-Fans, keinen ironischen Spruch mehr bringen“, sagt Ell. „Dann kriegst du gleich ironisch auf die Fresse.“ Dass längst nicht alle so sind – diese Feststellung ist beiden wichtig. Stundenlang reden sie über Grünes und Rotes: Zwei Fußballfans, die ihre Stadt und ihren Verein bedingungslos verehren, die keine rote Kleidung in ihren Schränken haben. „Dass wir und die Nürnberger so unterschiedlich sind, ist kaum erklärbar“, sagt Schreppel. Und Ell ergänzt: „Wir Franken sind schon komisch.“