23.11.2012

Deutschlands ältestes Derby

Schranken zwischen Franken

Fürth und Nürnberg treffen am Samstag erstmals in der Bundesliga aufeinander. Die Rivalität der beiden Klubs ist aber viel älter; Rot und Grün verbindet eine Hassliebe. Ein Kontrollgang an der innerfränkischen Grenze.

Text:
Nicolas Diekmann
Bild:
Imago

Das Allerheiligste lagert im Keller, hinter einer Schranktür: grün-weiße Fanschals, Pullis, Mützen, Dutzende Trikots. Der Hüter des Schatzes heißt Helmut Ell. Vor jedem Spiel von Greuther Fürth, auch vor dem fränkischen Derby an diesem Samstag gegen Nürnberg (15:30 Uhr), geht er in den Keller und wählt die optische Unterstützung aus. Dabei hat Ell keine ungehinderte Entscheidungsfreiheit: Was er in dieser Saison bereits bei einer Niederlage im Stadion getragen hat, ist tabu. Aberglaube gehört bei ihm ebenso dazu wie grenzenlose Gefolgschaft des hiesigen Fußballvereins. Auf der Treppe nach oben, zurück in die Küche und vorbei an all den gerahmten Bildern alter Mannschaftsfotos, berichtet Ell stolz, dass seine Enkelin zwar noch nicht viel sprechen kann, „Kleeblatt“ kommt ihr aber schon über die Lippen.

Ells Haus steht in Sack, einem Stadtteil von Fürth, im Knoblauchsland, wie sich diese Gegend in Mittelfranken nennt. Keine 500 Meter weiter ist die Stadtgrenze. Dort beginnt Nürnberg. Ell sagt: „Zum Arbeiten gehe ich darüber, wenn ich muss. Aber sonst? Was soll ich da?“ Ell setzt sich auf seine Eckbank, über ihm zig Bierkrüge, er arbeitet seit zwei Jahren für die örtliche Brauerei. Ell bringt seinen Job mit nach Hause, gut ausgestattet mit Bier im Keller und im Bauch, schmale Brille, lange Stirn, 51 Jahre. Er lacht viel. Ihm gegenüber: Matthias Schreppel, der lacht auch viel und hat noch ein paar Haare weniger als Ell, ist dafür aber zehn Jahre jünger. Auf seinem T-Shirt: ein Kleeblatt. Seine Oberarme sind grün tätowiert. Schreppel führt die Fanvereinigung Sportfreunde Ronhof, die Ell einst mitgegründet hat. Sie ist die größte des Vereins. Auch Schreppel geht nur in Ausnahmefällen ins rote Nürnberg. Er sagt: „Die behandeln uns von oben herab.“ Ell sagt: „Die sind gönnerhaft. Solange wir nicht ihren Hegemonialanspruch angreifen.“

Genau das aber hat Fürth getan: mit dem Aufstieg. Die Spielvereinigung Greuther Fürth ist nun erstklassig, genau wie der 1. FC Nürnberg. Die Rivalität der Städte zeigt sich nicht nur beim Fußball, dort aber am deutlichsten. Am Samstag wird das älteste und meistgespielte Derby im deutschen Fußball erstmals in der Bundesliga ausgetragen, Nummer 255. Die Stadien sind keine 15 Kilometer voneinander entfernt, doch die Bewohner der Städte trennt weit mehr als das Autokennzeichen.

Helmut Ell nimmt einen Schluck Bier. Am Fahnenmast im Vorgarten wird vor Auswärtsfahrten das Kleeblatt gehisst, das Vereinswappen. „Immer, wenn ich auf Tour bin für meine Jungs.“ Ell blickt nach Boxdorf, drüben, hinter dem Acker. Das ist Nürnberg. „Die sind genauso Provinz wie wir“, sagt Ell. „Nur werden die Nürnberger damit nicht fertig, die wollen mehr sein. Wir können damit locker leben.“

In den Chroniken kann man weit zurückblättern und entdeckt Unterschiede, die auch heute noch erzählt werden. Fürth ist einige Jahrzehnte älter, erstmals schriftlich erwähnt 1007. Fürth galt immer als etwas freiheitlicher, liberaler, hatte nie eine Stadtmauer. Nürnberg dagegen war eine Reichsstadt, der Kaiser errichtete hier seine Residenz. Stadtmauern, Festungsbauten prägten das Bild der Stadt. Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung sagt dazu: „Die Nürnberger haben dadurch sicherlich ein anderes Selbstbewusstsein. Bei einigen schlägt das dann auch mal in Überheblichkeit um.“ Jungs Nürnberger Kollege Ulrich Maly sieht das berufsbedingt anders. „Als großer Bruder steht man automatisch unter Imperialismusverdacht, ich glaube, es hat sich eine beidseitige Hassliebe entwickelt.“ Eine halbe Million Einwohner hat Nürnberg, Fürth nur etwa ein Viertel davon.

Die Kräfteverhältnisse wechselten in den Jahrhunderten, die Rivalität aber wuchs. 1835 fuhr die erste Eisenbahn Deutschlands zwischen Nürnberg und Fürth, die wenig später errichtete Nord-Süd-Bahn lief allerdings um Fürth herum, angeblich auch auf Druck von Nürnberger Amtsträgern.

 
 
 
 
 
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