Deutschland startet in die EM

Eine Frage des Stils

Das Sommermärchen als Gründungsmythos: Die Nationalelf zehrt noch immer vom Rausch der WM 2006 und leidet zugleich unter ihm. Das Porträt einer Mannschaft, die noch nicht viel erreicht hat, von der aber alles erwartet wird. Deutschland startet in die EMImago
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Vermutlich war die Welt nie mehr in Ordnung als in diesen Tagen im vergangenen Herbst. Kein anderes Land hat sich so früh für die Europameisterschaft qualifiziert, keines nach dem Rausch der Weltmeisterschaft so souverän den Alltag gemeistert. Große Gelassenheit macht sich rund um die Nationalmannschaft breit, und selbst der Kaiser übt sich in Nachsicht: Franz Beckenbauer lässt sein Fußballvolk wissen, dass er die deutsche Mannschaft aktuell für die beste und konstanteste in Europa halte. Aber die Nationalmannschaft ist längst über das rein Sportliche hinausgewachsen. In den Feuilletons wird jetzt der Stil des Bundestrainers rezensiert und sein Hang zu modischer Kleidung begutachtet. Kurz vor dem nun nahezu wertlosen Qualifikationsspiel gegen die Tschechen in München führt die »Abendzeitung« ein Interview mit Joachim Löw, in dem »das Geheimnis seines Schals« enthüllt wird. Und über allem strahlt eine milde Oktobersonne, die die Menschen noch einmal in die Biergärten lockt. Es ist, als würde ewig Sommer sein.

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Der Sommer aber währt nur noch 90 Minuten.

20 Spiele hat die Nationalelf unter Löw bestritten, von denen vor allem die Siege in Erinnerung geblieben sind: das souveräne 4:1 in der Slowakei, das reife 2:1 gegen Tschechien in Prag, auch das manische 13:0 gegen San Marino und, natürlich, der Sieg in Wembley gegen England. Das vielleicht wichtigste Spiel in Löws Amtszeit aber ist eine Niederlage. Gegen Tschechien liegen Deutschlands neue Helden schon nach einer Viertelstunde 0:2 zurück, am Ende verlieren sie 0:3, und was noch viel schlimmer ist: Die Zuschauer beschließen den Abend mit wütenden Pfiffen. »So was gibt es nur in Deutschland«, sagt Torsten Frings.

Diese Mannschaft ist Löws Mannschaft

»Gestern standen wir noch als EM-Favorit überall in den Zeitungen, jetzt sind wir wieder die Deppen der Nation.« Wenn Löw nach dem Spiel sagt, dass diese Mannschaft die Pfiffe nicht verdient habe, dann tut er das auch, weil er sich persönlich getroffen fühlt. Diese Mannschaft ist seine Mannschaft, geschaffen nach seinem Willen und seiner Vorstellung.
Als Jürgen Klinsmann 2004, nach der desaströsen Europameisterschaft in Portugal, Bundestrainer wurde, hatte er vor allem eine Idee, wie der Prototyp einer funktionierenden Mannschaft aussehen sollte; erst Löw hat ihn zur Serienreife entwickelt: vor der WM als Ressortleiter Technik und Taktik, danach in alleinverantwortlicher Stellung. 46 ist Joachim Löw, als er im Sommer 2006 das wichtigste Traineramt der Republik übernimmt.

Nicht schlecht für einen, der zuletzt in Österreich und der Türkei gearbeitet hat, dort also, wo Trainer unterkommen, wenn sie in Deutschland nur noch schwer vermittelbar sind. »Man konnte ihn anbieten, wo mal wollte: Joachim Löw hat keinen inter-essiert«, sagt Fredi Bobic, der Mitte der Neunziger als Spieler in Stuttgart die Anfänge von Löws Trainerkarriere miterlebt hat. »Seine Entwicklung ist wirklich sensationell: von jemandem, der am Boden lag und nicht wusste, in welche Richtung es für ihn weitergehen wird, zum allseits geachteten Bundestrainer.«

Im Herbst 2007 zweifelt längst niemand mehr an Löws Eignung. Ein einziges Spiel hat die Mannschaft bis dahin verloren, im März 0:1 gegen Dänemark, als der Bundestrainer schon mal ein Perspektivteam für die WM 2014 aufs Feld schickte. Auch deshalb wirkt das 0:3 gegen Tschechien wie ein Schock. Aber ein Schock kann auch therapeutische Wirkung entfalten, indem er die Wahrnehmung noch einmal schärft. Die Niederlage gegen die Tschechen hat mehr über Löws Mannschaft erzählt, über ihre Stärken und ihre Schwächen, als all die schönen Triumphe zuvor. Dieses lausige Spiel hat der Mannschaft gezeigt, dass nichts von alleine geht und die scheinbare Leichtigkeit in ihren Darbietungen in erster Linie auf harter Arbeit basiert.

In Löws Elf steckt immer noch mehr Sommermärchen, als man gemeinhin gedacht hat – mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Die WM 2006, die wundersame Teamwerdung innerhalb von sechs Wochen, ist längst zum Gründungsmythos dieser Mannschaft geworden, und von dieser Erinnerung zehrt das Team immer noch. Manuel Friedrich hat das WM-Turnier nur als Zuschauer verfolgt; doch als der Verteidiger aus Mainz im Spätsommer 2006 Nationalspieler wird und zum ersten Mal dem elitären Kreis angehört, hat sogar er »das Gefühl, bei der WM dabei gewesen zu sein«. So ergeht es vielen, die erst danach hinzugekommen sind. Die Märchenprinzen haben sich nicht gemütlich eingerichtet in ihren wohligen Erinnerungen; auch die Neuen durften an diesem Schatz teilhaben.

Im Juni 2006 ist Mario Gómez mit Freunden nach München gefahren, um sich beim Public Viewing das Achtelfinale der Deutschen gegen Schweden anzusehen. Gómez hat sich eine schwarz-rot-goldene Perücke und eine Sonnenbrille aufgesetzt. Der Stürmer des VfB Stuttgart wollte nicht erkannt werden, deshalb die Verkleidung. Vielleicht wollte Gómez auch einfach ein ganz normaler, das heißt ein ganz normal durchgeknallter Fan dieser Mannschaft sein, die damals das Land verzaubert hat. Im Sommer 2006 ist Gómez noch ein weitgehend unbekanntes Talent, sein Aufstieg beginnt erst nach der WM. Im Sommer darauf wird er Meister mit dem VfB und Deutschlands Fußballer des Jahres. Als ihn Rainer Holzschuh, der Chefredakteur vom Kicker, anruft und ihm sagt, es gehe um die Wahl zum Fußballer des Jahres, stutzt Gómez für einen kurzen Moment: Fußballer des Jahres? Wen könnte er wählen? Diego? Bernd Schneider? Gómez glaubt, er selbst müsse nun seinen Favoriten benennen. Dass er selbst gewählt worden sein könnte, kommt ihm nicht in den Sinn.

Wenn schon Mario Gómez von Mario Gómez und seiner Entwicklung überrascht wurde, kann man sich leicht ausmalen, wie sehr die Nation damit überfordert war. Wie ein Schneesturm im August ist der Stürmer übers Land gekommen. Im Februar 2007 debütiert er gegen die Schweiz in der Nationalmannschaft, im ersten Länderspiel erzielt er sein erstes Tor, aber die Erkenntnis, dass dem deutschen Fußball gerade ein Ausnahmestürmer erschienen ist, verbreitet sich allenfalls im Zeitlupentempo. Als die Nationalmannschaft Anfang des EM-Jahres für ihren Hauptsponsor einen Werbespot dreht, in dem die Spieler in Luis-Trenker-Anmutung den Montblanc erklimmen, spielen die Helden des Sommermärchens noch einmal die Hauptrollen: Bastian Schweinsteiger, Bernd Schneider, Michael Ballack und Philipp Lahm. Bei der Vorstellung des Films wird Gómez gefragt, ob die Dreharbeiten anstrengend gewesen seien. Ach nee, antwortet er, er sei ja nur ganz kurz zu sehen, irgendwo »links vom Berg«. Auf die Idee, dass ihm längst ein Platz im Zentrum zusteht, ist offensichtlich niemand gekommen.

Die wundersame Vermehrung der Nationalspieler


Achtunddreißig Spieler hat Löw seit der WM eingesetzt, darunter sechzehn Debütanten. Zwischendurch schien es, als wären die personellen Möglichkeiten des deutschen Fußballs plötzlich unerschöpflich, als bräuchte es Michael Ballack nicht oder Torsten Frings. Fällt gegen England beinahe das komplette WM-Mittelfeld aus – egal! Dann spielt eben Philipp Lahm, der Außenverteidiger, als Sechser vor der Abwehr. »Grundsätzlich haben wir ein paar Auswahlmöglichkeiten mehr als noch vor der WM 2006«, sagt Joachim Löw. Bei genauerer Betrachtung aber ist die wundersame Vermehrung der Nationalspieler gar kein Wunder. Die Nationalmannschaft hat sich in die Breite entwickelt, nicht in der Spitze – am Ende hängt doch wieder alles an Ballack. Bis zur Verletzung von Bernd Schneider war Löws gedachte Stammelf für die Europameisterschaft nahezu identisch mit der tatsächlichen Stammelf seines Vorgängers Klinsmann bei der Weltmeisterschaft. Zehn der elf mutmaßlichen Stammspieler gehörten schon 2006 zum WM-Kader. Neu ist nur Gómez, der Mann links vom Berg.

Seinen Höhe- und Endpunkt erlebt das Sommermärchen im Juli 2006 mit dem Spiel um Platz drei; endgültig zu den Akten gelegt wird es drei Monate später, als in Berlin »Deutschland. Ein Sommermärchen«, der Film von Sönke Wortmann, welturaufgeführt wird. Während Jürgen Klinsmann, ohne den das alles gar nicht möglich geworden wäre, sich für sein Fernbleiben per Videobotschaft entschuldigt und auch Oliver Kahn keine Lust hat, sich als tragischen Helden auf der Leinwand zu sehen, erlebt die nächste Generation der Nationalspieler die letzten Ausläufer der Sommerhysterie. Malik Fathi, Jan Schlaudraff, Piotr Trochowski und Alexander Madlung, Löws erste Neuentdeckungen, huschen mit Frings, Ballack, Lehmann und Metzelder über den roten Teppich.

Die ARD sendet live vom Potsdamer Platz, Lukas Podolski stürzt, albern wie ein Erstklässler, Arm in Arm mit David Odonkor an den kreischenden Mädchen vorbei, die Bundeskanzlerin wird beim Autogrammeschreiben um Amtshilfe gebeten: »Können Sie die Spieler noch mal rausschicken?« Anschließend wird sie von Joachim Löw und Bastian Schweinsteiger für die Fotografen in die Mitte genommen. Ja, Schweini und die Kanzlerin, nationales Traumpaar des Sommers nullsechs. Überhaupt Schweinsteiger. Am nächsten Tag wird mehr über den weißen Schal diskutiert, den er sich für die Premiere um den Hals geschlungen hat, als über das bevorstehende Testspiel gegen Georgien.

Wie er da steht, weiße Schuhe, Blue Jeans, dunkles Sakko überm bedruckten T-Shirt, dazu der weiße Schal, wie er sich leicht zur Bundeskanzlerin neigt und dann das Wort an sie richtet. Ist Schweinsteiger noch Fußballer? Oder schon Filmstar? Und lässt sich aus seinem lässigen Auftritt auf dem roten Teppich nicht auch ein Reifeprozess auf dem Platz ableiten? In diesen Tagen jedenfalls scheint es so.

Anderthalb Jahre später, wenige Wochen vor der EM, wird Michael Ballack in einem »Spiegel«-Interview gefragt, ob er denn den Eindruck teile, dass sich nicht alle Spieler seit der Weltmeisterschaft weiterentwickelt hätten. »Ja«, antwortet der Kapitän der Nationalmannschaft, »aber warum, das weiß ich auch nicht«. Namen nennt er nicht. Aber man kann sich denken, dass er auch Bastian Schweinsteiger meint, der schon in jungen Jahren als Retter des deutschen Fußballs galt und inzwischen tagtäglich bei seinem Vereinskollegen Franck Ribéry beobachten kann, dass man in seinem Alter schon viel weiter sein sollte. Das Gleiche gilt für Lukas Podolski, der 2006 vor Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Wayne Rooney zum besten Nachwuchsspieler der WM gewählt wurde und bis heute über den Status als Talent nicht hinausgekommen ist.

Die Huldigungen fallen hymnisch aus


In der Nationalmannschaft erleben Schweinsteiger und Podolski wenigstens noch das, was ihnen bei den Bayern weitgehend verwehrt bleibt: Momente, in denen sie sich wichtig fühlen dürfen. Bei Podolski ist es in der EM-Qualifikation gegen Zypern, in der er im linken Mittelfeld eingesetzt wird und in ungewohnter Rolle sein vielleicht bestes Spiel des Jahres 2007 macht. Eins der vier Tore schießt Podolski selbst, zwei bereitet er vor. Schweinsteiger wiederum wird vor allem für seinen Auftritt in Wales exzessiv gelobt, als er aus dem defensiven Mittelfeld heraus das deutsche Spiel lenkt. Die Huldigungen fallen allerdings derart hymnisch aus, dass sie Uli Hoeneß, den Manager des FC Bayern München, geradezu zum Widerspruch nötigen: Wales sei doch allenfalls eine zweitklassige Mannschaft gewesen. Wenn Schweinsteiger sich am Mittelkreis drei Minuten auf den Ball gesetzt hätte, wäre immer noch kein Gegenspieler vorbeigekommen.

Ist die Nationalelf in den vergangenen beiden Jahren einfach nur überschätzt worden, so wie Poldi und Schweini, das lustigste Pärchen des deutschen Fußballs seit Tip und Tap? Dass die Mannschaft, manchmal zum Ärger von Hoeneß und anderen Vertretern der Bundesliga, fast durchgängig eine gute Presse hatte, lässt sich zumindest nicht bestreiten.
Im Oktober 2006 treffen im brüchigen Stadion Tehelné pole von Bratislava das neue und das alte Deutschland aufeinander. Während die Nationalmannschaft ihre Ankunft in der Moderne feiert und mit Präzisions- und Hochgeschwindigkeitsfußball ihren Gegner zerlegt, wütet auf den Rängen der rechte Mob. Sitzschalen fliegen in Richtung slowakischer Fans, Ordner werden attackiert, rassistische Parolen (»Asylanten« und »Zick, zack, Zigeunerpack«) gegrölt. Nach dem Spiel will der Block mit den Randalierern »die Mannschaft seh’n«. Die Spieler verschwinden grußlos in die Kabine.

Der Tag vor dem Spiel, Pressekonferenz im Hotel der Deutschen. Löw wird zu den spielerischen Fortschritten vernommen, zur Personalsituation, aber auch zu den Problemen, die die Mannschaft vor der WM bei Spielen in fremden Stadien hatte. Als der Bundestrainer mit seinen Ausführungen beinahe am Ende ist, muss Pressesprecher Harald Stenger leider mitteilen, dass die slowakischen Journalisten von einer falschen Anfangszeit der Veranstaltung ausgegangen und deshalb erst jetzt gekommen seien. Joachim Löw fragt, ob er jetzt alles noch einmal sagen solle – und lacht. Dann fängt er von vorne an.

Es ist eben alles eine Frage des Stils. In der Sache ist Löw nicht weniger entschlossen als sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, aber er stößt die Leute nicht vor den Kopf. Klinsmann wollte den deutschen Fußball revolutionieren. Mit aller Macht und so schnell wie möglich. Löw versucht ihn mit seinen Vorstellungen zu infiltrieren. Sein Gegengift wirkt schleichend, aber es wirkt. Mal erwähnt er nahezu beiläufig, dass das Zweikampfverhalten in der Bundesliga dilettantisch sei, mal klagt er, dass es vielen Vereinen an Konzepten mangle oder die Trainerstäbe nicht besonders geschickt zusammengestellt seien. Wütenden Protest wie Klinsmann haben Löws Einlassungen selten ausgelöst.

Es gibt allenfalls einen latenten Unmut in der Liga über die vermeintlichen Besserwisser bei der Nationalmannschaft, aber der richtet sich eher gegen den smarten Manager Oliver Bierhoff als gegen Löw. Rudi Völler hat Bierhoff einen Besuch bei Dr. Müller-Wohlfahrt, dem Arzt der Natio-nalmannschaft, empfohlen: »Das permanente Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen muss doch schmerzhafte Schädigungen nach sich ziehen.« Solche Wortmeldungen aber sind die Ausnahme. In Klinsmanns permanenter Testphase war es leicht, einen Ansatz für grundsätzliche Kritik zu finden; Löw aber hat sich durch die schnellen Erfolge seiner Mannschaft nahezu unangreifbar gemacht.
Vermutlich übt der Bundestrainer längst einen stärkeren Einfluss auf den Fortgang des deutschen Fußballs und den DFB aus, als Klinsmann ihn je gehabt hat. Das liegt auch daran, dass Löw anders als sein Vorgänger nicht von vornherein nur in einem Zwei-Jahres-Plan gedacht hat. Seine Perspektive ist viel weiter. Mit Frank Wormuth, der seit diesem Jahr die Trainerausbildung des DFB leitet, hat Löw einen engen Vertrauten an einer strategisch wichtigen Position installiert. Beide kennen sich schon seit den Achtzigern, als sie gemeinsam eine Saison lang beim SC Freiburg in der Zweiten Liga spielten. Damals, so sagt Wormuth, ist »eine Art Freundschaft« entstanden: Über zehn Jahre sind sie regelmäßig zusammen in Urlaub gefahren, und als Wormuth Löw bei Fenerbahçe Istanbul als Ko-Trainer zuarbeitete, »da waren wir praktisch Tag und Nacht zusammen«.

»Die Worte, die er benutzt, sind nichts Neues für mich«

Aber entscheidend ist nicht, dass Wormuth mit Löw befreundet ist; entscheidend ist: Beide denken den Fußball gleich. Als Löw im Sommer 2006 seinen neuen Assistenten, seinen Löw gewissermaßen, suchte, zählte auch sein alter Kumpel aus Freiburg zu den Kandidaten. Am Ende entschied sich der Bundestrainer für Hans-Dieter Flick. Wenn Wormuth den Ko-Trainer der Nationalmannschaft heute über Fußball reden hört, kommt ihm vieles bekannt vor: »Die Worte, die er benutzt, sind nichts Neues für mich – die kenne ich von Joachim Löw.«

Im Rückblick und mit dem Wissen all dessen, was seit dem Sommer 2006 passiert ist, scheint es vorgezeichnet gewesen, dass nur Löw Klinsmanns Nachfolger werden konnte. Aber so logisch war das gar nicht. Löw sagt, während des Turniers sei es zwischen ihm und Klinsmann nie ein Thema gewesen, was nach dem Turnier passiere: ob Klinsmann weitermache oder aufhöre und er dann sein Nachfolger werden würde. Die Entscheidung fiel erst nach dem letzten Auftritt der Deutschen im Spiel um Platz drei und der Verabschiedung am Brandenburger Tor. Von Berlin aus flogen Klinsmann, Löw, ihr gemeinsamer Berater Roland Eitel und Oliver Bierhoff in den Schwarzwald, um in einer Klausur das weitere Vorgehen zu besprechen. Erst da soll Klinsmann seine Vertrauten von seinem Entschluss in Kenntnis gesetzt haben, den Vertrag als Bundestrainer nicht zu verlängern. Als alles geklärt war, nahm Klinsmann sein Handy: »Ich sag jetzt mal dem DFB Bescheid.« Eine halbe Stunde später klingelte bei Joachim Löw das Telefon. Es war Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes.

Oliver Bierhoff, der Manager der Natio-nalmannschaft, glaubt sich noch gut an die Skepsis beim DFB zu erinnern, »als ich den Namen Joachim Löw als möglichen Nachfolger für Jürgen Klinsmann hinterlegt habe. Nicht dass sie ihm das nicht zugetraut hätten – aber der DFB war eben immer große Namen wie Beckenbauer, Völler oder Klinsmann gewohnt.« Die Zweifel sind allerdings schnell verflogen. Als im Herbst 2007 die Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung anstehen, befindet sich Löw längst in der Position des Stärkeren, aus der heraus er die Bedingungen diktieren kann, die der Verband schließlich akzeptiert.
Wenn Joachim Löw über die Entwicklung der Nationalmannschaft seit der Weltmeisterschaft spricht, erwähnt er immer wieder, dass Spieler wie Marcell Jansen, Thomas Hitzlsperger oder Mario Gómez enorm vorangekommen seien, dass Per Mertesacker innerhalb der Mannschaft zur Führungsfigur aufgestiegen sei. Die größte Entwicklung aber hat er selbst gemacht. Löw hat einen nahezu selbstverständlichen Stil gefunden, der perfekt zu ihm passt. »Man merkt einfach, dass er eine gewisse Härte bekommen hat und inzwischen ein großes Selbstbewusstsein besitzt«, sagt Fredi Bobic. »In seinen Aussagen ist er ganz klar, bestimmend und zielgerichtet – aber nie verletzend.« In Stuttgart war er für die Spieler eher noch ein Kumpel, »der einfach ein Händchen dafür hatte, mit diesem verrückten Haufen umzugehen«, sagt Bobic. »Er ist unser großer Bruder. Immer noch.« Nach dem Pokalsieg 1997, bei der Feier auf dem Stuttgarter Marktplatz, musste Löw eine Wettschuld einlösen, weil er, zumindest öffentlich, nicht an den Titelgewinn geglaubt hatte. Marco Haber setzte den Langhaarschneider an und rasierte seinem Trainer eine Glatze. Heute würde Löw so etwas nicht mehr mit sich machen lassen.
August 2007, einen Tag vor dem Länderspiel gegen England. Auf einem Platz nicht weit vom Wembley-Stadion spielt eine englische Fanauswahl gegen die Schauspieler-Mannschaft aus dem Film »Das Wunder von Bern«. Es nieselt , der Platz ist schmierig und holprig, aber die Stimmung könnte kaum besser sein. Die Engländer gewinnen – nach Elfmeterschießen. Am nächsten Abend aber ist alles wie immer. England leidet, und die deutschen Fans singen »Heimspiel in Wembley« dazu. Joachim Löw verlässt in der zweiten Halbzeit seine Trainerbox und setzt sich auf ein Geländer am Treppenaufgang. Der Bundestrainer trägt ein weißes Hemd und einen leichten Sommerschal um den Hals, er hat die Beine übereinandergeschlagen und das Kinn in seine Hand gestützt. Löw macht einen sehr entspannten Eindruck. »Es gibt nicht viele Orte, wo es so schön ist zu gewinnen wie hier«, sagt er.

Dass das Amt des Bundestrainers ihn und sein Leben verändern würde, hat Löw wohl schon geahnt, noch bevor er seine eigentliche Arbeit aufgenommen hat. Kurz nach der WM erscheint in der »Bild«-Zeitung ein Paparazzo-Foto, das ihn beim Sonnenbaden zeigt, mit freiem Oberkörper, Kappe im Camouflage-Look auf dem Kopf, einem iPod in der Hand und einer Zigarette lässig im Mund. »Jogi cool«, jubelt »Bild«. »So einen Bundestrainer hatten wir noch nie.« Löw aber ist entsetzt, dass ein Fotograf mutwillig in seine Privatsphäre eingedrungen ist. »Als Bundestrainer stehe ich noch mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Wenn ich aus meiner Haustür gehe, bin ich Gemeingut«, sagt er. »Daran musste ich mich im ersten halben Jahr erst gewöhnen.«

Die Journalisten wollen jetzt nicht mehr nur wissen, ob Lukas Podolski der richtige Partner für Miroslav Klose ist oder Jens Lehmann als Torhüter überhaupt noch tragbar; sie fragen jetzt auch, ob sich Löw die Haare färbt: »Ich färbe sie nicht, und wenn ich es tun würde, dann würde ich es Ihnen nicht sagen. Solche Fragen möchte ich nicht beantworten.« Und auch das Geheimnis seines Schals ist eigentlich keines. »Ich bin empfindlich bei feuchtem, kühlem Wetter, bei Wind«, sagt Joachim Löw. »Da bekomme ich leicht Verspannungen.«

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