Deutschland liebt den Mittelstürmer

Löw und sein Neuner

Von Müller bis Klinsmann: Die Deutschen lieben ihre Stürmer. Doch Bundestrainer Löw will auf einen Vollstrecker verzichten. Dafür wuseln kleine, wendige Spieler herum - bisher oft ziellos.

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Die freudige Angelegenheit wurde recht geschäftsmäßig abgehandelt. Die obligatorische Torte, ein Ständchen im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Training – weitergehende Feierlichkeiten fanden nicht statt, als Miroslav Klose am Montag seinen 36. Geburtstag feierte. Vermutlich wird sich sein Bedauern über das wiederkehrende Ritual in Grenzen gehalten haben. Klose kennt das Prozedere. Es war bereits das siebte Mal seit 2002, dass er seinen Geburtstag im Kreis der Nationalelf gefeiert hat. Nicht nur wegen seines fortgeschrittenen Alters ist Klose ein Überlebender aus einer anderen Zeit – auch seine Position als Stürmer ist vom Aussterben bedroht.

Vor vier Jahren, bei der Weltmeisterschaft in Südafrika, hat Klose selbst gesagt, er gehe davon aus, dass dies seine letzte WM sein werde. Er konnte ja nicht ahnen, dass er mit 36 Jahren immer noch gebraucht wird. Mario Gomez hat fast die komplette Saison wegen Verletzungen verpasst, Stefan Kießling fehlt für den Geschmack von Bundestrainer Joachim Löw die internationale Klasse. Und viel mehr ist nicht in der einstigen Stürmernation Deutschland. 2010 in Südafrika standen noch vier gelernte Angreifer in Löws Aufgebot: Klose, Gomez, Kießling und Cacau. Im aktuellen Kader wird Klose als einziger Spieler in der Rubrik Sturm geführt. »Leider haben wir keinen Oliver Bierhoff zur Verfügung«, sagt Löws Assistent Hans-Dieter Flick.

Alle offensiven Spieler sind für Löw Stürmer

Das war wahrscheinlich ein wenig geschwindelt. Selbst wenn Oliver Bierhoff 15 Jahre jünger wäre und voll im Saft stünde – für den WM-Kader käme er eher nicht in Frage. Der Bundestrainer scheint sich immer mehr in ein System ohne klassischen Stürmer in der Spitze verliebt zu haben, stattdessen mit kleinen wuseligen Quälgeistern, den sogenannten falschen Neunern. »Es ist nicht notwendig, die großen bulligen Stürmer zu haben«, sagt Löw.

An dieser Frage lässt sich hervorragend demonstrieren, mit welchem Tempo sich der moderne Fußball entwickelt hat. Bei seinem ersten Turnier als Bundestrainer, der Europameisterschaft 2008, hat sich Löw noch mit Verve gegen die Idee gewehrt, vom 4-4-2-System mit zwei Stürmern abzuweichen. Inzwischen hat er kein Problem mehr, überhaupt keinen gelernten Angreifer aufzubieten – auch wenn er weiß, dass diese Liebe vom Volk nicht unbedingt geteilt wird.

»Falsche Neun, richtige Neun – dem messe ich weniger Bedeutung bei«, sagt Löw. Für den Bundestrainer ist das auch ein Kampf um Begriffe. Bitte, wenn die Deutschen Stürmer haben wollen, sollen sie ihre Stürmer bekommen. »Müller, Klose, Götze, Schürrle, Podolski, Özil – das sind für mich Stürmer, offensive Leute«, sagt der Bundestrainer, und beim Wort »Stürmer« bildet er mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis, um seine Haltung zu unterstreichen.

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