Deutschland gegen Ghana in der Einzelkritik

Das Leben ist kein Spielfilm

Merte wie ein Tanzbär, Özil wie im schlechten Film, Klose fast im Himmel: Die deutsche Mannschaft gegen Ghana in der Einzelkritik.

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Manuel Neuer
Langsam geht es einem zwar auf den Keks, dass Manuel Neuer alle 30 Sekunden von deutschen Kommentatoren als »mit Abstand bester Torwart der Welt« bezeichnet wird, aber gegen Ghana bewies der Münchener, dass er zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird. Und das macht ein Welttorhüter nun mal. Bei den Gegentoren war er machtlos wie Juan Carlos, bei den zahlreichen ghanaischen Versuchen aus der Distanz packte Neuer routiniert seine Qualitäten aus der Kiste. Artistisch wie er kurz vor dem Ende einen Abwurf um die eigene Achse warf, uns und zahlreiche Physiker damit überraschte, und die Pille dann doch in des Gegners Hälfte beförderte. Anschließend zoomten die Kameras geduldig in Neuers Gesicht, mutmaßlich auf ein nervösen Zucken hoffend. Und Neuer? Lächelte. Um Manuel Neuer müssen wir uns bei dieser WM keine Sorgen machen.

Mats Hummels
Nicht so präsent wie gegen Portugal – was  vielleicht auch daran lag, dass Hummels in der Offensive nicht eine gute Aktion gelang – aber immer noch der wesentlich stabilere der beiden deutschen Innenverteidiger. Erstaunlich wie der Dortmunder selbst in extrem kritischen Zweikämpfen seine Vorzeige-Frisur bewahrt, mit der wahrscheinlich selbst wir 1.) in jeden Club kommen, 2.) uns mit dem Türsteher im Club anfreunden, und 3.) selbst die Freundin vom Club-Türsteher flachlegen könnten.

Per Mertesacker
Mit Mertesacker ist es wie mit dem viel zu groß gewachsenen Schulhofschläger aus der 5. Klasse. Gegen Typen wie uns hatte der Hüne nie Probleme, wenn es darum ging, Köpfe ins Klo zu stecken. Dann kam dieser drahtige Deutschland-Russe mit Talent zur Hauerei in unsere Klasse und der Hüne bekam plötzlich ordentlich Probleme. Der 1,98 Meter-Mann sieht immer dann besonders schlecht aus, wenn die Angreifer nicht nur klein, sondern auch bullig sind. Nicht nur einmal schafften es die Ghanaer, den deutschen Abwehrchef wie einen an beiden Pfoten verwundeten Tanzbären aussehen zu lassen.

Jerome Boateng
Eines der großen Mysterien kurz nach dem Schlusspfiff: Warum wurde Jerome Boateng zur Pause ausgewechselt? Schlecht gespielt hatte er nicht, verletzt sah er auch nicht aus. Gewagte These: Jogi Löw ist so eine coole Sau, dass er mit Shkodran Mustafi einfach ein wenig mehr Gefahr (für die eigene Mannschaft) einwechseln wollte, um seine Mannschaft auf ihr Verhalten in kritischen Situationen zu testen. Und weil das ähnlich gewagt wäre wie eine Karriere als Quarterback mit Glasknochen, halten wir lieber unseren Mund und behelfen uns mit der hilflosesten aller Journalistenthesen: Der Bundestrainer wird sich schon was dabei gedacht haben.

Benedikt Höwedes
Irgendwie macht das für uns noch immer wenig Sinn: Benedikt Höwedes auf links außen. Als wenn man Aretha Franklin damals als Backgroundsängerin eingesetzt hätte. Höwedes machte auch gegen Ghana seinen Job in der Defensive, für offensive Aktionen eines Außenverteidigers, der dann mal für Gefahr sorgt, wenn die kreative Mitte krankt, ist er einfach zu langsam. Allerdings: Der Bundestrainer wird sich schon was dabei gedacht haben.

Toni Kroos
Der moderne Fußball ist ja inzwischen viel zu schnell für unsere ungeübten Augen. Vermutlich war Toni Kroos gegen Ghana der Dreh- und Angelpunkt im deutschen Aufbauspiel, wahrscheinlich stopfte er Lücken in der Defensivzentrale wie fleißige Omas Enkel-Socken. Möglicherweise öffnete er mit seinen kreuz- und quer-Pässen unbewachte Quadratmeter für seine Mitspieler. Rein aus der Fan-sitzt-vor-der-Glotze-Perspektive müssen wir aber kernig urteilen: Toni Kroos hat uns enttäuscht.

Philipp Lahm
Nein, es ist bislang einfach nicht die WM von Philipp Lahm. Ihm geht es wie einem Tramper, der auf seinem Schild stehen hat »Ich bringe euch alle um« – alles rauscht an ihm vorbei. Gegen Ghanas athletische Mittelfeldachse machte sich Lahms körperliche Unterlegenheit in direkten Zweikämpfen mehr denn je bemerkbar – anders als auf seiner angestammten Außenbahn fehlt Lahm im Zentrum der Platz, um kritische Situationen schon vorzeitig mit geschickten Laufwegen zu verhindern. In der defensiven Mitte braucht es in solchen Spielen eher die Haudruff-Charaktere, und das soll und wird Lahm nie werden.

Sami Khedira
Ähnlich wie bei Kroos. Nicht ohne Grund betont Jogi Löw in jeder freien Minute, wie wichtig Sami Khedira für das deutsche Spiel ist. Nicht ohne Grund ist er ein Risiko eingegangen, als er der Welt mitteilte, dass er unter allen Umständen auf die Rückkehr des am Kreuzband verletzten Mittelfeldspielers warten würde. Klar: Der Junge kann was. Aber was genau wurde gestern in 90 Minuten nicht ganz klar. Gegen Ghana wirkte Khedira nicht wie ein Champions-League-Sieger, sondern wie ein erprobter Mitläufer. Gegen die USA lassen wir uns sehr gerne vom Gegenteil überzeugen.





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