09.07.2014

Deutschland gegen Brasilien in der Einzelkritik

Nashörner auf Anabolika

Neuer trägt bald Cape, Kroos macht die Bayern lächerlich, Klose ist historisch wie die Berliner Mauer: Die deutsche Mannschaft gegen Brasilien in der Einzelkritik!

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imago

Manuel Neuer
Wenn wir irgendwann mal alt und grau sind, mit zittrigen Fingern in unserem Panini-Album blättern und gelangweilten Enkeln ein großes Geheimnis des Alters verraten, nämlich, dass früher alles besser war, und uns diese Rotzlöffel nicht glauben wollen, weil Opa ja sowieso einen Schuss hat, dann zeigen wir den Blagen die besten Paraden von Manuel Neuer, zünden uns genüsslich ein Pfeifchen an, während der Nachwuchs staunend und völlig fasziniert vor unserem historischen HD-Flachbildfernseher hockt, sich immer wieder entgeistert zu uns umdreht, die Münder zu einem »What the fuck?« geformt; dann schließen wir die Augen und denken noch mal an die 90 Minuten von Belo Horizonte, damals, am 8. Juli 2014, als Manuel Neuer im Tor stand und dabei so unüberwindlich aussah wie die chinesische Mauer, so dermaßen superheldenmäßig rüberkam mit seiner ganzen Aura, seiner Klasse und seiner Ausstrahlung, dass wir uns jetzt, viele Jahrzehnte später, noch immer wundern, dass er nach dem Spiel nicht in einer Telefonzelle verschwand und mit wehendem roten Cape die Welt vor dem Bösen zu retten versuchte. Dann werden wir uns wieder jung fühlen.

Mats Hummels
Wir möchten an dieser Stelle den schon vielfach verwendeten Vergleich mit dem Kasten Bier, den robuste Verteidiger aus dem Strafraum köpfen, modernisieren und auf Mats-Hummels-Niveau erhöhen. Denn Hummels würde den Kasten Bier nicht einfach stumpf aus dem Strafraum köpfen. Er würde ihn elegant mit der Brust annehmen, an zwei Brasilianern vorbeischlängeln, ihn dann mit einer herrlichen Flanke an einen seiner Mitspieler verteilen und dann vermutlich noch selbst ins gegnerische Tor stoßen. Und weil Hummels bei dieser WM eigentlich alles gelingt, würde er dabei, im Flug, 24 Flaschen mit dem Außenrist öffnen und an glückliche Fans verteilen. Das Bier wäre natürlich das beste Bier der Welt und die Flaschen lägen kühl und angenehm in der Hand. Beim Jubel über sein Tor würde der Mats dann noch unauffällig den Pfand wegbringen und den Bon in den Kasten für die Tafeln werfen.

Jerome Boateng
Armer Fred. Da pfiffen ihn irgendwann 200 Millionen Landsleute aus, als habe er soeben vor laufender Kamera eine freundliche Oma beklaut und deren Enkel noch eine gescheuert. Das muss ein fürchterliches Gefühl gewesen sein, so zum Buhmann gemacht zu werden. Öffentlich grün und blau geschlagen zu werden. Doch für Fred dürften die Pfiffe, dürfte der Hass noch vergleichsweise angenehm gewesen sein. Denn Fred, Mittelstürmer der brasilianischen Nationalmannschaft, hatte zuvor gegen Jerome Boateng spielen müssen. Und das wünschte man am gestrigen Abend nicht seinem schlimmsten Feind.

Philipp Lahm
Lieber Philipp Lahm, wir möchten uns bei Dir entschuldigen. Dafür, dass wir am Anfang der WM kurz den Glauben in Dich verloren hatten. Da wirktest Du etwas unsicher und spieltest doch tatsächlich zwei Fehlpässe hintereinander. Und weil Dir das zuletzt in der B-Jugend passiert war, am Tag nach der großen Fete bei Toni, als Du, um die süße Susi aus der Nachbarklasse zu beeindrucken, doch tatsächlich eine Flasche Fruchtsekt geleert hattest und dann reihernd im Gästeklo übernachten musstest, waren wir uns nicht ganz sicher, ob Du bei dieser WM nicht doch in eine Art Mini-Formtief stecken könntest. Seit gestern wissen wir: Wenn es dieses Formtief tatsächlich gegeben haben sollte, war es in etwa so tief wie eine Pfütze. Gegen Brasilien warst Du nämlich wieder so herrlich Philipplahmartig, dass uns schon beim Gedanken daran, gegen Dich ein Fußballspiel bestreiten zu müssen, das Herz in die Hose rutschte, um sich dort in der Hosentasche auf alle Ewigkeit zu verstecken. Deshalb, lieber Philipp Lahm, verzeih uns. Schön, dass es Dich gibt.

 
 
 
 
 
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