01.07.2014

Deutschland gegen Algerien in der Einzelkritik

Die Schutzverletzung

Mustafis Schutzverletzung. Höwedes auf links wie Basler im Auswärtigen Amt. Götze mit dem Kopf im Schulklo. Die deutsche Mannschaft gegen Algerien in der Einzelkritik.

Text:
Bild:
imago

Manuel Neuer
Hat Deutschlands Nummer 1 nun ein überragendes Spiel geliefert oder einfach als einer der ganz wenigen Nationalspieler seinen Job gemacht? Schon lange stand der Welttorhüter nicht mehr so im Rampenlicht wie am gestrigen Abend. Er bot trotzdem eine routinierte Klasse-Show wie eine alternde Diva, die noch immer weiß, mit welchen Tricks sie ihre Fans in den Bann ziehen muss. Neuer bot das ganze Best-of seiner Torwart-Qualitäten: Pflückte hohe Bälle zuverlässig runter wie ein erfahrener Saisonarbeiter die Äpfel zur Erntezeit, ließ sich von hart getretenen Distanzschüssen nicht aus der Ruhe bringen, reflexte einige Bälle mit erstaunlichen Körperverrenkungen aus dem Gefahrenbereich und bügelte in alter Waschfrau-Manier die Fehler seiner Vorderleute aus. Weil das so viele waren, dass circa 82 Millionen Deutsche noch heute wacklige Knie haben dürften, und weil Neuer dabei fehlerfrei blieb, dürfen wir uns schon jetzt über die nächste Talkshow-Besetzung bei Markus Lanz freuen: Lothar Matthäus, Klaus Augenthaler, Franz Beckenbauer und Tommy Ohrner zum Thema »Die Rückkehr des Liberos – warum Deutschland seinen letzten Mann so braucht«. Neuers Torwartkollege Oliver Kahn nannte die Ausflüge seines Nachfolgers in der Halbzeit »Harakiri«. Dazu möchten wir »wikipedia« bemühen: Unter anderem diente »Harakiri« dazu, Schande zu vermeiden, »wenn man während einer Schlacht dem Gegner in die Hände fiel«. So gesehen werten wir die Kahnsche Einschätzung einfach als dankbare Lobpreisung.

Shkodran Mustafi
Als Andy Möller 1995 ungefähr zehn Meter entfernt vom Karlsruher Dirk Schuster den Windhauch einer Grätsche verspürte, umfiel und so einen Elfmeter provozierte, der seinen Dortmundern letztlich die Meisterschaft einbrachte, versuchte sich Möller später mit einer legendären Interpretation seines eigenen Verhaltens zu rechtfertigen. Es habe sich dabei lediglich um eine »Schutzschwalbe« gehandelt. Am gestrigen Abend könnte Fußball-Deutschland die Rückkehr der »Schutz«-Aktion eines namhaften Profis erlebt haben. Es handelte sich hierbei um den gelernten Innenverteidiger Shkodran Mustafi, den vor der WM eigentlich nur Jogi Löw kannte, und der in diesem Achtelfinale plötzlich als rechter Verteidiger aufs Feld geschickt wurde. Der bedauernswerte Mustafi spielte 70 Minuten so dermaßen glücklos und eingeschüchtert, dass sich folgender Dialog vor dem Spiel möglicherweise wirklich so abgespielt haben könnte:

Löw: »Ssscchhgodraan. Du sschpiiiüüllst gegen Algerien übrigens auf rechts.«
Mustafi: »Was? Trainer, bei allem Respekt, wollen sie mich vergackeiern?«
Löw: »Wiiüeso?«
Mustafi: »Wir haben doch den Großkreutz!«
Löw: »Schon mal was von hööögschder Disziplin gehört?«
Mustafi: »Boateng auf rechts, der Höwedes in die Mitte, Durm auf links!«
Löw: »Neee. Der Hööwwedesch isch defensiiüv sscchtabiiül!«
Mustafi: »Ginter?«
Löw: »Hahaha.«
Mustafi: »Lahm! Lahm auf rechts, der Sami in die Mitte neben Schweini!«
Löw: »Der Ffiiilippp ist jetzt zentraal!«

Wie auch immer, Mustafi stand auf dem Rasen und das war wie einem kleinen Kind dabei hilflos zusehen zu müssen, wie es mit einem Messerset Mama, Papa, Kind spielt: Immer gefährlich, immer kurz vor der Katastrophe. Bis sich Mustafi verletzte, womit wir wieder bei Andy Möller wären. Nach einem Zweikampf blieb Mustafi schreiend liegen und zog sich dabei einen Muskelbündelriss zu, die WM ist für ihn beendet. Löw konnte jetzt nicht anders, brachte Khedira, zog Lahm auf rechts und Deutschland gewann. Dank der Schutzverletzung von Shkodran Mustafi.

Per Mertesacker
Hatte seinen besten Auftritt nach dem Spiel, als er dem ZDF-Frager Boris Büchler aggressiver anraunzte als ein Berliner Busfahrer seine Gäste nach einer durchzechten Nacht, die mit dem Ende seiner Ehe geendet hat. So viel Direktheit hätte man sich von Mertesacker auch gegen Algerien gewünscht. Eigentlich soll der lange Defensivmann die Rolle des Abwehrchefs einnehmen, aber gestern hatte diese Chefigkeit etwas Strombergartiges: Man konnte nicht mehr ganz genau sagen, wer Mertesacker eigentlich eine leitende Position übergeben hatte, phasenweise musste man sich sogar ein wenig fremdschämen. Wir hoffen mal, dass Mertesacker diese Kritik niemals in die Finger bekommt. Gut möglich, dass der Mann bei seiner gegenwärtigen Laune gegenüber Journalisten mit einem Panzer in den dritten Stock der Palisadenstraße rattert und den Autoren dieser Zeilen mit ein paar gezielten Ellenbogenschlägen aus dem Leben haut.

Jerome Boateng
Während sich sein Nebenmann Per Mertesacker üblicherweise mit der Agilität eines hüftkranken Rentners über den Rasen bewegt, hat der geschmeidig-lässig-monstercoole Bewegungsablauf von Jerome Boateng etwas Pimpartiges. Den deutschen Verteidiger könnten wir uns auch gut als Darsteller einer New Yorker Kiezgröße aus den achtziger Jahren vorstellen, der mit Nerzmantel und Pfauenfeder in der Hutkrempe durch sein Viertel schwankt. An guten Tagen auf dem Fußballplatz sieht das dann elegant und überlegen aus. An weniger guten Tagen möchte man 90 Minuten lang die Polizei rufen, um den Typen mit dem Nerzmantel und der Pfauenfeder endlich wegsperren zulassen, weil man in ihm eine öffentliche Gefahr vermutet. Womit wir beim gestrigen Auftritt von Boateng gegen Algerien angekommen wären.

Benedikt Höwedes
Man stelle sich das vor: Tiger Woods als Minigolfspieler! Shaquille O´Neal als Playmaker! Mario Basler als Diplomat im Auswärtigen Amt! Und Benedikt Höwedes als Linksverteidiger! Finde den Fehler.

 
 
 
 
 
123
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden